400 handwerkliche Orgelbaubetriebe in Deutschland

Deutschland hat im März 2016 die Nominierung „Orgelbau und -musik“ für die Unesco-Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingereicht. Anfang Dezember entschied der Zwischenstaatliche Ausschuss bei seiner Tagung in Südkorea, diese Kulturform als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anzuerkennen.

Bisher sind 398 Formen des Immateriellen Kulturerbes auf der sogenannten Repräsentativen Liste eingetragen.

400 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit etwa 2 800 Mitarbeitern und 180 Auszubildenden gibt es in Deutschland. Zudem prägen 3 500 hauptamtliche und Zehntausende ehrenamtliche Organisten das Handwerk und die Kunst des Orgelbaus und der Orgelmusik in Deutschland.

Über 50 000 Orgeln sind derzeit in Kirchen und Konzertsälen im Einsatz.

Seit dem Mittelalter werden Orgeln aus Europa weltweit exportiert.

Halberstadt l Die Tür zur Werkstatt geht auf. Es riecht angenehm nach Holz. Klassische Musik erklingt dezent aus dem Hintergrund. Hier dudelt kein „Last Christmas“, überhaupt ist hier nichts laut, keine Hektik, kein Computer. Die Werkstatt von Vater und Sohn Hüfken aus Halberstadt wirkt wie eine kleine andere Welt.

Orgel aus England

Mitten in einem der Räume steht eine auseinandergebaute Orgel. „Built by“ steht auf einem Schild. Das gute Stück stammt aus England. Orgelbauer Johannes Hüfken hat es jetzt unter seinen Fittichen. Das historische Instrument wird repariert und erweitert. Pfeifen, Klaviatur, vieles muss aufgearbeitet werden, auch das hölzerne Gerüst mit seinen Verzierungen. Bis Ende des nächsten Jahres muss diese Orgel schmuck sein und lebendig im Klang. Sie wird in einer Kirche in Hannover eingebaut.

Auch für das Kloster Michaelstein und für Hadmersleben arbeitet die Orgelbaufima aus Halberstadt in diesen Wochen.

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Anerkennung der Staatsministerin

Dass die Unesco den Orgelbau und die Orgelmusik auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes gesetzt hat, nennen Reinhard und Sohn Johannes Hüfken unisono eine große, wichtige Anerkennung. Staatsministerin Monika Grütters (CDU) hatte gesagt: „Deutschland kann auf eine große Kultur des Orgelbaus und der Orgelmusik zurückblicken, die weltweit ihresgleichen sucht.“ Beides sei auch heute noch wichtiger Teil unseres Musiklebens, so Grütters, beides werde von Generation zu Generation weitergegeben, gepflegt und fortentwickelt.

So ist es auch bei den Hüfkens. Vater Reinhard hatte in der achten Klasse, als er bei seinem Cousin, einem Orgelbauer, in den Ferien jobbte, Blut geleckt, wie er sagt. Er wurde erst Tischler, dann in Potsdam Orgelbauer. Von den Kindern ist Sohn Johannes infiziert worden. Er lernte in Ludwigsburg, der einzigen Orgelbauerschule. Längst leitet er die Werkstatt in Halberstadt, ist Meister.

Das Meisterstück

Dann führt er weiter durch die Werkstatt mit ihren modernen Maschinen – ja, die gibt es neben viel Handarbeit natürlich auch – und schlägt einige Wolldecken zurück, die schützend auf einem großen hölzernen Instrument liegen. Es ist das Meisterstück des 37-Jährigen, mit dem er sich an etwas ganz Besonderes gewagt hat: Eine Orgel und ein Cembalo in einem, ein sogenanntes Claviorganum. Er setzt sich an den Eigenbau und spielt und strahlt.

Jede Orgel hat eigenen Charakter

Wie im Menschenreich auch hat jede Orgel ihren ganz eigenen Charakter. Jedes Instrument muss deshalb studiert werden. Der Orgelbauer muss das Seelenleben erkennen und erfühlen. Reinhard Hüfken, der den Betrieb Ende der 1970er Jahren gegründet hatte, in der DDR-Zeit mit zwei, drei Leuten kleinere Orgeln restaurierte und unter anderen im Magdeburger Kloster Unser Lieben Frauen für die dortige Orgel die Pflege übernommen hatte, nennt es eine Spurensuche. Wichtig sei, das Klangbild des alten Meisters zu erkennen. Diese Spurensuche erfordere mehr als nur Tischlergeschick. Der Orgelbau sei nicht nur Handwerk, sondern auch eine Kunst, sagt Vater Hüfken und er meint damit das Können, das außergewöhnliche Instrument, seinen Klang und die es umgebende Architektur in Einklang zu bringen.

