Reportage

Wie Wasserschutzpolizisten auf Havel, Elbe und Saale für mehr Sicherheit sorgen

Sie stoppen Raser, nehmen Unfälle auf und sind auf Kontrollfahrt. Doch ihr Revier ist nicht die Autobahn, sondern die Havel, Elbe oder Saale - die Wasserschutzpolizei im Einsatz.

Von Matthias Fricke 16.06.2021, 05:30
Mit 700 PS und modernster Technik geht das Dienstboot WSP24 „Otter“ seit Anfang des Monats in Magdeburg auf Streifenfahrt. Es gehört zu drei Neuanschaffungen des Landes. Bis zu 40 Kilometer pro Stunde kann das Aluminiumschiff auf der Elbe erreichen. Im Hintergrund ist der Magdeburger Dom zu sehen.
Mit 700 PS und modernster Technik geht das Dienstboot WSP24 „Otter“ seit Anfang des Monats in Magdeburg auf Streifenfahrt. Es gehört zu drei Neuanschaffungen des Landes. Bis zu 40 Kilometer pro Stunde kann das Aluminiumschiff auf der Elbe erreichen. Im Hintergrund ist der Magdeburger Dom zu sehen. Fotos: Matthias Fricke

Magdeburg - Bootsführer Samuel Reddig schiebt nur ganz leicht den kleinen Hebel vor sich nach vorne und schon pariert der 700-PS-Schiffsdiesel. Das Aluminium-Boot WSP 24 „Otter“ kommt langsam ins Gleiten. Nur ein kleiner Joystick dient als Lenkung. Vor dem 23-Jährigen zeigt das Flussradar nicht nur alle Untiefen und das Ufer rechts und links an, sondern auch alle größeren Binnenschiffe inklusive Namen und Geschwindigkeit. Das Automatische Identifikationssystem (AIS) macht es möglich. Es funktioniert wie im Luftverkehr, nur eben auf dem Wasser.

Der „Otter“ gehört zu einem von drei neuen Patrouillenbooten in Sachsen-Anhalt. Die Neuzugänge sind erst vor wenigen Tagen offiziell für 2,6 Millionen Euro gekauft und in Dienst gestellt worden. Eingesetzt sind sie auch in Zerben (Jerichower Land) und Havelberg (Landkreis Stendal). Insgesamt verfügt die Wasserschutzpolizei somit über 13 kleine und große Dienstboote.

Reddigs „Otter“ tuckert in den Magdeburger Hafen. Sein Kollege Torsten Spors hat inzwischen die „Linah“ aus Stade für eine Kontrolle im Magdeburger Hafen ausgesucht. Das 86 Meter lange und 9,50 Meter breite Binnenschiff wird gerade mit Raps-Pellets beladen. Im Führerstand verfolgt Jerzy Kominek das Geschehen. Der Pole reagiert auf die Kontrolle und den Besuch an Bord freundlich. Er bittet die Beamten hinein.

Für den Binnenschiffer sind die paar Quadratmeter rund ums Steuer für vier Wochen Wohn- und Arbeitszimmer zugleich. Entsprechend umsichtig zeigen sich die Beamten. Reddigs Kollege Polizeirat Lutz Wendt: „Auf dem Wasser ist die Welt noch in Ordnung. Die Schiffer grüßen sich, zeigen sich auch uns gegenüber zuvorkommend. Wir genießen hier eine hohe Akzeptanz.“ Eben ganz anders als im normalen Straßenverkehr.

Der 59-jährige Pole legt den Beamten sein Schiffsführer-Patent und alle anderen Unterlagen vor. Während diese alles kontrollieren, sagt er: „Seit drei Wochen bin ich jetzt in Deutschland unterwegs.“ Noch etwa eine Woche muss er mit seinem 28-jährigen Steuermann Denis Woznicki bis zum nächsten Kurzurlaub aushalten. Nächster Hafen ist erst mal Osnabrück.

Auch in der Berufsschifffahrt gibt es vorgeschriebene Lenkzeiten. „In der Regel dürfen 14 Stunden nicht überschritten werden“, sagt Einsatzleiter Polizeirat Wendt. „Linah“-Schiffsführer Kominek zeigt deshalb auch seinen Fahrtenschreiber. Die Beamten können keine Verstöße erkennen.

