Magdeburg l Knapp 30 Kilo wiegt allein die Rüstung, die Philip Gläsmann in seiner Rolle als Tempelritter trägt. Aus über 100 Einzelteilen setzt sie sich zusammen. Weil die Rüstung so schwer ist, kann er sie nur maximal fünf Stunden am Tag tragen. Das Anziehen dauert jedes Mal eine halbe Stunde.

Wenn Philip Gläsmann seine Alltagskleidung gegen diese Rüstung tauscht, wird er zu „Kandamir“: einem gelernten Schmied, der dem Templerorden beigetreten ist und in Kriegszeiten gegen untote Wesen kämpft. Philip ist ein Larp-Fan, kurz für „Live Action Role Playing“. Seit acht Jahren sind Rollenspiele sein Hobby, dem er gemeinsam mit Hunderten anderer Spieler nachgeht.

Möglichkeit, seine Fantasie auszuleben

Ein Larp ist, kurz gesagt, ein Spiel für Jugendliche und Erwachsene, bei dem sie in (meist mittelalterliche) Rollen schlüpfen und in einer Fantasiewelt Abenteuer bestehen. Von Handwerkern über Magier bis zu Rittern bieten Veranstaltungen wie das „Conquest“, das weltweit größte Larp-Fest mit knapp 10 000 Teilnehmern, den Spielern die Möglichkeit, sich auszuleben.

„ Es ist ein bisschen wie Urlaub von der Realität. Man stellt das Handy aus, baut ein Zelt auf und verbringt mit 100 anderen Verrückten ein Wochenende im Mittelalter“, erklärt Philip Gläsmann sein Hobby. Da die Gewandungen teuer sind, ein Tunika-Hemd kostet bereits 30 Euro, fangen die meisten Neulinge mit einfachen Rollen und Verkleidungen an. Philips Rüstung, für die er immer wieder Geld gespart hat, kostet etwa 2500 Euro.

Im wahren Leben Student

Im wahren Leben studiert Philip Gläsmann, 24, Sozialwissenschaften und ist junger Vater. Früher hätten nur Nerds Rollenspiele gespielt, sagt Philip, mittlerweile macht das fast jeder – quer durch alle Berufe und Altersklassen. Auch für junge Menschen sei es ein gutes Hobby, denn: „Man kann sich in Ruhe in diese ganze Spiele-Welt reinfinden, sich erstmal Sachen leihen oder mit kleinen Events, etwa einer Wander-Con für 15 Euro Teilnahmegebühr, anfangen.

Wer bei einer Con, einem Live-Rollenspiel-Event, mitmachen will, muss laut Mittelalterverein Folgendes beachten:

1. Einen Charakter aussuchen, den man darstellen will.

2. Eine passende Gewandung, zum Beispiel im Internet, kaufen oder selber machen. Die Unterkleidung aus Stoff kann genäht, aber auch sowas wie ein Kettenhemd selber geknüpft werden – es dauert nur entsprechend lange, bis es fertig ist. Dafür macht es bei eingefleischten Fans umso mehr Eindruck. Als Gewandung ausgeschlossen ist Kleidung, die sofort auf das 21. Jahrhundert schließen lässt, wie Leggins oder Neon-Kleidung. Auch komplett schwarze Kleidung sollte vermieden werden – außer, sie gehört zur Rolle eines Benediktinermönches.

3. Überlegen, welche Eigenschaften die Rolle haben soll, welche Vergangenheit dazu beigetragen hat, dass etwa der Ritter nun schon seit Jahren auf den Schlachtfeldern unterwegs ist.

4. Nur Dinge darstellen, die vor Ort möglich sind. Magier können zwar Zauber beschwören, nicht aber sagen: „Ich fliege jetzt davon“, was sie tatsächlich nicht können. Auch das Töten von Charakteren sollte vermieden werden, denn es geht um das gemeinsame Spiel.

In Mittelalter versetzen

Von Mai bis August dauert die Hauptsaison der großen Conventions, die entweder ein Wochenende lang oder auch eine ganze Woche dauern können. Währenddessen verzichten die Spieler auf sämtlichen Luxus wie Strom oder fließendes Wasser.

Philip Gläsmann rät: „Bei Regen und Kälte ist es wichtig, vor allem warm genug angezogen zu sein. Manche bauen sich palastartige Zelte, in denen sie gut vor Wind und Wetter geschützt sind.“

Wie in einem Computerspiel können die Spieler einer Con auch Punkte für ihre Aktionen erhalten. Wenn also ein Magier einen „Feuerball 3“ zaubert, bekommt er dafür drei Punkte. Oftmals wird aber auf Punkte verzichtet, um möglichst frei spielen zu können. In jedem Fall müssen die Charaktere leicht als Magier oder Handwerker identifizierbar sein. Daher sollten die Spieler, sagt Philip Gläsmann, möglichst viele Klischees bedienen – sich als Elfe oder Tänzerin grazil bewegen oder als Schmied etwas grobschlächtig und derb geben. Die entsprechenden Werkzeuge und Accessoires helfen, den Eindruck des Charakters zu verstärken.

In seiner Rolle als Ritter Kandamir absolviert Philip Gläsmann bei Mittelalterfesten wie dem Kaiser-Otto-Fest in Magdeburg regelmäßig Schaukämpfe. Als gelernter Schmied kann er bei Conventions aber auch seine eigene Rüstung reparieren.

Mittlerweile kommt Philip Gläsmann wegen des Studiums und als junger Vater seltener dazu, eine Convention zu besuchen. Dazu sagt er: „Vor zwei Jahren war ich noch jedes zweite Wochenende unterwegs. Aber ich sage jedem, dass es richtig Spaß macht, wenn man sich darauf einlässt und mitmacht.“

Wer selber Teil eines Rollenspieles werden möchte, kann sich im Internet über Larp informieren oder über Internet Kontakte zu aktiven Spielern knüpfen.

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