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Bundesweite DebatteMit Video: Sollte die AfD verboten werden? Das sagen die Menschen in Sachsen-Anhalt

Die Debatte über ein Verbot der Partei ist in vollem Gange. Wir haben Menschen in Sachsen-Anhalt nach ihrer Meinung gefragt.

Von Jens Schmidt Aktualisiert: 02.02.2024, 12:02
Sollte die AfD verboten werden? Das sagen die Menschen in Sachsen-Anhalt
Sollte die AfD verboten werden? Das sagen die Menschen in Sachsen-Anhalt (Grafik: MZ/Büttner)

Magdeburg/VS/MZ - Sollte die AfD verboten werden? Seit dem Treffen in Potsdam, auf dem Rechtsextreme und Politiker der Partei über die millionenfache Ausweisung von Menschen aus Deutschland diskutierten, steht diese Frage mehr denn je.

Volksstimme und die Mitteldeutsche Zeitung haben Menschen in Sachsen-Anhalt gefragt

Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein sagt Ja. Reiner Haseloff, Ministerpräsident, von Sachsen-Anhalt, sagt Nein. Soll die AfD verboten werden? Darüber ist in den letzten Wochen eine harte Kontroverse entbrannt. Die Linien gehen auch mitten durch eine Partei, beide genannten Politiker sind in der CDU.

Die Volksstimme und die Mitteldeutsche Zeitung haben Menschen in Sachsen-Anhalt gefragt, was sie darüber denken: Unternehmer, Künstler, Wissenschaftler – ganz bewusst keine Politiker. Die meisten lehnen ein Verbot ab. Was denken Sie? Schreiben oder mailen Sie uns Ihre Meinung an unsere Leserredaktion.

AfD-Zustimmungswerte steigen

Die Debatte nimmt Fahrt auf, da der Unmut über die Ampel-Koalition wächst und die AfD-Zustimmungswerte in die Höhe steigen – obgleich die Partei mittlerweile in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft ist.

Eine deutliche Bewegung ist seit Anfang 2023 messbar, nachdem der Entwurf des Heizungsgesetzes die Gemüter erhitzt hatte. Für Sachsen-Anhalt werden Anfang 2023 etwa 20 Prozent für die AfD gemessen. Im März sind es 26 Prozent, im Juni 29 Prozent, im Oktober 33 Prozent. Auf Bundesebene geht der Pfeil im Laufe des Jahres 2023 ebenfalls nach oben: 15 Prozent, 20 Prozent, 23 Prozent.

 
Nach dem Bekanntwerden des "Geheimtreffens" von Potsdam ist die Diskussion über ein AfD-Verbot in vollem Gange Wie sinnvoll wäre so ein Verfahren gegen die AfD? Wir haben in Halle nachgefragt. (Video: Anna Lena Giesert/Christian Kadlubietz)

Erstmals am 22. Januar misst das Institut Insa einen Rückgang von 23 auf 21,5 Prozent; einen Tag später folgt Forsa mit   20 Prozent. Die kurz zuvor erschienenen Berichte über ein Treffen von AfD-Politikern mit dem Kopf der Identitären Bewegung zeigen Wirkung: Die Runde soll über Massen-Abschiebungen auch deutscher Staatsbürger beraten haben. Danach gingen Zehntausende gegen Rechts auf die Straße.

Bislang sind in Deutschland zwei Parteien verboten worden

Bislang wurden in der Bundesrepublik erst zwei Parteien verboten. Die Sozialistische Reichspartei 1952, die sich als NSDAP-Nachfolger sah und die KPD 1956, die zum nationalen Widerstand aufgerufen hatte. Zwei Anträge auf NPD-Verbot scheiterten vor dem Bundesverfassungsgericht. Für ein Verbot muss der Antragsteller (etwa die Bundesregierung) der Partei ein aggressiv-kämpferisches Vorgehen gegen die Grundordnung nachweisen. Zudem muss dies der ganzen Partei und nicht nur einzelnen Mitgliedern zugerechnet werden.