„Leinen los!“, ruft Torsten Spors seinem Kollegen zu. Für Samuel Reddig ist es das Zeichen, den Hebel wieder leicht nach vorne zu bewegen. Das Boot nimmt wieder Fahrt auf.

Die Kontrolle ist nur eine von rund tausend im Jahr. Im vergangenen Jahr wurden 930 Binnenschiffe und knapp 1100 Sportboote kontrolliert. Nur bei etwa jedem fünften bis sechsten Fahrzeug haben die Polizisten etwas zu bemängeln. Zum Vergleich: Bei Großkontrollen auf den Autobahnen stellen die Beamten bei fast jedem zweiten Lkw einen Verstoß fest.

Die Wasserschutzpolizisten sollen für mehr Sicherheit auf Flüssen und Seen sorgen. Doch nicht immer gelingt das. Im vergangenen Jahr kam es zu 15 Sportbootunfällen und 23 Unfällen in der Binnenschifffahrt.

Auch die Kriminalitätsbekämpfung gehört zu den Aufgaben der rund 85 Bediensteten der Wasserschutzpolizei im Revier Magdeburg und in den fünf Stationen in Havelberg (Landkreis Stendal), Zerben (Jerichower Land), Haldensleben (Bördekreis), Dessau und Halle. Wie bei der „normalen“ Kriminalpolizei das Bundeskriminalamt, gibt es auch bei der Wasserschutzpolizei ein gemeinsames „Kompetenzzentrum Bootskriminalität“. Sein Sitz ist in Konstanz am Bodensee. Wenn zum Beispiel reihenweise Bootsmotoren gestohlen werden, arbeiten die Polizisten eng mit den Fachleuten in Baden-Württemberg zusammen. In Sachsen-Anhalt sind im vergangenen Jahr 26 Bootsmotoren, acht Boote und drei Ruderboote entwendet worden.

Um den Kriminellen das Geschäft zu vermiesen, haben die Wasserschutzpolizisten schon vor rund 20 Jahren damit begonnen – ähnlich wie bei den Fahrrädern – die Rahmen mit einer Gravur-Nummer zu codieren. „Sollten die Motoren irgendwo wieder auftauchen, können wir sie so besser identifizieren“, erklärt der Leiter des Wasserschutzpolizei-Reviers Polizeioberrat Sylvio Kleinau. Die Sportbootfahrer kommen mit ihren Motoren entweder ins Revier, oder die Beamten fahren zu den Vereinen und bieten dort den Service an.

Seither haben 1222 Motoren eine Gravur. Wegen der Pandemie waren es im vergangenen Jahr lediglich 13 und in diesem Jahr nur zwei. Kleinau: „Wir hoffen aber, dass wir damit nach der Pandemie wieder Fahrt aufnehmen können.“

Die Corona-Pandemie hat dafür an anderer Stelle für mehr Arbeit gesorgt. Weil es immer mehr Menschen ans Wasser zieht, nehmen die Verstöße gegen das Betretungsverbot von Schutzgebieten zu. Die Ordnungswidrigkeitsanzeigen haben sich im Jahr 2020 bereits verdoppelt.

„Es gibt nur noch wenige Bereiche an der Elbe, die nicht von Natura 2000, betroffen sind. Das macht sich bemerkbar“, erklärt der Polizeioberrat. Man müsse sich als Wassersportler vor der Tour damit beschäftigen, wo man anlanden darf und wo nicht. Wendt: „Wir führen deshalb immer wieder sehr viele aufklärende Gespräche und werben für Verständnis.“

Das Dienstboot „Otter“ verlangsamt seine Fahrt. Ein Angler gerät ins Visier. Torsten Spors beobachtet ihn durch das Fernglas. Doch es scheint alles in Ordnung zu sein. Deshalb setzen die Beamten die Fahrt ohne Kontrolle fort. Im vergangenen Jahr haben die Beamten 167 Straftaten (Schwarzangeln) und 42 Ordnungswidrigkeiten in Sachsen-Anhalt festgestellt. „Auch das gehört zu unserem Job“, sagt Revierleiter Kleinau. Hinzu kommt: Jedes Jahr verändern sich die Verordnungen im Umweltrecht, in der Schifffahrt und auch das Fischereirecht sei umfangreich. Schon aus diesen Gründen gelten die Polizisten mit den Streifen auf dem Schulterstück als Spezialisten auf ihrem Gebiet. Die Ausbildung beinhaltet einen zwölfwöchigen Fach-Lehrgang mit Prüfung an der Wasserschutzpolizeischule Hamburg. „Das ist aber nur die Grundausbildung, Radar-Patent und andere Lehrgänge kommen noch dazu“, so Kleinau.

