Barleben l Der Barleber war im Oktober 2016 aus einem Zug gestürzt, in dem auch HFC-Fans saßen. Seine Eltern, Silke und Horst Schindler, sprechen erstmals und exklusiv öffentlich über den Tod ihres Sohnes.

Am Sonnabend spielt der FCM beim Halleschen FC. Was werden Sie an diesem Tag machen?

Silke Schindler: Ich bin in Magdeburg und gehe zum Public Viewing am Stadion. Wir teilen uns am Wochenende auf.

Horst Schindler: Ich fahre mit einem Plakat nach Halle und schaue mir das Spiel im Auswärtsblock an, um ein Zeichen zu setzen.

Worum geht es Ihnen beim angekündigten Fanmarsch in Richtung Stadion?

Silke Schindler: Wir starten am Hundertwasserhaus, dann laufen wir zum Stadion. Es geht gegen das Vergessen. Wir nehmen nicht hin, dass das Verfahren eingestellt worden ist und sind über jede Hilfe dankbar, die wir diesbezüglich bekommen. Es soll nicht einfach ein Haken an das Verfahren gesetzt werden. Es geht bei dem Fanmarsch aber auch darum, ein Zeichen gegen jegliche Gewalt zu setzen. Hannes war die Spitze des Eisberges. Es wurden Grenzen überschritten.

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Was für ein Mensch war Hannes?

Silke Schindler: Ich habe immer gesagt, dass Hannes ein liebenswerter Chaot war, ein sehr netter Mensch, der wie alle Menschen natürlich auch seine Schwächen hatte. Er hat als Schlosser gearbeitet. Schule war nicht so sein Ding, er war froh, als er arbeiten durfte.

Wie viel hat ihm der FCM bedeutet?

Silke Schindler: Der FCM stand bei ihm an erster Stelle, dann erst kamen seine Freundin und wir.

Wie hat sich seine Leidenschaft für den Club entwickelt?

Silke Schindler: Zunächst war er Fan von Borussia Dortmund, weil sein Bruder Christoph auch BVB-Fan ist. Hannes spielte auch selber Fußball beim FSV Barleben. Dort ist Christoph momentan Trainer. Irgendwann zu Regionalligazeiten ging es dann bei Hannes mit dem FCM richtig los. Mit dem Aufstieg in die 3. Liga ist er zu jedem Heim- und Auswärtsspiel gefahren. Er hat an Choreografien mitgebastelt und sogar noch Nebenjobs angenommen, um sich das Geld für weite Auswärtsfahrten zu verdienen. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: Der FCM war sein Leben. Er hatte sich im Alter von 19 Jahren auch ein FCM-Tattoo auf die Brust machen lassen. Als er mich fragte, ob das in Ordnung wäre, habe ich nur gesagt, dass er das selber entscheiden soll.

Horst Schindler: Ich war da außen vor, er ist bei solchen Themen zur Mutter gegangen.

Waren Sie auch häufiger im Stadion?

Horst Schindler: Überhaupt nicht. Wir hatten nichts mit Fußball am Hut. Unsere Jungs haben selber gespielt und Christoph ist immer mal nach Dortmund gefahren. Aber wir konnten mit dieser Leidenschaft nicht viel anfangen. Wir haben die Spiele nur manchmal im Fernsehen gesehen.

Silke Schindler: Es ist aber schon so, dass die Leidenschaft ansteckt. Das haben wir bemerkt, als wir Ende des Jahres im Stadion waren, als Christoph die Rede gehalten hat.

Wann waren Sie das erste Mal im Stadion?

Silke Schindler: Das war, als Hannes im Krankenhaus lag, beim Freundschaftsspiel gegen den Hamburger SV.

In der Nacht zum 2. Oktober wurde Hannes nach dem Sturz aus einer Regionalbahn in der Nähe der Haltestelle Haldensleben lebensgefährlich verletzt. Wie haben Sie davon erfahren?

Silke Schindler: Wir wurden nachts um drei Uhr von einer Freundin angerufen, die Hannes mit anderen Freunden am Bahnsteig gesucht haben.

Horst Schindler: Meine Frau hatte noch gesagt, dass es bestimmt nicht so schlimm sein wird, dass er vielleicht etwas mit dem Bein hätte.

Silke Schindler: Wenn nachts das Telefon klingelt, dann steht man erst mal sowieso senkrecht im Bett und weiß schon, dass irgendwas passiert ist. Das kam auch bei Hannes immer mal wieder vor, wenn er Fußball gespielt und sich verletzt hatte. Wir sind dann am 2. Oktober losgefahren und haben sehr lange im Krankenhaus gewartet. Hannes wurde gleich operiert.

Horst Schindler: Als wir im Krankenhaus ankamen, war auch schon die Polizei da und sprach mit uns.