Karl Gerhold, Getec-Energie Holding, Magdeburg

Karl Gerhold, Getec-Energie Holding, Magdeburg
Karl Gerhold, Getec-Energie Holding, Magdeburg
(Foto: Jens Schmidt)

„Ein Verbot scheint schwer durchsetzbar. AfD-Wähler sind vorwiegend Protestwähler. Die etablierten Parteien und insbesondere die Regierungsparteien müssen ihre Politik stärker an der Lebenswirklichkeit der Menschen ausrichten. Dann lassen sich diese Wähler zurückgewinnen.“

Anna Manser, Jugendwerkstatt Frohe Zukunft, Halle

Anna Manser, Jugendwerkstatt Frohe Zukunft, Halle
Anna Manser, Jugendwerkstatt Frohe Zukunft, Halle
(Foto: Steffen Schellhorn)

„Nein. Mit einem Verbot lösen wir die Unzufriedenheit nicht. Ich habe noch nie erlebt, dass Verbote zum Umdenken anregen. Sie erzeugen Widerstand. Widerstand erzeugt Wut. Wut sucht sich destruktive Ventile. Ich bin für unermüdliches und sicht- bares Vorleben demokratischer Werte. Hier darf es keinen Kompromiss geben: Menschenfreundlichkeit und Respekt vor der Würde des Anderen sind nicht verhandelbar.“

Ralf Luther, Prokurist Stahlbau Magdeburg

Ralf Luther, Prokurist Stahlbau Magdeburg
Ralf Luther, Prokurist Stahlbau Magdeburg
(Foto: IHK)

„Nein. Ich bin für eine politische Auseinandersetzung mit den Themen und Thesen der AfD. Verbote haben noch nie etwas bewirkt.“

Heike Herrmann, Schulleiterin, Salzwedel

Heike Herrmann, Schulleiterin, Salzwedel
Heike Herrmann, Schulleiterin, Salzwedel
(Foto: Beate Achilles)

„Ich tendiere zu Nein. Sinnvoll wäre ein Verbot, um zu verhindern, dass die AfD Gelder erhält. Aber das verhindert Rechtsextremismus ja nicht. Es könnten sich neue Parteien gründen. Den Entzug des Grundrechts, gewählt zu werden, wie bei Björn Höcke diskutiert, finde ich zielführender.“

Friedrich Kramer, Landesbischof EKD, Magdeburg

Friedrich Kramer, Landesbischof EKD, Magdeburg
Friedrich Kramer, Landesbischof EKD, Magdeburg
(Foto: EKD)

„Die Auseinandersetzung mit der AfD muss meiner Ansicht nach politisch geführt werden. Mit Blick auf ein Verbotsverfahren kann ich die Zurückhaltung verstehen, angesichts der drohenden politischen Verwerfungen. Gleichzeitig sehe ich die Pflicht, ein Verbot oder die Streichung der Finanzen ernsthaft zu prüfen, wenn unser Grundgesetz durch die Partei verletzt wird.“

Jenny Müller, Gründerin Frischemanufaktur, Beuna

Jenny Müller, Gründerin Frischemanufaktur, Beuna
Jenny Müller, Gründerin Frischemanufaktur, Beuna
(Foto: Müller)

„Ich möchte wie die Millionen Menschen, die demonstrieren, in einem bunten Deutschland leben. Dort, wo jeder und jede so leben darf, wie er oder sie möchte. Antidemokratische Stimmen und antidemokratische Parteien haben da nichts verloren. Man sollte ein AfD-Verbotsverfahren prüfen und es nur dann beginnen, wenn es erfolgversprechend ist. Sonst würde es nur zu Opferdarstellung und Zulauf zur AfD führen.“

Alexander Suckel, Leiter Literaturhaus Halle

Alexander Suckel, Leiter Literaturhaus Halle
Alexander Suckel, Leiter Literaturhaus Halle
(Foto: DPA)

„Aus leidiger DDR-Erfahrung weiß ich die Vorzüge einer freiheitlichen Demokratie zu schätzen. Parteiverbote sind nach Artikel 21 des Grundgesetzes ja durchaus möglich. Und wenn es einer rechtsextremen und verfassungsfeindlichen Partei darum geht, das demokratische Gefüge eines Landes aus den Angeln zu heben, dann sollte man ein Verbot wenigstens prüfen. Der Staat, den die AfD so radikal umbauen will, sollte sie zumindest nicht weiter finanzieren.“

