Wernigerode l Der Harz ist Berlin weit voraus – zumindest wenn es um ein Denkmal für die deutsche Einheit geht. Denn während in der Bundeshauptstadt mehrere Wettbewerbe ausgeschrieben, sich dann ausgiebig über die Realisierung der „Bundeswippe“ am Berliner Stadtschloss gestritten und nun schließlich zu dem Projekt durchgerungen wurde, steht in Wernigerode bereits ein Denkmal für die deutsche Einheit – und das seit 1986.

Doch wie kann das sein, dass drei Jahre vor dem Mauerfall ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Wernigerode geschaffen wurde? Diese Frage kann Claus Christian Wenzel beantworten. Der frühere Stadtplaner im damaligen Kreis Wernigerode hatte die Idee, das Großkunstwerk zwischen Grundschule, Gymnasium und Turnhalle im Wohngebiet Stadtfeld zu errichten.

„Damals sollte ein sozialistisch-realistisches Denkmal zwischen den Schulen entstehen. Aber es war natürlich kein Geld da. Also habe ich improvisiert und alle haben mitgespielt“, erinnert sich Wenzel, der mittlerweile in Berlin lebt. Ausgetrickst habe er die DDR-Oberen. „Natürlich hatte ich im Hinterkopf, wofür das Denkmal stehen soll – aber es hat einfach niemanden interessiert, wofür es steht. Man nahm an, es sei abstrakte Kunst.“ In einer Schulklasse sollte er erklären, was sein Denkmal darstellt. „Da sagte ich: Es soll nichts sein. Es ist etwas. Und was, das kann jeder selbst entscheiden.“

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Projekt niemals offiziell genehmigt

Heute blickt der 79-Jährige stolz auf die vier Säulen, die gen Himmel ragen. Stolz, weil sein Denkmal ohne viele Millionen Euro zustande kam. Einzig seine Beziehungen zu den damaligen Betrieben und rührigen Mitarbeitern nutzte der Architekt, um das Denkmal zu finanzieren. Das Projekt, das niemand offiziell genehmigt habe, war gleichzeitig seine heimliche Rache, nachdem er 1986 nicht in den Verband bildender Künstler aufgenommen wurde. „Aus Gnatz wollte ich beweisen: Ich bin sehr wohl ein Künstler, ich kann ein Denkmal errichten. Und was für eins!“

Doch wo steckt die geballte Symbolkraft? „Die drei kräftigen, roten Pylone symbolisieren die Bundesrepublik, die rostige antike Säule ist die DDR“, sagt der Architekturexperte. Die 70 Zentimeter dicken, elf Meter langen Wasserleitungsrohre erhielt er vom Spezialbaukombinat Blankenburg. Die sechs Meter lange dorische Säule wurde 1827 für einen Vorbau der Ofengießerei in Rothehütte, später Königshütte, gegossen. Dort standen sie und weitere Säulen bis in die DDR-Zeit zur Zierde an einer Fabrikhalle, mussten später der Erweiterung der Produktionshalle weichen. Im Volksmund wurde Wenzels Denkmal hinter vorgehaltener Hand als „Riesenlötkolben“ bezeichnet.

„Bis heute hat das Denkmal niemand eingeweiht“, sagt er bedrückt und streicht fast liebevoll über die rostige Säule. „Ein Denkmal ersetzt 10.000 Worte – und so ein Denkmal haben wir geschaffen.“ Grandios wäre das, wenn der Bundespräsident Kenntnis vom Wernigeröder Einheitsdenkmal nehmen würde. „Aber weder ein Joachim Gauck hat sich die Zeit genommen, noch ein Frank-Walter Steinmeier“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Natürlich habe er Briefe an das Bundespräsidialamt geschrieben, um die Politprominenz auf die Existenz des Vorreiterdenkmals aufmerksam zu machen. In Berlin läuft Wenzel den Persönlichkeiten aus dem Bundestag regelmäßig über den Weg – sei es bei Ausstellungseröffnungen, Martineen oder Diskussionsabenden der Parteistiftungen und Bundeseinrichtungen.

Wenzel bewarb sich um Einheitsdenkmal

Und so verwundert es kaum, dass Claus Christian Wenzel – übrigens ein Künstlername, den er sich vor vielen Jahren selbst gab – sich auch beim Berliner Einheitsdenkmal als Experte ausgibt. Der gebürtige Blankenburger hat sich sogar im Jahr 2009 mit 1400 weiteren Kreativen an dem offiziellen Wettbewerb zur Gestaltung des Berliner Einheitsdenkmals beteiligt. „Dann kamen 30 Seiten Ausschreibungsvoraussetzungen“, erinnert er sich. „Und nach dieser Runde waren wir nur noch 533 Architekten. Und mein Entwurf war dabei“, sagt er.

Im Berliner Kronprinzenpalais wurde Claus Christian Wenzel und den anderen Beteiligten schließlich mitgeteilt, dass kein Beitrag genommen werde, und ein zweiter Wettbewerb gestartet werden müsse. „Architekten aus Belgrad, San Francisco und Moskau hatten sich beteiligt. Sie alle wurden nach Hause geschickt.“ Die Skizze, mit der sich Claus Christian Wenzel beteiligt hatte? Es war die des Wernigeröder Freiheits- und Einheitsdenkmales, platziert auf dem Hof des Berliner Schlosses. Wenzels Entwurf und die restlichen 531 eingereichten Skizzen wurden 2009 im Kronprinzenpalais Unter den Linden öffentlich ausgestellt.Der Enttäuschung über die Absage ist mittlerweile die Wut über den Siegerentwurf gewichen. „Alle 532 Entwürfe waren besser als der, der schließlich in der dritten Ausschreibung genommen wurde“, sagt er.

Die Idee, eine große begehbare Waage vor dem Berliner Schloss zu bauen, findet Claus Christian Wenzel „vollkommen ungeeignet“. „Sicherheitsleute werden ständig Wache schieben müssen, denn die Menschen werden dort Fangeball spielen und herumlungern“, sagt er, und schiebt hinterher: „Es ist eine Verballhornung der friedlichen Revolution. Mein Entwurf ist wesentlich besser.“ Das Bauwerk für 15 Millionen Euro soll laut Beschluss zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls 2019 eingeweiht werden. Die 50 Meter langen Schale neigt sich, wenn auf einer Seite 20 Menschen mehr sind als auf der anderen Seite.

Auch, wenn er nicht den Zuschlag für das Berliner Großprojekt erhalten hat, präsentiert Wenzel seine Vision eines Einheitsdenkmals regelmäßig vor Publikum. Auf Einladung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat er sein Denkmal bei der Geschichtsmesse in Suhl bereits 2009, 2010 und 2011 vorgestellt.