Studie

Es kann jeden treffen: Diese Risikofaktoren begünstigen einen Schlaganfall

Schlaganfälle vorhersagen und Leben retten? Das ist laut niederländischen Forschern möglich. Kai Wohlfarth, Vorsitzender des Schlaganfall-Landesverband Sachsen-Anhalt, klärt auf, wie man sich bestmöglich schützen kann.

Von Tobias Hofbauer
Symbolfoto: Armin Weigel
Symbolfoto: Armin Weigel dpa-Zentralbild

Halle - Schätzungsweise 270.000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen Schlaganfall. Rund 66.000 zum wiederholten Mal. Im südlichen Bereich Sachsen-Anhalts (Halle) sterben jedes Jahr 3000 Menschen an den Schlaganfällen selbst oder dessen Folgen, bestätigt ein Sprecher des Sachsen-Anhalt Landesverband für Schlaganfälle. Für den Norden oder ganz Sachsen-Anhalt gibt es keine Daten.

Gibt es eine Möglichkeit, einen Schlaganfall vorherzusagen oder sich zu schützen? Forscher aus den Niederlanden haben herausgefunden, dass es möglich ist, bereits 10 Jahre vor einem Schlaganfall Anzeichen dafür zu erkennen.

Doch Anzeichen ist hier das falsche Wort, korrigiert Kai Wohlfarth, Direktor der Kliniken für Neurologie, Frührehabilitation und der Stroke Unit (Schlaganfalleinheit) in Halle. Vielmehr sind damit Risikofaktoren gemeint, die einen Schlaganfall begünstigen. Einige dieser Faktoren sind:

  • Rauchen
  • ungesunde Ernährung
  • Bewegungsmangel
  • Bluthochdruck
  • Diabetes
  • chronische Entzündungen
  • Übergewicht
  • Herz-Rhythmus Störungen
  • die Pille (Eingriff in Hormonhaushalt)

Wer diese ernst nimmt, hat gute Chancen von einem Schlaganfall verschont zu bleiben. Sie sind Teil der Primärprävention, die 70-90 Prozent der Risikofaktoren ausmachen, so Wohlfarth. Andere Faktoren, auf die man keinen Einfluss habe, seien Gene, die in Verbindung mit Alzheimer stehen, oder auch das Geschlecht. Dabei treten Schlaganfälle bei Frauen (49,6 Prozent) etwas häufiger auf, als bei Männern (41,8 Prozent).

Risiko bei Frauen erhöht

"Das liegt daran, dass bei Frauen die Symptome häufig nicht erkannt werden, weil diese atypisch verlaufen", erklärt Wohlfarth. Das können diffuse Schmerzen oder Bewusstseinsstörungen sein, die nur schwer zu erkennen sind. Sowohl für den Betroffenen selbst, aber auch für den Notarzt und den behandelnden Arzt im Krankenhaus. Das könne wertvolle Zeit kosten und im schlimmsten Fall langfristige Schäden am Gehirn verursachen.

In so einem Fall sei es grundsätzlich ratsam, den Notruf zu wählen, wenn auch nur der geringfügigste Verdacht besteht, einen Schlaganfall zu haben, appelliert Wohlfarth. Aus Scham, den Notruf nicht zu wählen, könne das dem Patienten das Leben kosten. Daher müsse jeder in so einem Fall an sich denken und auf Nummer sichergehen.

Faktoren beeinflussen Schlaganfallrisiko enorm

In der Sekundärprävention soll verhindert werden, dass ein weiterer Schlaganfall auftritt. Auch wenn das viel wahrscheinlicher ist. Ungefähr könne man festhalten, dass rund ein Drittel aller Schlaganfälle ohne weitreichende Beeinträchtigungen einhergehen. "Jeder vierte verstirbt daran und etwa zwei Fünftel müssen zeitweise oder dauerhaft pflegebedürftig oder schwerstbehindert ihren Alltag bestreiten", so Wohlfarth.

Besonders gefährlich: Weist ein Patient beispielsweise zehn Risikofaktoren oder mehr auf, liegt sein Schlaganfallrisiko schon bei 90 Prozent. 