Tsipi Lev, Goldschmiedin, Laucha

Tsipi Lev, Goldschmiedin, Laucha
Tsipi Lev, Goldschmiedin, Laucha
(Foto: Andreas Stedtler)

„In bereits drei Bundesländern ist die AfD gesichert rechtsextremistisch. Die Handlungen und Aussagen ihrer Mitglieder und Repräsentanten, die zu dieser Einstufung geführt haben, wurden von der Partei nie widerrufen, die Urheber nicht ausgeschlossen. Das belegt: Die AfD steht hinter diesen Aussagen! Eine Partei mit extremistischen Zielen verlässt den freiheitlich- demokratischen Konsens und darf nicht wählbar sein.“

Benjamin Höhne, Politologe Uni Magdeburg

Benjamin Höhne, Politologe Uni Magdeburg
Benjamin Höhne, Politologe Uni Magdeburg
(Foto: Anna Friese/Uni Magdeburg)

„Ich bin gegen ein Verbot der AfD, da damit höchstens die Symptome, nicht aber die tiefer- liegenden Ursachen der gegenwärtigen Krise der repräsentativen Demokratie bekämpft würden. Wir dürfen die politischen Parteien nicht dabei allein lassen, unsere Demokratie durch erweiterte Mitbestimmung, mehr Gerechtigkeit und verbesserte Repräsentation zu stärken.“

Barbara Höckmann, Präsidentin Awo Sachsen-Anhalt

Barbara Höckmann, Präsidentin Awo Sachsen-Anhalt
Barbara Höckmann, Präsidentin Awo Sachsen-Anhalt
(Foto: AWO)

„Die AfD in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist vom Verfassungsschutz als gesichert rechts- extrem und somit verfassungswidrig eingestuft worden. Das Netzwerk ,Correctiv‘ hat mit seinen Recherchen verfassungsfeindliche Bestrebungen eindeutig offengelegt. Jetzt gilt es, auf alle verfügbaren Instrumente zum Schutz unserer Demokratie zurückzugreifen. Auch ein Verbotsverfahren muss geprüft werden.“

Hans-Dieter Otto, Spediteur, Benneckenstein (Harz)

Hans-Dieter Otto, Spediteur, Benneckenstein (Harz)
Hans-Dieter Otto, Spediteur, Benneckenstein (Harz)
(Foto: Katrin Schröder)

„Nein – weil man die AfD in eine Märtyrerrolle schickt. Jeder sollte sich genau überlegen, wen er wählt. Die AfD will den Dexit. Wir benötigen aber den freien, grenzenlosen Handel innerhalb Europas.“

Friederike von Beyme, Chefin des Waldbesitzerverbandes, Südharz

Friederike von Beyme, Chefin des Waldbesitzerverbandes, Südharz
Friederike von Beyme, Chefin des Waldbesitzerverbandes, Südharz
(Foto: von Beyme)

„Wenn die Bundesregierung und der Verfassungsschutz glauben, sie haben ausreichend und stichhaltige Beweise, die ein Verbotsverfahren rechtfertigen, dann sollte es eingeleitet werden. Das Bundesverfassungsgericht muss dies dann prüfen und entscheiden. Es gibt klare Regeln für diesen Prozess. Ein solches Verfahren muss aber gut überlegt sein. Ein Scheitern würde die Bundesregierung nur schwächen. Eine auf die Bedürfnisse der Gesellschaft ausgerichtete Politik ist dagegen wesentlich zukunftsweisender.“

Kai-Uwe Lohse, Vorsitzender des Feuerwehrverbands Sachsen-Anhalt

Kai-Uwe Lohse, Vorsitzender des Feuerwehrverbands Sachsen-Anhalt
Kai-Uwe Lohse, Vorsitzender des Feuerwehrverbands Sachsen-Anhalt
(Foto: Matthias Bein/dpa)

