Sonne als Symbol

Die Freie Deutsche Jugend wurde am 7. März 1946 auf Initiative der Kommunistischen Partei Deutschlands gegründet. Ihr Symbol ist die aufgehende Sonne, die als Emblem auf dem „Blauhemd“, dem Erkennungszeichen der FDJler getragen wird.

Die FDJ verstand sich zunächst als „überparteiliche, demokratische und einheitliche“ Jugendorganisation, wurde aber später von der SED vereinnahmt. Fast alle Schüler der DDR wurden zunächst Jungpionier, dann Thälmannpionier und ab dem 14. Lebensjahr FDJler. Die Mitgliedschaft war freiwillig, eine Verweigerung konnte aber Nachteile bringen.

Der offizielle FDJ-Gruß lautete „Freundschaft!”. Als Zeitung des Verbandes fungierte die „Junge Welt“.

Magdeburg l Die FDJ hatte als „Kampfreserve der Partei“ im politischen Gefüge der DDR stets eine besondere Rolle gespielt. Die Parteiführung glaubte, junge Leute herangezogen zu haben, die ihr Werk getreulich weiterführen würden. Irrtum: Gerade die sozialistisch erzogene Jugend rannte im Wendejahr 1989 in Scharen davon.

Oder war umgeschwenkt: Beim Fackelzug der FDJ am Vorabend des 40. Jahrestages der DDR huldigten die stimmgewaltigen Jugendkolonnen am 6. Oktober in Berlin nicht Erich Honecker, sondern dem neben ihm auf der Tribüne stehenden Sowjetführer Michael Gorbatschow, der im Zenit seiner Popularität stand. Hundertfache „Gorbi, Gorbi“-Rufe ertrug Honecker mit eingefrorenen Gesichtszügen.

Der mächtigste Mann der DDR witterte eine Intrige der FDJ-Führung. Mit der Folge, dass die Jugend des Landes ausgerechnet ihm, der 1946 die Freie Deutsche Jugend mitbegründet und dann jahrelang geführt hatte – endgültig entglitten war.

Bilder

Ganz plötzlich waren die Haare ergraut

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der frühere FDJ-Chef Egon Krenz war es, der ihn am 18. Oktober vom Thron stieß. Er war der erfolgreichste jener Funktionäre in Kreisen, Bezirken und im Zentralrat, die – gestützt auf ein enges FDJ-Beziehungsgeflecht – Karriere in Staat und Politik gemacht hatten.

Krenz wurde 1971 zunächst Vorsitzender der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“. Von 1974 bis 1983 war er Erster Sekretär des Zentralrates der FDJ. Dann ging es für ihn in der DDR-Hierarchie weiter steil bergauf: 1983 zog er als Verantwortlicher für Sicherheitsfragen ins SED-Politbüro ein.

Und, welch ein Wunder: Plötzlich begann der bisherige Berufsjugendliche Krenz zu ergrauen. Wegen erwünschter Seriösität bedurften die Haare keiner Färbung mehr. Mit der Wahl zum Vize-Vorsitzenden des Staatsrates 1984 avancierte Egon Krenz endgültig zu Honeckers Kronprinz.

Treue Genossen der Nachkriegsgeneration besetzten nach ihm die Schaltstellen im FDJ-Apparat. Wie Hartmut König, 1967 Schöpfer des Agitprop-Stückes „Sag mir wo Du stehst“. Der linientreue Barde zog unter Krenz in die FDJ-Zentrale ein und wurde ab 1979 für Kultur verantwortlich. Noch 1989 stieg König zum stellvertretenden DDR-Kulturminister auf.

Der Kontakt zu Egon Krenz blieb erhalten, wie König in seinen Memoiren berichtet. Als Gorbatschow mit seiner Perestroika-Politik die oberste DDR-Führung in helle Aufregung versetzt hatte, wagte sich der FDJ-Kulturfunktionär gegenüber designierten Honecker-Nachfolger vor und bekundete seine Sympathien für den frischen Wind in Moskau. „Aber Krenz hatte zu meinem Erstaunen lapidar geantwortet: ,Dann behalt dir das mal!‘ Und ich hatte es als Zeichen gedeutet, dass es nun auch bei einigen Mitgliedern der Oberleitung zu funken begann“, schreibt König in seinen Erinnerungen.

Als Krenz dann an der Macht war, trug schon seine erste Fernsehrede zum baldigen Fall bei. Der neue Mann an der Spitze wollte mit der Ansprache, die er zuvor im SED-Zentralkomitee gehalten hatte, die Führungsrolle bei der „Wende“ für die Partei reklamieren.

