Magdeburg l Der Fall hatte ein internationales Medienecho ausgelöst. In der Klausenerstraße in Magdeburg-Sudenburg waren 1994 bei Bauarbeiten mehr als 50 Skelette in einem Massengrab gefunden worden.

Wissenschaftler rätselten, ob es sich um Gebeine aus dem Zweiten Weltkrieg, womöglich Gestapo-Opfer handelte. Oder stammen die Toten aus der Nachkriegs-Zeit? Was waren das für Menschen, die dort regelrecht verscharrt wurden. Ein komplexes Puzzlespiel begann.

Der Magdeburger Rechtsmediziner Professor Reinhard Szibor setzte seine theoretischen Erfahrungen auf dem Gebiet der forensischen Pollenanalyse ein: „Anhand winziger Blütenpollen, die den Knochen anhaften, lässt sich die Todeszeit ziemlich genau bestimmen“.

Die Frage nach der Jahreszeit konnte durch die Methode zwei Jahre später beantwortet werden. Szibor: „Es waren eindeutig Sommerpollen, die wir in den 21 Schädeln gefunden haben – Juni, Juli.“

Ehemalige Westendstraße war Sperrgebiet

Bekannt war, dass die Westendstraße (Klausenerstraße) nach 1945 militärisches Sperrgebiet war und dass sich dort auch die Sonderabteilung des sowjetischen Geheimdienstes KGB der 3. Stoßarmee befand.

Zwei Experten kommen bei demselben Ergebnis zu unterschiedlichen Deutungen. Der Kölner Professor Mark Benecke, wegen seiner spektakulären Forschungen als „Herr der Maden“ bekannt, geht davon aus, dass es sich aufgrund der zeitlichen Deckungsgleichheit sehr wahrscheinlich um Opfer des DDR-Volksaufstands am 17. Juni 1953 handelt. Der Magdeburger Professor Reinhard Szibor verfolgt eine andere Theorie. Er glaubt, dass es sich bei den Getöteten um Abweichler aus den eigenen Reihen handeln könnte, die vom sowjetischen Geheimdienst erschossen wurden.

Beide Varianten schließen einander nicht aus. Die Pollen-Analyse hat auf jeden Fall wichtige neue Anhaltspunkte zur Aufklärung eines historischen Verbrechens geliefert.

Die Knochenfunde 1994 hatten der These wieder Nahrung gegeben, dass unter den Gebeinen auch die der Nazi-Größen sein könnten.

Hitlers Leiche in Magdeburg ausgegraben

Nachforschungen in russischen Archiven hatten ergeben, dass die Knochen (ohne Schädel) von Adolf Hitler und Eva Braun, nachdem sie am 4. Mai 1945 von Soldaten der 3. Stoßarmee am Führerbunker gefunden worden waren, über Berlin-Buch und Rathenow nach Magdeburg geschafft wurden. Dort wurden sie auf dem Gelände der ehemaligen Militärsiedlung in Sudenburg begraben. Wie auch die Überreste vom NS-Propagandaminister Goebbels, seiner Frau und seiner Kinder – insgesamt zehn Personen.

In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1970 gruben fünf russische Geheimdienst-Offiziere auf dem Grundstück Klausenerstraße 36 die sterblichen Überreste in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wieder aus. Die Knochen lagen in fünf Munitionskisten, etwa einen Meter tief in der Erde. Die Kisten wurden auf dem Gelände der einer sowjetischen Panzereinheit in Schönebeck mit 20 Litern Benzin übergossen und verbrannt. Nach einer Stunde wurde die Asche in einen Sack gefegt und von der sogenannten Schweinebrücke bei Biederitz (Jerichower Land) in die Ehle gestreut.