„Wie durch verschiedene Behörden unseres Rechtsstaats ermittelt und festgestellt, verfolgt die AfD innerhalb und außerhalb ihrer Struktur extremistische Verhaltensformen. Die lehne ich persönlich ab. In einem demokratischen Rechtsstaat muss es möglich sein, eine Gesellschaft zu führen, ohne in rechten, linken oder religiösen Extremismus zu verfallen. Ich erwarte allerdings von den etablierten demokratischen Parteien, dass sie den Menschen, welche derzeitig in der Arbeit der AfD eine „bessere Zukunft“ sehen, Antworten auf ihre vielfältigen Fragen geben. Diese offenen Fragen werden zurzeit durch die AfD genutzt, um sich erfolgreich in Szene zu setzen. Unsere Vertreter der Ampelregierung sind zurzeit nicht in der Lage, ihre Ziele entsprechend umzusetzen und glaubhaft zu erklären. Das Tempo und die Maßnahmen, welche insbesondere bei der ganzen Diskussion um die Energiewende an den Tag gelegt werden, wirken auf viele zu regional gedacht und unabgestimmt mit dem Rest der Welt.“

Hendrikje Balsmeyer, Autorin, Halle

Hendrikje Balsmeyer, Autorin, Halle
Hendrikje Balsmeyer, Autorin, Halle
(Foto: Jennifer Többen)

„Die AfD müsste aufgefordert werden, sich klar und deutlich zu positionieren, ob sie unsere Verfassung, das Grundgesetz und die Eckwerte unserer Demokratie akzeptiert. Wenn sie das nicht tut, muss man davon ausgehen, dass sie dagegen handelt, um sie abzuschaffen. Wenn sie nachweislich genau das tut, handelt sie gegen den Mehrheitswillen der Menschen in unserem Land, also nicht im Sinne der Demokratie, die die meisten wollen. Wenn die Aktivitäten gar kriminellen Charakter haben und die Grundrechte anderer verletzen, gehört die Partei verboten. Dies gilt für jede Partei, die sich so verhält.“

Tom Bruchholz, Referent bei Pro Bahn Sachsen-Anhalt

Tom Bruchholz, Referent bei Pro Bahn Sachsen-Anhalt
Tom Bruchholz, Referent bei Pro Bahn Sachsen-Anhalt
(Foto: Martin Riess)

„Die AfD ist unzweifelhaft eine rassistische und in Teilen rechtsradikale Partei. Dennoch bin ich gegen ein Verbot. Der Unzufriedenheit und Frustration, aus der heraus viele Wähler ihr Kreuz bei der AfD machen, kann man nicht mit einem Parteiverbot beikommen; vielmehr müssen die demokratischen Parteien die Unzufriedenen wieder ins demokratische Spektrum zurückholen, indem sie ihnen Angebote machen.“

Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
(Foto: Franke)

„Aus meiner Sicht sollte die AfD nicht verboten werden. Die freie politische Meinungsäußerung und die Bildung von Parteien ist ein hohes demokratisches Gut, das im Osten Deutschlands erst mit der friedlichen Revolution errungen wurde. Diese Freiheit darf niemals zur Beschädigung der Freiheitsrechte anderer und der Demokratie missbraucht werden. Die politische Auseinandersetzung ist das beste Mittel zur Erhaltung der Demokratie.“

Oberkirchenrat Christoph Stolte, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland

Oberkirchenrat Christoph Stolte, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland
Oberkirchenrat Christoph Stolte, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland
(Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

„Wenn hinreichende Gründe festgestellt sind, ist ein Verbotsverfahren der richtige Weg. Es gilt die Würde aller Menschen in Deutschland zu wahren. Aussagen, die Menschen werten und die Gleichwertigkeit aller infrage stellen, verletzen die Würde des Menschen.“

Unabhängig von der Verbotsdebatte verliert die AfD einer aktuellen Umfrage zufolge an Zustimmung auf Bundesebene. Laut ARD-«Deutschlandtrend» würden 19 Prozent der Befragten die Partei wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre. Das war ein Minus von 3 Prozentpunkten im Vergleich zur Umfrage im Vormonat.

Auch die Union verliert leicht um einen Prozentpunkt und fällt auf 30 Prozent, bleibt aber stärkste Kraft. Bei den Ampel-Parteien klettert die SPD auf 16 Prozent (+2) und die Grünen auf 14 Prozent (+1). Die FDP verliert einen Prozentpunkt und würde mit 4 Prozent den Einzug in den Bundestag verpassen.

Die neu gegründete Partei Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) hätte dagegen mit 5 Prozent der Umfrage zufolge eine Chance auf den Einzug ins Parlament. Auch in anderen Umfragen war die AfD zuletzt mehrfach unter die 20-Prozentmarke gerutscht.