Flutrisikokarten ohne Daten von 2013

Land unter für 350.000 Sachsen-Anhalter

Von Jens Schmidt

Magdeburg l Wer ein Haus bauen oder ein Grundstück kaufen will, sollte zuvor in die Flutrisikokarte schauen. Die Landesregierung hat am Dienstag die Karte im Internet freigeschaltet. Manko: Die 2013er Flutdaten können erst in den nächsten Monaten eingearbeitet werden.

Der Landeshochwasserbetrieb und ein Ingenieurbüro haben drei Jahre lang gerechnet und modelliert: Das Resultat ist eine Risikokarte, die für jedes Wohnviertel, jeden Betrieb und jede Feldflur zeigt, wie hoch das Wasser steht, wenn Fluten an Elbe. Saale oder Mulde Sachsen-Anhalt erreichen. Die Berechnungen sind enorm aufwendig, so dass die aktuellen Daten der Extremflut vom Juni 2013 erst schrittweise in den kommenden Monaten eingepflegt werden können, sagte Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU). Auch für Sachsen, die schon seit längerem Risikokarten haben, sind die Juni-Flutdaten noch nicht integriert, teilte der Gesamtverband der Versicherer auf Nachfrage der Volksstimme mit.

Die Karten sind in drei Risikostufen eingeteilt:

Hochrisikogebiete: Hier handelt es sich um Flächen, die im Mittel alle zehn bis 20 Jahre überschwemmt werden. In diesen Arealen bekommen die Anwohner bei fast jedem kräftigen Frühjahrshochwasser nasse Füße. Da diese Regionen bekannt sind, gibt es hier vergeichsweise wenige Wohnhäuser und Betriebe. Betroffen wären etwa 12000 Menschen in Sachsen-Anhalt.

Jahrhundertflutgebiete (Mittleres Risiko): Areale, die bei gewaltigen Fluten wie 2002 und 2013 überschwemmt werden, finden sich in der mittleren Risikogruppe. Die Folgen sind zwar verheerend, das Risiko, abzusaufen, wird aber nur als mittelgroß angegeben, da im statistischen Durchschnitt nur alle 100 Jahre solch eine Flut zu erwarten ist. Doch das ist Statistik: Die vergangenen 20 Jahren lehren, dass solche Jahrhundertfluten auch mal gehäuft auftreten können. Ob dies ein Trend ist oder ob der nächste Dauer-Starkregen uns erst in 40 Jahren ereilt, kann derzeit niemand genau vorhersagen. Wetterkundler gehen zwar davon aus, dass wegen der Klimaerwärmung künftig mehr Feuchtigkeit in der Luft steckt, es ist aber noch unklar, ob die Wolkenmassen künftig häufiger über Mitteleuropa oder anderswo abregnen. Die Zugbahnen der Unwetter-Tiefdruckgebiete werden derzeit erforscht.

Selbst wenn alle Deiche halten, käme es bei Jahrhundertfluten zu starken Überschwemmungen. Betroffen wären 48500 Menschen. Vorausgesetzt: alle Deiche halten.

Extremszenario: Alle Dämme brechen: Was passiert bei einer Extremflut und wenn alle Deiche brechen? Diese Super-Katastrophe ist in einem dritten Kartenpaket dargestellt. Betroffen wären dann landesweit 350000 Menschen. Dass in ganz Sachsen-Anhalt alle Deiche bersten, ist natürlich extrem unwahrscheinlich. Dennoch ist die Karte von Nutzen: Sollten an einzelnen Stellen Wälle aufweichen - wie in Fischbeck und Breitenhagen 2013 geschehen - kann jeder gut ablesen, wie weit die Wassermassen ins Land vordringen können. Besonders betroffen wäre etwa der Osten Magdeburgs und die Region in und um Biederitz, wenn der Deich des Umflutkanals bräche.

Die Karten sind in zwei Versionen dargestellt. Einmal zeigen sie die betroffenen Häuser, Äcker, Betriebe, Kulturstätten und Naturschutzgebiete. Auf einer weiteren Version ist ablesbar, wie hoch das Wasser wo steht.

Wenn die 2013er Werte eingearbeitet sind, werden etliche Gebiete im mittleren Risikogebiet noch hinzukommen. Das betrifft Elb-Anrainer, aber vor allem Bewohner an der Saale wie in Halle, wo die Juni-Flut noch höhere Extremwerte erreichte. Das 2013er Hochwasser wirkt sich auf ein Viertel der Flusskilometer aus, hat der Landeshochwasserbetrieb berechnet. Allerdings kann es künftig auch Entwarnungen geben, wenn etwa Deiche erhöht oder Polder gebaut werden. Die Risikokarten würden ständig aktualisiert, sagt Thilo Winkler vom Landeshochwasserbetrieb.

Die Hochwassergefahrenkarten sind im Geodatenviewer des Landesamtes für Hochwasserschutz zu finden.