Darum macht der Paritätische mit

„Wir möchten Projekte in den Mittelpunkt stellen, die Menschen in schwierigen Lebenssituationen Unterstützung und Halt geben. Jeder von uns weiß, dass Veränderungen und Brüche im Leben dazugehören. Sie zu bewältigen, ist nicht immer und für jeden einfach, etwa wenn eine schwere Erkrankung alle Pläne durchkreuzt oder junge Menschen am Start ins Berufsleben scheitern, weil ihre Lebensbedingungen schwierig sind. Oft hilft die Gemeinschaft von gleichfalls Betroffenen oder eine Initiative von engagierten Menschen, Hoffnung zu schöpfen und in ein neues Leben zu starten. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie diese beispielhaften Projekte.“

Gabriele Girke, Paritätischer Sachsen-Anhalt

Magdeburg l Gleich ist Mittagspause. Seit acht Uhr wuselt Maik* schon auf dem Kita-Gelände herum. Erst hat er säckeweise Laub zusammengefegt, dann die Hüpfplatte auf dem Spielplatz repariert. Vor einem halben Jahr lag er um diese Zeit noch im Bett. „Ich hab immer bis in die Puppen geschlafen, hatte keinen geregelten Tagesablauf“, sagt er mit einem Heute-ist-mir-das-etwas-peinlich-Grinsen. Maik, 23, ein hochgewachsener Kerl mit aufgeschlossener Art, ist gerade mit viel Verspätung auf dem Weg ins Berufsleben.

Nach dem Hauptschulabschluss hatte er nur zu Hause rumgehangen. Seit fünf Monaten nun hilft ihm der Magdeburger Verein „Die Brücke“, die Kurve zu bekommen. Bei dessen Projekt „Tagelöhner“ werden Jugendliche ohne Berufsabschluss bei betreuter handwerklicher Arbeit auf einen geregelten Job vorbereitet. Sie packen in den Einrichtungen an, in denen „Die Brücke“ Jugend- und Familienhilfe leistet: Kita, Hort, Familienzentrum, Jugendclub. „Tagelöhner“ ist eines von sieben Projekten, um die es diesmal bei „Leser helfen“ geht, der Spendenaktion der Volksstimme und des Paritätischen Sachsen-Anhalt, die an diesem Sonnabend wieder startet.

Unter dem Motto „Mein neues Leben“ werden Menschen unterstützt, denen es schwerfällt, den Übergang in eine andere Lebensphase zu meistern. Dazu gehören etwa Krebspatienten, denen ermöglicht wird, ihre Krankheit mit Hilfe von Kunst zu verarbeiten oder geflüchtete Kinder, die sich bei Spielenachmittagen an das Leben in ihrer neuen Heimat herantasten.

Überforderung, Drogen, Aggression

Und auch wenn es für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit ist: Der Übergang von der Schule ins Berufsleben stellt für manchen ebenso eine schwierige Phase dar. Trotz des üppigen Angebots finden jährlich rund 300 Bewerber in Sachsen-Anhalt keinen Ausbildungsplatz, jeder dritte Azubi bricht die Lehre in seinem Betrieb ab.

Dass Maik keine Lehre gefunden hat, lag an seinem Berufswunsch, sagt er. „Ich wollte Kfz-Mechatroniker werden, aber ohne Realschulabschluss bekommst du nur Absagen.“ Doch, er ist ehrlich, es war nicht nur das: „Meine Kumpels haben auch nix gemacht. Mir hat einer gefehlt, der mir einen Tritt in den Hintern gibt.“

Die Gründe, aus denen Jugendliche den Sprung ins Berufsleben nicht allein schaffen, sind sehr verschieden, erklärt Ralf Meyfarth, der das Projekt zusammen mit einem zweiten Sozialarbeiter betreut. „Manche haben Drogenprobleme, andere sind psychisch auffällig, zum Beispiel aggressiv. Wieder anderen fehlt die Motivation, weil sie schon in der Schule überfordert waren.“

Teamarbeit und Pünktlichkeit

Auch die Lebenslagen der jungen Leute, die bei ihm – meist übers Jobcenter – landen, sind verschieden: Teils haben sie ihre Ausbildung abgebrochen, teils noch keine Lehre gefunden, manchmal kommen sie auch gerade aus einer Therapie. Sie alle sind, so fasst es Meyfarth zusammen, „durchs Rost gerutscht“. In der Regel kommen sie aus sozial schwierigen Verhältnissen, haben nie gelernt, sich an Regeln zu halten und etwas durchzuziehen. Außerdem fehlt ihnen ein strukturierter Tagesablauf.

Hier setzt das Projekt an. Es gilt, viermal pro Woche pünktlich um acht auf der Matte zu stehen, fünf Stunden lang bei der Stange zu bleiben, im Team zu arbeiten, sich an Absprachen zu halten. Dabei tun die Jugendlichen gleich Gutes für die Familien in ihrem Stadtteil: Sie bauen Klettergerüste auf, mähen den Rasen am Hort, haben in Projekten schon einen Pavillon für die Kita gezimmert und einen Zaun vor das Familienzentrum gesetzt. Als Motivation gibt‘s eine Aufwandsentschädigung von 15 Euro am Tag – daher der Name „Tagelöhner“ –, davon stottern sie zum Beispiel Schulden ab.

Neben der Vorbereitung auf den Arbeitsalltag verfolgt das Projekt noch ein weiteres Ziel: Die Teilnehmer sollen bei der Arbeit und in Gesprächen herausfinden, was sie später überhaupt machen wollen. Das kann eine Ausbildung sein, ein Hilfsarbeiter-Job, eine Stelle in einer Behindertenwerkstatt oder erstmal ein höherer Schulabschluss. Die Sozialarbeiter helfen dann auch beim Vermitteln und Bewerben.

Wunsch: ein Trampolin für die Kita

Bei Maik hat das funktioniert. Er ist sich jetzt sicher: „Ich mache lieber etwas mit den Händen, als nochmal die Schulbank zu drücken – am besten draußen.“ Inzwischen hat er sich sogar auf eigene Faust einen passenden Job gesucht. Nächstes Jahr geht er zur Müllabfuhr, erzählt er stolz.

Eine Besonderheit am Projekt der „Brücke“ ist, dass die Jugendlichen so viel Zeit haben, wie sie brauchen. „Jeder soll dort ankommen, wo er hingehört – das ist ein langer Prozess mit ganz kleinen Bausteinen“, erklärt Ralf Meyfarth. Manche bräuchten dafür drei Monate, andere ein Jahr.

Die Teilnehmer müssen auch keine Angst haben, aus dem Projekt zu fliegen, wenn sie mal schwänzen. Wer mehrmals nicht kommt, soll im Gespräch erklären, woran es liegt. Aber tanzen einem die Leute dann nicht auf der Nase herum? „Sie merken, dass man ihnen eine Chance gibt, und das nehmen sie dankbar an“, kontert Meyfarth. Die Zahl der Abbrecher gibt ihm Recht: In den vergangenen zwei Jahren, sagt er, hätten nur drei oder vier Teilehmer das Handtuch geworfen.

Das nächste Projekt haben die „Tagelöhner“ schon im Auge: Sie möchten den Kita-Kindern ein ebenerdiges Trampolin bauen. Doch ohne Spenden ist das nicht zu stemmen. Vom Ergebnis hätten nicht nur die Kleinen etwas, erklärt Meyfarth: „Wenn die Jugendlichen sehen, wie Kinder darauf rumhüpfen, gibt ihnen das ein Gefühl von Wertschätzung.“

*Name geändert