Silke Schindler: Die Polizei fragte uns, wer mit Hannes unterwegs war. Das konnten wir aber nicht sagen. Hannes war 25 Jahre alt und wohnte seit zwei Jahren nicht mehr zu Hause. Er hatte in Barleben eine eigene Wohnung, da weiß man ja nicht immer, was der Sohn macht. Als wir in der Nacht zum Arzt gingen, sagte der uns, dass es nicht gut aussieht. Wir müssten mit allem rechnen. Horst und ich haben uns angeguckt, und erst zu Hause haben wir langsam realisiert, was da passiert ist. Wir waren aber trotzdem optimistisch und haben uns gesagt, dass es Hannes schafft, weil er ein Kämpfer war.

Horst Schindler: Am nächsten Tag sind wir dann wieder ins Krankenhaus gefahren. Man hat ja keine Ruhe.

Silke Schindler: Das war auch das erste Mal, dass wir Hannes gesehen hatten. Davor hatten wir Angst, weil wir ja nicht wussten, wie er aussieht. Er hatte aber optisch gesehen gar nichts, nur den Kopfverband. Wir waren deshalb auch positiv gestimmt, bis uns gesagt wurde, dass die Kopfverletzung sehr schwer und auch das Gehirn betroffen war. Der Kopfdruck war zu hoch, und er hatte zwei Hirnblutungen. Am 10. Oktober, zwei Tage vor seinem Tod, wurde uns gesagt, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Am 12. Oktober am Vormittag waren wir gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, als der Anruf kam, dass er verstorben war.

Horst Schindler: Man wird ein ganz anderer Mensch, wenn so etwas passiert.

In den Tagen, als Hannes im Krankenhaus war, zeigten viele FCM-Fans ihre Solidarität. Wie viel hat Ihnen das bedeutet?

Silke Schindler: Mein Mann konnte sich das alles nicht angucken. Ich habe dagegen fast alles gesehen und gelesen. Es war Wahnsinn, dass so viele Leute Anteil genommen haben. Manchmal wurde es auch zu viel, dann habe ich mich zurückgezogen. Geholfen haben die Freunde von Hannes, die häufig zu Besuch kamen und immer noch oft vorbeischauen. Das haben sie und wir gebraucht.

Wie äußerte sich diese Unterstützung für Sie persönlich?

Silke Schindler: Eigentlich haben wir immer gesagt, dass wir keine Unterstützung haben wollen, weil es ein komisches Gefühl war. Wir sind einfache Arbeiter und haben uns immer alles selber erarbeitet. Dann ist es komisch, wenn man von fremden Leuten Geld bekommt. Es hat aber sehr geholfen, weil die Ausgaben enorm waren – für die Beerdigung, den Anwalt. Wir sind für die Unterstützung sehr dankbar.

Nachdem Hannes am 12. Oktober verstarb, verzichteten die HFC-Fans am 9. November auf die Anreise zum Derby nach Magdeburg. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Silke Schindler: Ich finde, dass die HFC-Fans feige waren. Wenn ich nichts zu verbergen habe, dann fahre ich doch zum Spiel und unterstütze auch meine Mannschaft. Da war meiner Meinung nach eine Ausrede, dass sie wegen des Todes von Hannes nicht zum Spiel gefahren sind. Ich glaube, dass sie Angst hatten. Sie hätten ja herkommen und mit Transparenten ihr Mitgefühl ausdrücken können.

Wie stehen Sie zu dem Derby-Boykott von Block U?

Silke Schindler: Jeder sollte selber entscheiden dürfen, ob er sich ein Spiel anschaut oder nicht. Da sollte es keine Vorgaben geben.

Im Zug waren auch einige HFC-Fans. Haben sich nach dem Tod von Hannes Offizielle des Halleschen FC bei Ihnen gemeldet?

Silke Schindler: Vom Halleschen FC kam gar nichts. Es ist wirklich traurig. Viele Vereine aus Leipzig, Erfurt, selbst aus Augsburg haben sich gemeldet. Aus Halle kam aber nichts.

Wie ging es bei Ihnen nach dem Tod von Hannes weiter?

Silke Schindler: Letztendlich kämpfen wir Tag für Tag, um mit der Situation klarzukommen. Horst hat dann wieder angefangen zu arbeiten, ich habe es nicht geschafft. Wir waren froh, als die Weihnachtszeit vorbei war, weil es da besonders schwer war.

Horst Schindler: Wir können nicht richtig abschließen, weil wir nicht wissen, was genau war. Du wachst morgens auf und denkst, dass es ein Albtraum war.

Silke Schindler: Wenn es einen Täter geben würde, der bestraft worden wäre, dann hätten wir zumindest Klarheit und einen Abschluss. Solange es nicht abgeschlossen ist, kommen wir nicht zur Ruhe.

Viele Fans engagieren sich nach wie vor. Vom FCM wurde der 1. Oktober zudem als offizieller Gedenktag festgelegt. Wie wichtig ist Ihnen das?

Silke Schindler: Es ist schon wichtig, dass an Hannes erinnert wird, weil der FCM sein Leben war. Außerdem geht es einfach um einen Menschen, der völlig unnötig sein Leben verloren hat. Das sollte man nie vergessen.