Maskenpflicht

Gegen Gewalt in Zügen

Pöbeln, spucken, körperliche Übergriffe: In Sachsen-Anhalt leben Bahnmitarbeiter gefährlich. Ein Grund für die wachsende Aggressivität ist die Corona-Pandemie.

Von Von Christoph Carsten
Mitarbeiter eines Präventionsteams der Deutschen Bahn auf einem Kontrollgang im Regionalexpresszug.
Mitarbeiter eines Präventionsteams der Deutschen Bahn auf einem Kontrollgang im Regionalexpresszug. Foto: dpa

Magdeburg - Eine eigentlich beschauliche Sommernacht, gegen 2 Uhr: Sicherheitskräften der Bahn fällt am Magdeburger Hauptbahnhof ein offenbar hilfloser Mann auf. Im Gespräch beginnt der 56-Jährige unvermittelt, die Mitarbeiter zu beleidigen, den darauf erteilten Platzverweis müssen sie gewaltsam durchsetzen. Später kehrt der Mann zurück und versucht, einen Polizeibeamten mit dem Ellenbogen gegen den Kopf zu schlagen.

Szenen wie diese sind kein Einzelfall auf Sachsen-Anhalts Bahnhöfen und in den Zügen. 47 gewalttätige Übergriffe gab es im vergangenen Jahr auf Mitarbeiter der Bahn, ein Plus von sieben Fällen beziehungsweise 17,5 Prozent gegenüber 2019. „Es sind sowohl verbale als auch körperliche Angriffe. Die Bahnmitarbeiter werden in manchen Fällen auch bedroht oder genötigt“, sagte Romy Gürtler, Sprecherin der Bundespolizeidirektion Magdeburg.

Viele Fälle bundesweit

Die Situation in Sachsen-Anhalt korrespondiert mit dem Bundestrend: Laut Bundespolizei stieg die Zahl der Angriffe auf Zugbegleiter und andere Bahnangestellte 2020 auf 2070 Fälle – im Jahr davor waren es noch 1649 Straftaten. Auch Angehörige anderer Verkehrsunternehmen waren in diesem Zeitraum öfter Zielscheibe von Attacken. Eine Trendwende ist nicht absehbar. Bis zum 30. April dieses Jahres wendeten sich bereits 744 Bahnbedienstete als Gewaltopfer an die Bundespolizei. Ein Grund ist die besondere Situation in der Corona-Krise: „Etwa ein Zehntel der Fälle steht im Zusammenhang mit der Durchsetzung von Abstands- und Hygieneregeln während der Corona-Pandemie“, sagte eine Bahn-Sprecherin.

Beispiel Merseburg: Hier schlug ein 33-jähriger Maskenverweigerer am Vormittag des 5. Juni einen Bahnmitarbeiter mit der Faust gegen die Brust und beschädigte auf der Flucht die Glasscheibe einer Automatiktür. Die Polizei setzte den alkoholisierten Mann etwas später unweit des Bahnhofs fest, wo er weiter randaliert und Passanten beleidigt hatte.

Hemmschwelle gesunken

Fest steht: Der Umgangston ist rauer geworden, die Hemmschwelle sinkt. Hinzu kommt die Aggression, mit der neuerdings Maskenverweigerer und Corona-Leugner auftreten. Etwa die Hälfte der Angriffe trifft laut Bahn Sicherheitskräfte, meist handelt es sich um einfache Körperverletzungen. Häufig seien die Personen alkoholisiert oder ohne gültige Fahrkarte, teilte die Bahn mit. Bisweilen reiche ein Hinweis auf das Rauchverbot oder das Freihalten von Eingangstüren und Fluchtwegen.

Um ihre bundesweit rund 20 000 Mitarbeiter mit Kundenkontakt besser zu schützen, bietet die Bahn regelmäßige Deeskalations- und Verhaltenstrainings an. Außerdem hat das Unternehmen 8000 Videokameras auf den Bahnhöfen und insgesamt 33 000 Kameras in mehr als der Hälfte aller Züge installiert. Die 4200 Sicherheitskräfte der Bahn tragen im Einsatz Stichschutzwesten und ein Abwehrspray mit sich. An inzwischen sechs Standorten sind sie mit Schutzhunden unterwegs. „Ein weiterer Baustein ist der Einsatz von Bodycams“, teilte die Bahn mit. In einem Pilotversuch im Regionalverkehr der Maintalbahn in Süddeutschland werde aktuell die Wirksamkeit der am Körper der Angestellten angebrachten Kameras getestet. Geplant sei überdies eine SOS-App, hieß es weiter.

Auch in Sachsen-Anhalt reagiert die Polizei. Romy Gürtler: „Wir beobachten die Lage sehr genau und stufen die betroffenen Bahnstrecken und Züge als gefährdete Objekte ein.“ Solche Brennpunkte würden dann häufiger und von mehr Polizisten bestreift. Regelmäßig stimmt die Bundespolizei gemeinsam mit den Sicherheitskräften und Zugbegleitern der Deutschen Bahn ihre Strategie ab. Immerhin: Bei 25 Körperverletzungsdelikten im Jahr 2020 konnten in 18 Fällen die Täter gestellt werden. Sieben Tatverdächtige konnten entkommen.

Im Ernstfall sei gegenüber Randalierern Deeskalation das oberste Gebot, sagte Romy Gürtler: Es könne aber auch passieren, dass „der Tatverdächtige mit Hilfe einfacher körperlicher Gewalt zu Boden gebracht und fixiert werden muss“.