Oschersleben/Gernrode l Nicht mal so dick wie ein Telefonkabel ist es. Trotzdem zuckt Alina nur manchmal ganz kurz, als sie zu träumerischen Klavierklängen übers Seil wandelt. Eben, zu Beginn der Probe, ist sie schon schlangenhaft galant mit ihrem Hulareifen über die Matte getänzelt. Konzentriert schaut sie bei jeder Nummer, scheu bei keiner. Schwer vorstellbar, dass die 14-Jährige normalerweise der zurückhaltende Typ ist. Bei Vorträgen vor ihrer Schulklasse bekommt sie Muffensausen, aber bei Zirkusauftritten vor Dutzenden Zuschauern fühlt sie sich wohl.

Alina Krämer ist mit dem Kinderzirkus Awolino groß geworden. Als sie sieben war, kam ein Typ, der sich Caro Curioso nennt, in ihre Schule gestapft und probierte mit den Pimpfen sein Spielzeug aus: Jonglierbälle, Diabolos, Pois – diese Bälle an Schnüren, die man im Kreis dreht. „Danach bin ich einfach geblieben“, erzählt der hellblonde Teenager. Bis heute kommt Alina zweimal die Woche zum Training, manchmal hilft sie auch beim Kinderunterricht. Pubertät hin oder her.

Ein Zirkustalent besitzt jeder

Heute ist das Training ein ganz besonderes: Statt wie sonst in einer Oschersleber Turnhalle wird das aktuelle Programm auf einem Campingplatz in Gernrode einstudiert. Einige Awolinos sind nämlich gerade auf Sommertour – von der Börde geht’s über den Harz bis an die Ostsee. Mit dabei ist ein großes buntes Geschenk der Volksstimme-Leser: das Zirkuszelt.

Ein runder Unterschlupf mit zehn Metern Durchmesser im Leuchtfarben-Gute-Laune-Look. „Das Zelt, das wir vorher hatten, war schon alt“, erklärt Caro Curioso, der eigentlich Jens Klamm heißt, sich aber lieber unter seinem Alias vorstellt. Der Zirkuspädagoge hob das Projekt vor sieben Jahren mit Hilfe des Awo-Kreisverbands Börde aus der Taufe.

Sein Ziel: die Stärken der Kinder und Jugendlichen herauskitzeln, ihnen damit Selbstbewusstsein geben. Und ihnen beibringen, Verantwortung für andere zu übernehmen. Siehe Alina.

Kinder und Jugendliche stark machen – genau darum ging es diesmal bei der Spendenaktion „Leser helfen“. Zum Motto „Unser Land. Unsere Zukunft.“ wählten die Volksstimme und der Paritätische vorab sieben Projekte aus, die jungen Menschen in Sachsen-Anhalt helfen, ihre Fähigkeiten zu entdecken oder schwierige Situationen zu meistern. Die Leser spendeten insgesamt 33.784 Euro.

4800 Euro davon gingen an die Awolinos. An ein Projekt, das rasant gewachsen ist. Es begann damals mit zwölf Leuten aus einer Oschersleber Betreuungsgruppe für Kinder und Jugendliche, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Auftritte in Schulen und Kitas machten den Zirkus immer bekannter. Heute gehören zur Truppe mehr als 100 junge Artisten und Clowns aus Oschersleben und Umgebung, vom Heimkind bis zum Spross aus der gutbürgerlichen Familie.

Laufen auf der Kugel

„Die Biografie zählt bei uns nicht“, erklärt der Mann mit der John-Lennon-Brille und den klingelnden Fußbändchen. Ihm geht es ums Talent der Leute. Und ein Zirkus-Talent besitzt jeder, sagt er. Und erzählt dann, wie er mal einem Mädchen mit korpulentem Körper und Lernbehinderung das Laufen auf einer Kugel beibrachte.

Caro Curioso ist sich sogar sicher, dass er jemandem ansehen kann, welche Zirkus-Disziplin zu ihm passt. Die Gangart ist zum Beispiel ein Indiz für ihn, genau wie die Mimik.

