Genthin l Die kleine Werkstatt ist erfüllt von Stimmen und dem Lärm fleißiger Hände: Da wird Ton geknetet, geformt, ausgerollt, mit Förmchen ausgestochen und die fertigen Gebilde bepinselt. Derweil stellen die Senioren, wie Gisela Jaekel (87), Fragen an die Mitglieder der Schülerfirma „Kreativ“: Wie forme ich einen Becher? Mit welchem Muster verziere ich die Schalen? Welches Werkzeug nutze ich, um Löcher in die Anhänger zu bekommen?

Die Töpferwerkstatt ist Teil des Seniorenzentrums Haus „Georg Stilke“ in Genthin. Jana Wall, stellvertretende Chefin der Schülerfirma, sagt „Es ist gut, wenn viele Schüler Zeit haben, dann kann jeder mit einem Bewohner arbeiten.“ Schülerin Rosail Bilal erklärt derweil einer Bewohnerin, die einen Becher aus Ton herstellen möchte, wie sie die Glasflasche am besten einsetzen kann, um die Form zu erhalten. „Damit der Ton nicht an der Flasche kleben bleibt, packen Sie am besten Zeitung dazwischen“, sagt sie.

Zweimal im Monat besuchen die Jugendlichen der Schülerfirma der Sekundarschule „Am Baumschulenweg“ das Seniorenzentrum in Genthin. In der Werkstatt im Keller arbeiten sie dann etwa zwei Stunden lang an neuen, kleinen Kunstwerken aus Ton. Jetzt im November sind es vor allem Anhänger für den Weihnachtsbaum, aber auch Becher, um darin Stifte oder Pinsel aufzubewahren.

Schüler helfen Senioren beim Töpfer

Ivan Alali befestigt den Boden am Becher, indem er ein flaches Tonstück mit der bisherigen Zylinderform verbindet. „Der Übergang zwischen Boden und Rand muss ganz glatt sein, sonst hat der Becher am Ende Dellen“, erklärt der Zwölfjährige.

Lehrerin Monika Beudt betreut den Töpferkurs der Schülerfirma vor Ort. 2005 hatte sie die Firma gemeinsam mit der pädagogischen Mitarbeiterin Anke Rönck gegründet. 17 Jugendliche gehören zum Team der Schülerfirma, wechseln sich mit den jeweiligen Aufgaben ab. Dazu gehört, neue Materialien einzukaufen, Marketing zu betreiben oder den Überblick über die Finanzen zu behalten. „Wir haben vier Praktikanten derzeit. Die gucken sich das an und entscheiden nach vier Wochen, ob sie Teil der Schülerfirma werden wollen“, erklärt Jana Wall.

Einer von ihnen ist Faraj Albaddah (11). Er formt ebenfalls Becher aus Ton, wie Ivan, schaut dem Älteren über die Schulter. Seine Praktikumszeit ist bald vorbei, dann muss er sich entscheiden. Ob er bleiben will? „Ja, mir macht das Töpfern Spaß und ich will weitermachen“, sagt er. Und wie stellen sich die älteren Schüler und Senioren des Töpferkurses an? „Bei den Jüngeren, etwa aus der fünften Klasse, muss man mehr Geduld haben, die Älteren verstehen es schneller“, sagt Jana Wall.

Senioren sind handwerklich ehrgeizig

Britta Möbes, Leiterin des Seniorenzentrums, weiß: „Frau Jaekel etwa ist schon fast 90 Jahre alt, war früher Erzieherin. Sie möchte alles ganz akkurat haben.“ Ivan muss sich deshalb anstrengen, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden.

Den Anhängern für den Weihnachtsbaum fehlt nur noch ein kleines Loch, um sie an den Baum hängen zu können. Dabei geht er vorsichtig vor, um den Anhänger nicht zu beschädigen, bevor er im Ofen gebrannt wird. Mit kleinen Anhängern habe man damals begonnen, denn diese seien auch für Bewohner mit eingeschränkter Beweglichkeit machbar, erklärt Britta Möbes.

„Die Gefäße sind schwieriger, aber ich finde es wichtig, den Bewohnern unterschiedliche Angebote machen zu können“, sagt sie. In der kleinen Werkstatt entstehen neben Tongefäßen auch Vogelhäuschen aus Holz oder Blumenkästen für die Terrasse. Manfred Niemann (77) ist jedes Mal der Erste beim Töpferkurs – und er ist handwerklich begabt. Auch mit Holz arbeitet er gerne. „Es gefällt mir gut und ist eine Abwechslung“, sagt er und vollendet sein Gefäß in Form eines Seesterns.

Schüler verkaufen übrige Töpfe

Bewohner, die ihre Kunstwerke behalten möchten, nehmen sie mit auf ihr Zimmer. Die Übrigen finden Platz in einer Vitrine im Aufenthaltsbereich. Mittlerweile sei aber so viel zusammengekommen, dass die Schülerfirma die Erlaubnis bekommen hat, die getöpferten Waren zu verkaufen.

„Vielleicht können wir irgendwann ein Fahrrad mit Aufbau (Lastenrad) anschaffen, um unsere Sachen zu transportieren – etwa auch zum Kartoffelfest in Genthin“, denkt Monika Beudt laut nach. Bei dieser Gelegenheit könne die Töpferware verkauft und zudem auch Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt betrieben werden. Das Geld, das durch die „Leser helfen“-Aktion hoffentlich zusammenkommt, soll in Glasuren in unterschiedlichen Farben sowie in neuen Ton investiert werden.

Seit 2013 besteht die Kooperation zwischen der Schülerfirma der Sekundarschule und dem Seniorenzentrum. Im Rahmen des „Zukunftstags“ können sich die Sekundarschüler der sechsten Klasse einen Eindruck von der Arbeit in einem Seniorenheim – als Pfleger oder Betreuer – verschaffen. „Wer durch ein Praktikum in der achten oder neunten Klasse feststellt, dass er es gar nicht so schlecht bei uns findet, kann sich später als Azubi bewerben“, sagt Heimleiterin Britta Möbes.

Bis Weihnachten fertig sein

Einen finanziellen Vorteil zieht das Heim aus der Kooperation mit der Schülerfirma nicht. „Wir möchten das Projekt nachhaltig betreiben“, so Möbes. Dafür spricht sich auch Beudt aus, wenn sie sagt: „Die Kinder sollen miteinander arbeiten, aber auch erkennen, dass sie selber irgendwann in die Situation der Älteren geraten können“, erklärt sie. Bis Weihnachten sollen die Tonkunstwerke fertig sein – damit die Senioren sie verschenken können.

Mehr Informationen zur Spendenaktion "Volksstimme-Leser helfen 2018" gibt es hier.