Auf Röver spezialisiert

Es sind vor allem die Reparatur und Restauration von alten Orgeln, die die Auftragsbücher der neun Leute starken Firma füllen. Spezialisiert hat sie sich vor Jahren schon auf jene, die einst bei Quedlinburg von Ernst Röver hergestellt worden sind und zuhauf im Sachsen-Anhaltischen zu finden sind. Rövers Technik sei eine besondere gewesen, vom Fachmann für den Laien schwer in Worte zu fassen, sagt Hüfken senior. Vielleicht so viel: Zwischen Tastendruck und Pfeifenklang ist die Verzögerung bei diesen Instrumenten nur minimal. Die Technik ist an keiner Schule erlernbar.

Auftrag in Moskau

Die Hüfkens vergleichen ihre Arbeit mit einer Oldtimerwerkstatt: Alle alten Autos könne man reparieren, aber spezialisiert sei man auf eine Marke. Den Halberstädtern hat dieses Spezialgebiet vor Jahren auch einen Auftrag in Moskau beschert, als ein Pfarrer auf der Suche nach Röver-Fachleuten war. Zehn Jahre hatte die Gemeinde in der russischen Metropole Geld gesammelt, 2012 war der Auftrag von Hüfken vollendet. Das Projekt war vor allem logistisch eine Herausforderung. Mit einer mobilen Werkstatt reisten die Halberstädter in den Osten.

Moskau, Caputh, Bremen, Hamburg, Halle, Magdeburg, Halberstadt, auch in vielen kleinen Ortschaften in Sachsen-Anhalt haben die Halberstädter Orgelbauer gearbeitet. Immer wieder mal gibt es den Auftrag für einen Neubau – eine andere Herausforderung. Hüfken senior erinnert sich noch gut an den ersten, überlebenswichtigen Neubau-Auftrag nach der Wende, als das Plötzkyer Pfarrerehepaar Meussling für die Pretziener Kirche – heute ein Kleinod an der (Touristen-)Straße der Romanik – eine Orgel bestellte. In all den Jahren erklang sie nicht nur zu den Pretziener Gottesdiensten, sondern auch zu bestens besuchten Konzerten anlässlich der vielen Musiksommer im ostelbischen Ort bei Schönebeck.

Der Klang der Orgel

Hüfkens wissen allzu gut um die Bedeutung einer Orgel für eine Kirche und ihre Gemeinde. Die Kirche sei nicht nur zuverlässiger Geldgeber. Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter seien wichtige Wegbegleiter dafür, dass eine Orgel wieder erklingen kann. Nicht selten stehe ein ganzes Dorf hinter einem Bau – auch, weil das Instrument das i-Tüpfelchen auf einem langen Weg ist. Meist sind Fenster schon saniert, das Dach und der Glockenstuhl. Der Klang der Orgel vollendet dann das Werk.

Wenn nach all dem Beschäftigen und Studieren und Handwerken eine Orgel erstmals wieder zu hören ist, dann ist Anspannung da, sagt Hüfkens junior. Er habe immer wieder eine Gänsehaut, auch wenn der Klang des Instrumentes schon während der Arbeit für ihn vorstellbar sei.

Vorstellungskraft gehört also auch zum Handwerk des Orgelbauers.

Genuss der Musik

Kann Johannes Hüfken die Orgel im Konzert und im Gottesdienst genießen? „Natürlich. Ich nehme ein Konzert als Zuhörer wahr, nicht als Orgelbauer“, sagt er und erinnert sich mit einem Lachen an den Besuch des Bundespräsidenten Horst Köhler zur Einweihung des Halberstädter Domschatzes, als auf einmal die Orgel nicht funktionierte. Die Suchhunde hatten geschnüffelt und etwas verstellt. Der Fachmann half, die Orgel erklang, und alle im Raum konnten die Königin der Instrumente genießen.