Radverkehr

Tödliche Missstände in Sachsen-Anhalt - Macht das Land zu wenig für Fahrradfahrer?

Das Land Sachsen-Anhalt und die Kommunen legen dem Kongress am 1. Juni ein Konzept vor. Inhalt: bessere und mehr Radwege im Land. Wird dadurch auch mehr Sicherheit für Radfahrer erzielt? Die exklusiv der Volksstimme vorliegende Statistik zeigt deutlich, dass sich etwas ändern muss.

Von Nico Esche
Ein Radfahrer verunglückt an einer Landstraße - Fehlende straßenbegleitende Radwege können in Sachsen-Anhalt zu tödlichen Unfällen führen.
Ein Radfahrer verunglückt an einer Landstraße - Fehlende straßenbegleitende Radwege können in Sachsen-Anhalt zu tödlichen Unfällen führen. Symbolfoto: picture alliance/dpa | Andreas Maier

Magdeburg - Sachsen-Anhalts Radwege sollen ausgebaut, alte Pfade ausgebessert werden. Ein erstes Konzept wird am 1. Juni dem Kabinett vorgelegt, berichtet die dpa. Wegbereiter ist das Land Sachsen-Anhalt und die Kommunen. Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Thomas Webel (CDU) sagt dazu: „Ein gut funktionierender Radverkehr sichert die Mobilität vieler Menschen und verbessert die Lebensverhältnisse in Stadt und Land.“

Das Ziel: Verbindliche Qualitätsstandards, die künftig bei Neubau und Sanierung von Radverkehrswegen gelten sollen. Weiterhin sollen straßenbegleitende Radwege im Land umgesetzt werden. Auch Schnittstellen zu Bus und Bahn und ein lückenloses alltagstaugliches Radverkehrsnetz soll Radfahrern in Sachsen-Anhalt angeboten werden.

Tödliches Problem

Und das ist dringend nötig, betrachtet man sich viele Straßen im Land. Insbesondere Landstraßen fehlt es vielerorts an Radwegen. Radfahrer sind häufig gezwungen auf den Hauptverkehr auszuweichen. Ähnliches gilt in Städten und Gemeinden. Auf rund 10.500 Kilometer Bundes-, Landes- und Kreisstraßen in Sachsen-Anhalt, fallen etwas über 4720 Kilometer Radverkehrsnetz. Das geht auf Kosten der Sicherheit.

Die Volksstimme erhob gemeinsam mit der Polizeiinspektion Sachsen-Anhalt eine landesweite Statistik über Verkehrsunfälle, in denen Radfahrer verwickelt waren. So verunglückten im vergangenen Jahr über 2700 Fahrradfahrer. 378 verletzten sich dabei schwer. Am häufigsten krachte es in Magdeburg (539) und Halle (438); am wenigsten in den Landkreisen Mansfeld-Südharz (56) und Salzwedel (82).

Im selben Zeitraum starben insgesamt 13 Radfahrer im Straßenverkehr. Interessanterweise keiner davon in oben genannten Städten - trotz hoher Unfallrate. Starb ein Radfahrer im Straßenverkehr, zählen in fast der Hälfte der Fälle sie selbst als Unfallverursacher. In den meisten Fällen trugen sie zudem beim tödlichen Unfall keinen Fahrradhelm.

„Wie viele der Unfälle, die von Radfahrenden verursacht wurden, sind zum Beispiel darauf zurückzuführen, dass die Radinfrastruktur in einem schlechten Zustand oder gar nicht vorhanden ist,“ sagt Martin Hoffmann, Landesvorsitzender des ADFC Sachsen-Anhalt. Er gibt zu bedenken, dass Unfälle auch entstünden, weil Radfahrer Gehwege nutzen müssen, da es keine oder keine sicheren Radwege gebe. Hofmann weiter: „Wie viele Unfälle gab es als Folge davon, dass Radinfrastruktur oder Kreuzungsbereiche zugeparkt waren oder es an Baustellen keine adäquate Absicherung und Wegweisung gab?“

Aufmerksam machen

Anfang Mai fand der Aktionstag „sicher.mobil.leben – Radfahrende im Blick“ statt. Die Polizei kontrollierte dabei Radfahrer, sensibilisierte generell für das Thema Verkehrssicherheit (wir berichteten). Martin Hoffmann begrüßt die Aktion, äußert jedoch auch Kritik. So fokussiere sich die zuvor herausgegebenen Pressemitteilung und Veröffentlichungen in den sozialen Medien inhaltlich vorwiegend auf Radfahrer – und weniger auf den motorisierten Auto- und Lkw-Fahrer. Ein Fehler, meint Hofmann. Er verweist auf die beiden zuletzt getöteten Radfahrer in Bitterfeld-Wolfen und Halle, die beide von abbiegenden Lkw getötet wurden.

Die Statistik widerrum zeichnet ein ausgeglicheneres Bild der Unfallverursacher, in denen Radfahrer zu Tode kamen. Vier Mal trugen Autofahrer die Schuld an einem Unfall, Lkw-Fahrer insgesamt drei Mal. Sechs Mal waren Radfahrer die Unfallverursacher.

Die Ursachen an sich zeigen sich vielfältig. Laut erhobener Statistik waren es Fehler beim Abbiegen, ungenügender Sicherheitsabstand oder zu schnelles Fahren, die Verkehrsteilnehmer zu Unfällen trieben. Keine Fehlerquelle kann als die ultimative ausgemacht werden - abgesehen von genereller Unachtsamkeit oder Übermut.

Wie geht es weiter?

Sicherheit für Radfahrer: Das Land, so Martin Hoffmann, mache diesbezüglich zu wenig. Von der neuen Landesregierung erhofft er sich indes mehr Engagement zu den Themen Verkehrssicherheit und Verkehrserziehung, so sagt er. Hoffmann macht auf ein Problem aufmerksam, dass viele Radfahrer betrifft – und durch das vorgelegte Konzept an das Kabinett im besten Fall bald der Vergangenheit angehören könnte. 

Verkehrsunfälle in Sachsen-Anhalt im Jahr 2020 in denen Radfahrer involviert waren - aufgeschlüsselt in Landkreise und kreisfreie Städte.
Verkehrsunfälle in Sachsen-Anhalt im Jahr 2020 in denen Radfahrer involviert waren - aufgeschlüsselt in Landkreise und kreisfreie Städte.
Quelle: Polizeiinspektion Zentrale Dienste Sachsen-Anhalt