Schulpolitik

Protest gegen Tullners Noten-Pläne

Minister will erschwerten Zugang zur Realschule offenbar vorerst aussetzen

Von Alexander Walter
Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU)
Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) dpa

Magdeburg

Eine von Bildungsminister Marco Tullner (CDU) geplante Verschärfung der Notenvorgaben für den Zugang zur Realschule könnte für vorerst ein Jahr ausgesetzt werden. Vor der Sitzung des Landeskabinetts morgen hätten sich die Kenia-Partner auf eine entsprechende Lösung verständigt, war am Wochenende zu hören.

Zuvor hatte die Debatte um das Thema Fahrt aufgenommen: Eine am Mittwoch von Lehrern gestartete Online-Petition gegen die Pläne fand bis gestern Abend rund 3900 Unterstützer. Die SPD unterstützt diese: „Die Petition bringt die großen Sorgen von Eltern und Lehrern an Sekundarschulen zum Ausdruck“, sagte Fraktionschefin Katja Pähle. Tullner dürfe die Bedenken nicht in den Wind schlagen. Auch Grünen-Fraktionschefin Cornelia Lüddemann unterschrieb die Petition. „Es braucht mehr statt weniger gemeinsames Lernen“, schrieb sie bei Twitter.

Worum geht es genau? Nach den Plänen Tullners sollen Sechstklässler schon mit zwei Vieren auf dem Zeugnis ab dem neuen Schuljahr im Herbst nicht mehr die Realschule besuchen dürfen. Stattdessen würden sie der Hauptschule zugeordnet. Bislang gilt: Ein Schüler muss durchgängig mindestens Vieren auf dem Zeugnis haben, eine Fünf kann ausgeglichen werden.

Linke-Fraktionschef Thomas Lippmann sprach von einer „Geisterfahrt“ Tullners: Tausenden Schülern würde bei Umsetzung der Weg zur mittleren Reife verbaut. Ziel sei es offenbar, den „eskalierenden Lehrermangel“ vor allem an Sekundarschulen durch den erschwerten Zugang zur Realschule zu bemänteln.

Mit solch einem Zeugnis wäre der Übergang auf die Realschule kein Problem.
Mit solch einem Zeugnis wäre der Übergang auf die Realschule kein Problem.
dpa

Das Bildungsministerium wies das zurück. Die Reform sei aus einer Arbeitsgruppe mit Praktikern entstanden, sagte ein Sprecher. Ein Wechsel zum Realschulzweig später bleibe möglich. Hauptmotiv für die Pläne sei die über Jahre hohe Schulabbrecherquote. Zuletzt verließ mehr als jeder Zehnte in Sachsen-Anhalt die Schule ohne Abschluss.

Die Pläne finden auch Unterstützung: Mit der Reform würden in Sekundarschulklassen, in denen Haupt- und Realschüler in der Regel gemeinsam lernen, künftig deutlich mehr Schüler mit ähnlichem Leistungsniveau sitzen, schrieb ein Schulleiter. Lehrer könnten Schüler so besser fördern, etwa mit mehr praktischen Angeboten, die aufs Berufsleben vorbereiten.

Auch der Sekundarschulverband hält die Reform für sinnvoll. Über die für Notenvorgaben relevanten Fächer sei aber zu reden, sagte Chefin Claudia Diepenbrock.

Der Ton in der Debatte war zeitweise rau: Am Wochenende richtete die Linksjugend Sachsen-Anhalt per Facebook eine derbe Beschimpfung an Tullner. Linke-Fraktionschefin Eva Angern sagte dazu: „Gerade als von Beschimpfungen und Beleidigungen Betroffene sage ich klar: Das ist geschmacklos und geht nicht.“