Magdeburg l Millimeter für Millimeter arbeitet sich das Schneidwerkzeug durch gelblich-rotes Gewebe. Es gibt kein Ruckeln, kein Wackeln, nur kühle Präzision. Die Metallzange setzt an, ein kurzes Zischen und Dampfen, dann löst sich eine dunkle Verdickung – ein Lymphknoten, wie sich später herausstellen wird.

Wir sind in einem Schulungsraum der Magdeburger Uniklinik. Über den Flachbildschirm laufen Bilder aus dem Operationssaal im Keller ein. Dort steht nicht der Chirurg am offenen Bauch – so wie man das von früher kennt. Es ist der Roboter „DaVinci“, der hier operiert.

Zu sehen sind von außen nur vier schmale Gestänge, die in winzigen Löchern im Bauch einer Patientin verschwinden. Chirurg Roland Croner sitzt Meter entfernt an einer Konsole, die Finger in Kontrollmodulen. Der Klinikdirektor der Allgemein- und Bauchchirurgie steuert seinen künstlichen Assistenten – ohne den Menschen geht es auch heute nicht. Durch eine Art Fernglas blickt der Arzt in Echtzeit in den Bauchraum, alles in 3-D und mehrfach vergrößert. Croner erläutert jeden seiner Schritte. Das Team operiert an diesem Vormittag eine Frau. Diagnose: ein Tumor am Ende der Bauchspeicheldrüse. Auch mit einem Roboter bleibt das eine komplizierte Prozedur. Vier Stunden sind angesetzt, im OP-Saal herrscht höchste Konzentration.

Und doch erleichtert die Maschine im Vergleich zu früher vieles, erzählt Oberarzt Aristotelis Perrakis oben im Schulungsraum. Seit zwei Jahren arbeitet die Uniklinik nun schon mit dem Roboter. Durch das Operieren über schlanke Sonden seien nur winzige Schnitte nötig. „Die Patienten haben weniger Blutverlust und nach der OP auch weniger Schmerzen.“

Meist können die Betroffenen schneller wieder essen und die Klinik damit auch früher verlassen als bei einer klassischen OP.

4500 Roboter operieren heute weltweit

Damit nicht genug, arbeitet „DaVinci“ beim Operieren höchst präzise. Das Zittern menschlicher Hände gleicht er automatisch aus. Steuer-Bewegungen von Zentimetern an der Konsole übersetzt der Roboter in Millimeterarbeit. Da das System gleich von zwei Konsolen aus steuerbar ist, können zudem zwei Ärzte gemeinsam operieren. „Das bietet sich etwa bei OPs unter Beteiligung mehrerer Fachbereiche, aber auch bei der Ausbildung an“, sagt Oberarzt Perrakis.

Entsprechend begehrt ist das System. Genutzt wird es von fast allen Disziplinen des Uni-Klinikums, angefangen bei der Bauchchirurgie über urologische, gynäkologische und Brustkorboperationen bis zu Eingriffen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich.

Rund 60 Eingriffe haben die Chirurgen um Roland Croner im Vorjahr mit „DaVinci“ ausgeführt. Der Mediziner ist überzeugt, künstlichen Assistenten wie ihm gehört wegen ihrer Vorteile die Zukunft. „Die Systeme sind auf dem Vormarsch“, wird er nach dem Eingriff an diesem Vormittag sagen. Zahlen des amerikanischen Herstellers scheinen das zu belegen. „Vor fünf Jahren hatten wir auf dem deutschen Markt noch 60 Roboter im Einsatz“, so Szczepan Foerster vom Unternehmen. Heute seien es bereits 150. Selbst immer mehr kleine Häuser gingen dazu über, mit Hilfe der Maschinen zu operieren.

Beim Blick auf die weltweite Entwicklung wird der Trend gar noch deutlicher. 4500 Roboter-Systeme stehen laut Hersteller inzwischen rund um den Erdball an OP-Tischen. Rund fünf Millionen Patienten seien mit den Systemen bereits operiert worden, sagt Foerster. Schon bald könnten die Roboter Standard sein, glaubt er.

Ob es so kommt, wird sich erst zeigen. Zwei Jahre nach dem Start von „Da Vinci“ erhält auch die Uniklinik der Landeshauptstadt jetzt jedenfalls bereits ihren zweiten künstlichen Assistenten. In diesen Tagen soll der „Neue“ zu seinem ersten Einsatz kommen. Mehr als 2,3 Millionen Euro wurden investiert, 1,5 Millionen Euro davon staatlich gefördert. Der neue Roboter ist noch einmal verbessert: Die Videotechnik löst höher auf, die Gestänge sind noch schmaler und länger. Das soll für noch mehr Präzision und Flexibilität sorgen, sagt Arzt Perrakis.

Allerdings: Ein Wundermittel ist auch der Roboter nicht, räumt der Mediziner ein. Zwar werden OPs mit ihm präzise wie nie, bei minimalen Eingriffen in gesundes Gewebe. Ob die Erkrankung eines Patienten geheilt werden kann, hängt auch künftig aber von vielen Faktoren ab.