Stärken zu haben ist ungewohnt

Einige, erzählt er weiter, würden sich allerdings im Kopf blockieren. Sie könnten nicht mit dem Gefühl umgehen, wahrgenommen zu werden. „Stärken zu haben, das kennen manche nicht.“

Damit das Projekt mit all dem Zirkusnachwuchs am Laufen gehalten werden kann, helfen Caro Curioso zwei Angestellte und rund 20 Ehrenamtler. So wie Carina Lederich. Auch sie wird beim Zirkus von allen anders genannt: Mucki. Die heute 22-Jährige kam einst als Bundesfreiwilligendienstlerin zu den Awolinos – und danach nicht mehr von ihnen los.

Ein Auge auf die Kleinen

Mucki ist auch auf der kleinen Sommertournee dabei. Sie hilft beim Einstudieren der Nummern, hat ein Auge auf die Kleinen (die jüngsten Artisten sind erst sieben), kümmert sich auch mal ums Essen.

Gegessen wird auf dem Gernröder Campingplatz übrigens im Zirkuszelt. Und geschlafen auch. Das ist viel besser als ein Haufen winziger Zwei-Mann-Zelte – schon allein deshalb, weil man darin aufrecht stehen kann. Aber keine Sorge: Das nagelneue Zelt dient in Zukunft nicht nur als Unterkunft. Wenn die Oschersleber Awolinos mal wieder ohne Luftmatratzen zum Auftritt fahren und die Gastgeber genügend Platz haben, dann spielen sie auch ihr Programm darin.

Schicksalskinder in Schönebeck

Neben dem Zirkus Awolino gibt es noch viele andere Projekte, die von "Leser helfen" unterstützt werden. Hier einige Beispiele. Selbsthilfegruppe „Gemeinsam stark für Schicksalskinder" in Schönebeck: Mit Hilfe der Leser-Spenden sind Eltern und Kinder im Juni für einen Tag gemeinsam nach Berlin gefahren. Sie schauten sich im Sealife Fische an und machten im Madame Tussauds Fotos mit Wachsfiguren – eine schöne Ablenkung vom Alltag.

Tanzprojekt im Jugendhaus Elbe-Parey: Anfang Herbst kann ein Workshop gestemmt werden, bei dem Jugendliche zwei Tage lang Showtanz oder Breakdance lernen. Für Kinder gibt’s eine extra Gruppe. Um die letzten Plätze zu füllen, will das Team des Jugendhauses nach den Ferien in Schulen gehen und für das Projekt werben.

Projekt „Bevor die Seele überläuft" in Magdeburg: In den Herbstferien treffen sich Schüler aus der Magdeburger Gemeinschaftsschule Oskar Linke, um mit dem Verein „Der Weg" eine Broschüre zu erarbeiten, die Jugendlichen Ansprechpartner bei seelischen Problemen an die Hand gibt. Auch dabei: Zwei Menschen, die mit einer psychischen Krankheit leben und eine Grafik-Designerin.

"Kunstplatte" in Stendal

Mobile Kinder- und Jugendarbeit in Stendal: Theater, Tanz, Clownerie: Im Örtchen Brunkau hat der Verein „Kunstplatte Stendal" mit Hilfe der Leser gerade Ferienspiele veranstaltet. Thema: Münchhausen. 27 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren machten mit.

Suchtprävention in Magdeburg: Die Jugend- und Drogenberatungsstelle Drobs kann mit neuem Material in die Schulen gehen: Sie hat einen zweiten Parkours zu Alkohol und Nikotin angeschafft und dazu eine tragbare Moderationswand plus Koffer mit besonderen Stiften. Bald kommt noch eine große Waage aus Holz dazu, in deren Schalen man symbolisch seine Gefühle werfen kann.

Bauwagenprojekt in Wernigerode: Die Johannisgemeinde konnte für die Kinder und Jugendlichen neue Spielgeräte anschaffen. Außerdem wurden einkommensschwache Familien beim Teilnehmerbeitrag für die Sommerfreizeit unterstützt. Denn in den Ferien ging es für eine Woche nach Dänemark.