Zum Schluss der Schicht winken die Polizisten ein Sportboot heran. Es gehört Matthias Franzke. Für den 25-jährigen Magdeburger ist es die erste Kontrolle und er sagt: „Ich finde es gut, dass hier kontrolliert wird. So können wenigstens die Chaoten aus dem Verkehr gezogen werden.“

Hintergrund: Das Einsatz-Gebiet umfasst 560 Kilometer Bundeswasserstraßen (Elbe, Saale, Havel, Mittellandkanal und Elbe-Havel-Kanal), 190 Kilometer fließende Landesgewässer (z.B. Unstrut, obere Saale) und etwa 6500 Hektar Seen (z.B. Arendsee, Niegripper See, Geiseltalsee).

Etwa 85 Bedienstete sind bei der Wasserschutzpolizei in Sachsen-Anhalt beschäftigt. 40 von ihnen arbeiten in den fünf Stationen in Havelberg (Landkreis Stendal), Zerben (Jerichower Land), Haldensleben (Bördekreis), Dessau und Halle. Der Rest arbeitet im Revier in Magdeburg.

Das Revier verfügt über insgesamt 13 Dienstboote. Neben drei Neuanschaffungen (2,6 Millionen Euro) gibt es noch vier Zwölf-Meter- und vier 14-Meter-boote sowie zwei Mehrzweckboote.

Zu den Aufgaben gehören Überwachung unter anderem der Binnenschifffahrtsstraßenordnung, Kontrolle der Papiere, Ladungen und Mannschaften sowie Sportboote und Fähren. Verfolgt und verhindert werden sollen unter anderem auch Gewässerverunreinigungen, umweltgefährdende Abfallbeseitigungen und Verstöße gegen das Fischereirecht.

Statistik: Gewässerverunreinigungen: 2020 (24); 2019 (36); 2018 (20)

Verstöße im Fischereirecht: 2020: 167 Straftaten und 42 Ordnungswidrigkeiten

Sportbootunfälle: 15 im Jahr 2020, 13 im Jahr 2019, 22 im Jahr 2018

Unfälle der Binnenschifffahrt: 23 im Jahr 2020, 10 im Jahr 2019, 16 im Jahr 2018

Fahren ohne Sportbootführerschein (ab 15 PS Pflicht): 2020 (2); 2019 (2); 2018 (2)

Fahren ohne Patent: 2020 (3); 2019 (1); 2018 (2)

Trunkenheitsfahrten: 2020: 0; 2019: 2; 2018: 3

Straftaten gegen Umweltrecht inklusive Fischereivergehen: 2020: 280 Straftaten und 1164 Ordnungswidrigkeiten, 2019: 256 Straftaten und 606 Ordnungswidrigkeiten, 2018: 273 Straftaten und 670

Bootsführer Torsten Spors und sein Kollege Polizeirat Lutz Wendt auf Streife im modernen Cockpit. Gesteuert wird das Schiff nur noch mit einem Joystick.
Bootsführer Torsten Spors und sein Kollege Polizeirat Lutz Wendt auf Streife im modernen Cockpit. Gesteuert wird das Schiff nur noch mit einem Joystick.
Matthias Fricke
Die Beamten der Wasserschutzpolizei kontrollieren ein Sportboot. Der 25-jährige Matthias Franzke unternimmt mit seinem zehnjährigen Neffen eine Spritztour. An Bord ist bei ihnen alles in Ordnung.
Die Beamten der Wasserschutzpolizei kontrollieren ein Sportboot. Der 25-jährige Matthias Franzke unternimmt mit seinem zehnjährigen Neffen eine Spritztour. An Bord ist bei ihnen alles in Ordnung.
Matthias Fricke