Corona

Streit um Impfpläne für Schüler in Sachsen-Anhalt

Niedersachsen legt vor: Im Nachbarland sollen noch vor den Ferien Schüler ab 12 Jahren ein Impfangebot bekommen. Auch Sachsen-Anhalt bereitet ein Konzept vor. Noch steht die Genehmigung des Impfstoffs aber aus, die Empfehlung der Ständigen Impfkommission ist fraglich. Ärzte im Land sehen generelle Impfungen für Schüler kritisch.

Von Alexander Walter
Eine Frau zieht eine Impfdosis aus einem Fläschchen mit dem Wirkstoff von Biontech/Pfizer auf: Während die Politik Schülern rasche Impfangebote unterbreiten will, kritisieren Mediziner den Schritt als voreilig.
Eine Frau zieht eine Impfdosis aus einem Fläschchen mit dem Wirkstoff von Biontech/Pfizer auf: Während die Politik Schülern rasche Impfangebote unterbreiten will, kritisieren Mediziner den Schritt als voreilig. Foto: dpa

Magdeburg - Mediziner aus Sachsen-Anhalt blicken mit Skepsis auf Pläne der Politik, Schülern ab 12 Jahren noch vor den Sommerferien Corona-Impfungen anzubieten. „Wir erleben eine völlig politisierte Diskussion“, sagte der Magdeburger Kinderarzt Dr. Gunther Gosch gestern zu Ankündigungen von Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) und seiner niedersächsischen Amtskollegin, Daniela Behrens (SPD).

Der Wissenssstand rechtfertige generelle Schutzimpfungen für Kinder und Jugendliche derzeit nicht, so Gosch in einer vom Landesgesundheitsministerium beauftragten Stellungnahme. Die Studienlage sei dünn, der Beobachtungszeitraum zu kurz, um mögliche Nebenwirkungen, wie seltene Thrombosen, ausschließen zu können. Nach Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) entwickelten 94 Prozent der positiv getesteten Kinder keine oder nur milde Symptome. Die Sterblichkeit liege bei 0,00002 Prozent. Immunisierungen bei Vorerkrankungen, wie Herzerkrankungen oder Mukoviszidose, seien indes sinnvoll, sagte Gosch.

Abwägung ist schwierig

Der Chef der Mikrobiologie am Magdeburger Uniklinikum, Professor Achim Kaasch, pflichtete Gosch bei: „Solange wir nicht beweisen können, dass Impfungen für Kinder keine schädlichen Nebenwirkungen nach sich ziehen, ist die Abwägung schwierig“, sagte er. Biontech/Pfizer hatte nach einer Studie in den USA mit unter 12- bis 15-Jährigen zuletzt von einer Wirksamkeit seines mRNA-Impfstoffs von 100 Prozent berichtet. Allerdings nahmen nur 2260 Kinder und Jugendliche teil. Biontech hat die Zulassung seines Mittels auch für Kinder ab 12 inzwischen bei der EU-Arzneimittelbehörde (Ema) beantragt. Eine Entscheidung wird in den nächsten Tagen erwartet. Für Schüler ab 16 ist der Impfstoff bereits zugelassen.

Impfungen bis Ende August?

Für Massenimpfungen von Schülern ab 12 müsste bei einem Ja der Ema auch die Stiko ihre Empfehlung aussprechen. Kommissionsmitglied Rüdiger von Kries sagte gestern aber: Er halte den Schritt für unwahrscheinlich. Grund sei das unklare Risiko der Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche. Gesundheitsminister Spahn hält auch ohne Stiko-Empfehlung an Schülerimpfungen fest. Es gehe um das Angebot. Eltern und Kinder könnten mit ihrem Arzt individuelle Entscheidung treffen, sagte er. Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerium bereitet ein Konzept zur Impfung von Schülern ab 12 Jahren vor. Nach der Zulassung durch die Ema seien Impfungen bis Ende August möglich, hieß es.

Auch Bildungsminister Marco Tullner (CDU) will rasche Impfangebote: „Wenn wir den Schulbetrieb im kommenden Jahr krisenfest gestalten wollen, brauchen wir ein Impfangebot für die zugelassenen Schülergruppen.“ Ziel müsse es sein, das Angebot zu Beginn des neuen Schuljahres unterbreitet zu haben.

Laut Ministerium könnten landesweit 144.000 Schüler ab 12 Jahren ein Impfangebot bekommen. Schnelle Impfungen würden einen Großteil der erwarteten Lieferungen binden. Bis 13. Juni rechnet das Land mit 134.550 Biontech-Dosen.

Grundschüler „ungefährlicher“

Eine Studie der Charité und der TU Berlin hat derweil gezeigt, dass Grundschulkinder beim Sprechen und Singen viel weniger Aerosole ausstoßen als Erwachsene. Der Befund könne auch bei der Entscheidung für Präsenzunterricht eine Rolle spielen, sagte Studienautor Dirk Mürbe. Sachsen-Anhalt kehrt spätestens ab 7. Juni wohl flächenhaft zum Präsenzunterricht zurück.