Schkopau l Kohleausstieg? „Hier hat noch keiner drüber geredet!“, erklärt Frau Rehfeldt. Die resolute Kassiererin im Nahversorger an der Hallischen Straße in Schkopau. Der Einkaufsmarkt ist so etwas wie das Zentrum der Gemeinde, die neben Schkopau selbst elf weitere Orte südlich von Halle umfasst. Zwischen dem Markt und der Kirche an der Hauptstraße wirbt das eine oder andere Geschäft. Ein erkennbares Ortszentrum jedoch fehlt. Markant ist lediglich die Straßenbahnstrecke, die von Halle über Schkopau bis nach Bad Dürrenberg führt.

Umso wichtiger ist die Einkaufstätte als Seismograf der öffentlichen Meinung. Bei Nachfragen zum absehbaren Ende des Kohlekraftwerks fallen die Antworten skeptisch aus. Das ganze Projekt kommt den Schkopauern reichlich nebulös vor.

Aber wenn Geld fließt, bitte. Für die Jugend müsste was gemacht werden, damit sie in Schkopau bleibt, meint ein älterer Herr, aber bitte keinen Namen. Ein anderer findet es unnötig, ein modernes Kraftwerk wie das im Ort abzuschalten.

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Bürgerhaus im alten Buna-Kindergarten

Die Gründe für die merkliche Zurückhaltung liegen auf der Hand. Nach dem Umbruch vor 30 Jahren sind die Leute froh über das, was sie haben. Es gibt Arbeit, Schkopau ist gepflegt und hat nichts mehr von einem dreckigen Industriekaff. Wer weiß, was kommt, wenn das Kraftwerk schließt und mit ihm der Tagebau Profen, aus dem die Braunkohle dafür kommt?

Torsten Ringling ist Bürgermeister in der Gemeinde, deren Name früher mit dem Buna-Kombinat verschweißt war. Die Verwaltung residiert im Bürgerhaus, bis zur Wende der Buna-Betriebskindergarten. Ringling, parteilos, von Beruf Politologe, ist seit einem Jahr im Amt. Er hatte bei der Wahl seinen Vorgänger von der CDU vom Bürgermeistersessel gekickt.

Ringling, von schmaler Statur, sieht Großes auf die Gemeinde zukommen. „Ich habe großes Verständnis für den Kohleausstieg“, sagt er zum Einstieg prinzipiell. Die Einschränkungen kommen später. Bis zum geplanten Ende des Kraftwerks 2034 sei auch ein angemessener Zeitpuffer gegeben.

Ein Abschalten schon 2026, wie zwischenzeitlich von der Bundesregierung am grünen Tisch festgelegt, wäre für die Gemeinde hingegen eine Katastrophe gewesen. „Wir hätten 20 Prozent der Gewerbesteuern verloren. Das könnten wir nicht einfach so mal kompensieren.“

Das ist vom Tisch. Doch dürfe mit dem Kohleausstieg keine Deindustrialsierung verbunden sein, warnt Bürgermeister Ringling. Im Gegenteil: Er setzt sich für weitere Ansiedlungen im Schkopauer Chemiepark ein. Dort produzieren Dow Chemical, der Recylclingspezialist Suez und der Kautschukhersteller Trinseo. „Diese Unternehmen brauchen schlicht Energie. Woher sie kommt, ist ihnen letztlich schnurz“, erklärt Ringling.

Sonderwirtschaftszone mit EU-Regeln?

Er hält zudem den Gedanken des Chemiedreiecks Schkopau – Leuna – Bitterfeld hoch. „Wir dürfen nicht die Grundlagen der Erwerbstätigkeit einer rein umweltgerechten Wirtschaft opfern“, meint Ringling. Er wäre sogar dafür , die mitteldeutsche Kohleausstiegs-Region zu einer steuerlich begünstigten Sonderwirtschaftszone zu machen, mit einem entsprechenden EU-Regularium. Eine ähnliche Idee für den gesamten Osten hatte nach der Wende schon der Hallenser Hans-Dietrich Genscher. Durchgekommen ist das FDP-Urgestein damit nicht.

Schkopaus Bürgermeister kann sich vieles vorstellen, was man mit dem Kohle-Geld im Chemiepark machen könnte. Umweltforschung, Wasserstofftechnologie, ein Ausbildungszentrum für Chemieberufe. „Aber einen Plan“, seufzt der Bürgermeister, „hat bisher keiner.“

Für zukunftsträchtig hält Ringling am Schnittpunkt von A 14 und A 38 auch die Logistikbranche. Wie zur Bestätigung donnert es draußen: Ein Flugzeug im Anflug auf den nahen Airport Halle/Leipzig. Vor allem der Frachtverkehr floriert. Die Schkopauer haben den Lärm. Das belastet – natürlich. Andererseits schafft der Flughafen Arbeit für die gesamte Region. Mit passivem Lärmschutz, so Ringling, soll dem Fluglärm begegnet werden.

Ein paar Straßen weiter nickt Apothekerin Diana Schneider wissend beim Stichwort Kohleausstieg: „Die Frage ist, wo die Millionen hingehen. In der Region werden die kleineren Betriebe Einnahmen verlieren, was dann?“

Was hat Schkopau noch zu bieten? Der Hausmeister am Kindergarten empfiehlt da das Schloss, ein Vier-Sterne-Hotel. In der Tat ein schickes Haus mit einem kleinen Park vor der Tür. Nachfrage an der Rezeption: Ob der Geschäftsführer mal kurz zu sprechen sei in Sachen Ortsentwicklung nach dem Kohleausstieg? Nein, ist er nicht, man könne morgen noch mal nachfragen. Ein Rausschmiss erster Klasse.

Es geht auch drastischer: Auf dem Rückweg ein kurzer Halt am Kraftwerksgelände – noch ein paar Fotos vom Zaun aus schießen. Nur Minuten dauert es, bis der Werkschutz erscheint: „Hier ist Fotografieren verboten.“ Alles klar, geordneter Rückzug.

Die Aufmerksamkeit der Wachleute hat ihren Grund. Das Uniper-Kraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln wurde schon zeitweise von Umweltschützern gekapert. In Schkopau gehen die Uhren anders. Hier gäbe es für solche Aktionen kaum Verständnis – zumindest bei denjenigen, die von der Industrie leben. Und das sind fast alle.