Erster Fernsehauftritt gründlich vergeigt

Das Resultat des hölzernen Auftritts war verheerend, wie sich König heute bedauernd erinnert: „Seine Gedankenwelt, von literarisch geübten Federn in Form gebracht, hätte wohl alle Substanz für den erwarteten Weckruf gehabt. Aber so ist der Morgenappell vergeigt.“

Nach der Öffnung der Grenze nach Österreich durch die ungarische Regierung redete FDJ-Boss Eberhard Aurich 12. September 1989 Krenz an dessen Urlaubsort Dierhagen ins Gewissen. Dieser berichtet später über die Begegnung, Aurich habe von einem „Einschnitt“ in das Leben des Landes gesprochen und die Null-Reaktion des Politbüros mit Empörung quittiert. Krenz zitiert den obersten FDJ-Funktionäre wie folgt: „Noch vor einem Jahr hätte man auf die Autorität von Erich Honecker bauen können. Die hat er inzwischen selbst verspielt.“

Die Beispiele zeigen, dass Krenz zum letzten Hoffnungsträger für die Leute aus der führenden FDJ-Kaste geworden war.

Auch Wilfried Poßner, Vorsitzender der Pionierorganisation „Ernst Thälmänn“ zählte zu diesem Zirkel, der auf dem von Gorbatschow vorgezeichneten, aber nie verwirklichten Perestroika-Kurs lag, und damit das DDR-System in letzter Minute vor dem Zerfall retten wollte.

Poßner hatte sich Monate vor der Wende mit Überlegungen an Krenz gewandt, dass das anstehende FDJ-Parlament 1990 im Lichte von Glasnost und Perestroika stehen müsse, wie er in dem Sammelband „Das große Haus“ zur Funktionsweise des SED-Zentralkomitees bekundet. Krenz habe ihm Mut bescheinigt, so Poßner, aber „Vorsicht im Umgang mit derartigen Überlegungen“ empfohlen.

Der frühere oberste Pionierleiter verweist zudem auf eine Studie zur Situation unter Kindern und Jugendlichen, die er Krenz gemeinsam mit Aurich und Gerd Schulz, dem Jugend-Abteilungsleiter im ZK der SED, wenige Tage vor dem 40. Jahrestag der DDR übergeben habe. Danach habe der Vertrauensverlust der Jugend außerordentlich zugenommen und werde wegen der Sprachlosigkeit der Führung zur Massenflucht weiter steigen.

Schonungslos zeigten die Autoren auf, wie es unter der Jugend der DDR tatsächlich aussah – von Frust über die Erfolgspropaganda, Verbitterung über die Privilegien für Funktionäre bis hin zu neofaschistischen Tendenzen.

Empörung im Politbüro über Jugendfunktio

Es war ein Rundumschlag gegen die Honecker-Politik, den sich die Funktionäre noch Wochen zuvor niemals gesagt hätten. Selbst Krenz ließ selbst kurz vor der Honecker-Absetzung noch die Finger von der brisanten Studie.

Die Autoren leiteten das Material am 8. Oktober direkt an das Büro Honecker weiter. Der empörte Generalsekretär fühlte sich bestätigt: Nicht vom Inhalt der Analyse, aber vom Verdacht gegen die Jugendfunktionäre. In einer Sitzung des Politbüros habe Honecker die Analyse „als Verrat der FDJ-Führung an der Partei“ charakterisiert, so Poßner.

Die Sache taucht noch mal in Honeckers „Moabiter Notizen“ aus der Zeit seiner Haft in dem Berliner Gefängnis 1992/93 auf: Darin verurteilte er bewusstes Papier, „in dem als Kernpunkt gefordert wurde, im Interesse der ,Erneuerung der DDR‘ die älteren Funktionsträger von der Zentrale abzulösen und sie durch Kader aus der FDJ zu ersetzen“. Honecker war mit dem Jugendverband und seinen Protagonisten fertig. Persönliche Fehler gestand der geschasste Partei- und Staats- chef nicht ein.

Das letzte Aufbäumen der FDJ-Elite war indes halbherzig vergeblich. Hatte sie doch der Parteiführung quasi bis zum Untergang in Nibelungentreue gedient. Der Jugendverband war einer der Multiplikatoren des sich bis zur Absurdität steigernden Personenkultes um einen Generalsekretär, der jede Verbindung zur tristen Wirklichkeit in seinem vorgeblich blühenden Land verloren hatte.

Die FDJ versuchte mit Rockkonzerten und dem Jugendreisebüro zu retten, was nicht zu retten war. Bei Manifestationen, Festivals und Kongressen überboten sich die Funktionäre wie Aurich und Poßner gegenseitig mit Ergebenheitsadressen an die SED und ihren Genralsekretär. Propagiert wurde der Sozialismus in den „Farben der DDR“. Die Einzahl hätte ge l reicht: Die dominierende Farbe in der Republik war Grau.

Mehr Infos gibt es hier.