Schlaganfall ist häufigste Ursache für bleibende Beeiträchtigungen

Deshalb versucht der Schlaganfall Landesverband Sachsen-Anhalt aufzuklären, um die Zahl der Betroffenen zu verringern. Mittlerweile ist der Schlaganfall nicht mehr die dritthäufigste Todesursache in Deutschland, bleibt aber die häufigste für langfristige Beeinträchtigungen. Mehr als eine Million Menschen leben in Deutschland mit den Folgen eines Schlaganfalls, das bringt Auswirkungen auf die Lebensqualität der Patienten mit sich.

Lähmungen können dafür sorgen, dass sich Patienten nicht mehr anziehen oder gehen können. Wegen Gedächtnisstörung können betroffen häufig ihre Mitmenschen nicht mehr erkennen, sich an Dinge erinnern und auch die Sprache kann gestört sein.

Selbst Persönlichkeitsveränderungen können auftreten. Dazu zählen Teilnahmslosigkeit, Resignation, Depression, Zwangsweinen oder plötzliche Wutausbrüche. Es ist zwar möglich, dass diese Folgen nur vorübergehend bleiben. Sie können aber auch zu dauerhaften Begleitern werden, je nachdem wie das Gehirn geschädigt wurde. Das beeinflusst sowohl die Berufsfähigkeit, Familie, Partnerschaft und nicht zuletzt die Sexualität.

Gedächtnis, Sprache und Reaktion in Studie analysiert

Zwischen 1990 und 2016 haben die Forscher aus der Erasmus MC University aus Rotterdam 14.712 Personen untersucht. Im Laufe der Studie mussten die Probanden eine Reihe von physischen und mentalen Tests bewältigen, in denen das Forscherteam das Gedächtnis, die Sprachflüssigkeit oder die Reaktionszeit analysierte.

In dem Zeitraum der Studie erlitten insgesamt 1662 Teilnehmer einen ersten Schlaganfall. Das Durchschnittsalter der Probanden: 80 Jahre. Bei Betroffenen zeigte sich im Vergleich zu gleichaltrigen Menschen schon sehr früh - genau gesagt 10 Jahre früher - wenn sie Probleme beim Lösen kognitiver Tests hatten. Zwei bis drei Jahre vor Eintreten eines Schlaganfalls zeigten sich dann auch Probleme im Bewältigen alltäglicher Aufgaben.

Schon kleine Schritte helfen

Die häufigste Ursache eines Schlaganfalls ist ein sogenannter ischämischer Schlaganfall, also ein "Hirninfarkt". Dieser macht 83 Prozent aller Schlaganfälle aus. Dabei kommt es zu einem Verschluss oder die Verengung eines Blutgefäßes. Das Hirn wird dabei nicht mehr ausreichend mit Sauerstoffen und Nährstoffen versorgt.

Doch schon kleine Veränderungen im Alltag können helfen, das Risiko zu senken. So schlägt Wohlfarth vor, der auch in der Toxikologie arbeitet, dass es bei einem Kettenraucher schon helfen könne, anstatt einer Packung Zigaretten nur noch zehn Glimmstängel am Tag zu rauchen. Das sei zumindest ein realistischeres Ziel, als komplett aufzuhören. Dasselbe gelte auch für Bewegung und die Ernährung, erklärt der Mediziner.

Immer mehr junge Menschen sind betroffen

"Schlaganfälle treten allerdings nicht nur im hohen Alter auf, sondern treffen in den letzten Jahren immer häufiger auch junge Menschen", sagt Kai Wohlfarth. Genaue Zahlen hat er dafür allerdings nicht. Nico Mohr ist einer von ihnen. Mit 29 Jahren erlitt er 2004 einen Hirninfarkt infolge schwerer Hirnblutungen. Vier Monate lag er im Koma. Seitdem engagiert er sich für junge Schlaganfallbetroffene als Vorstand des Landesverbandes.

Bislang beträgt die Gruppe jüngerer Betroffener, also jünger als 45 Jahre, etwa drei bis fünf Prozent. Die Tendenz ist aber steigend, sagt Wohlfarth. Vorsorglich sollten spätestens ab dem vierzigsten Lebensjahr die Blutgefäße und der Blutdruck überprüft werden.

„Der Schlaganfall hat 1000 Gesichter“, sagt Mohr und erläutert, dass Gefahren dafür zwar nicht vererbbar seien, bestimmte Vorerkrankungen, welche die Krankheit begünstigen, aber schon. Der Schlaganfall sei häufig auch nur der Auslöser, die eigentliche Krankheit komme danach, so Mohr. Er habe gelernt, das Leben als Geschenk zu betrachten und es so bewusst wie möglich zu nutzen.