Halle l Im vorigen Sommer begann alles mit einem Zufallsfund von Munition im Flussbett nahe einer Autobahnbrücke. Das niedrige Wasser der Wilden Luppe, direkt an Sachsen-Anhalts Landesgrenze in der Nähe der vielbefahrenen Autobahn 9, legte eine Stelle mit Munition frei.

Zudem gab es nach Berichten von Zeitzeugen den Verdacht, dass gleich mehrere Lkw-Ladungen mit kleineren Granaten und Munition der deutschen Wehrmacht an den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in den Fluss verkippt wurden. Ende vergangenen Jahres beschäftigte sich ein Planungsbüro mit der Beräumung. „Seither ist die Stelle abgesperrt“, erklärt Wiebke Sperling, Sprecherin im Polizeiverwaltungsamt Sachsen. Im Februar trafen sich Experten aus den Landratsämtern Nordsachsen, Saalekreis, der Stadt Leuna sowie der Polizei Leipzig, Halle und Dessau.

Die Corona-Pandemie beendete zunächst das Einrichten der Räumstelle auf einer Strecke von rund hundert Metern im Mai. Sperling kündigte aber nun an: „Die Arbeiten werden jetzt wieder aufgenommen. Dann soll es auch erste Probeschürfungen geben.“ Erst danach könne man feststellen, welche und wie viel Munition sich im Flussbett befindet. Dann müsse auch entschieden werden, wie der Verkehr auf der A 9 bei einer Entschärfung geschützt werden könnte.

Die Kampfmittelspezialisten wollen möglichst vermeiden, dass die vielbefahrene Autobahn tagelang gesperrt werden muss. Mehrere Container könnten zum Beispiel als Schutz auf den Standstreifen aufgebaut werden. Die Transportcontainer sollen wie ein Kugelfang wirken und eventuelle Splitter abfangen. Der Verkehr könnte derweil auf ein oder zwei Spuren weiter rollen. Im Moment sieht es ohnehin so aus, dass es sich bei der Munition nur um kleinere Granaten und Zünder handelt. Um eine Sperrung der Autobahn käme man dann herum.

Die konkreten Planungen werden noch diese Woche vorgestellt. Derzeit gibt es Abstimmungen zwischen den beiden privaten Firmen, die für die Suche und Bergung verantwortlich sind, und den Unteren Wasserbehörden der beiden betroffenen Landkreise. Im Kern geht es darum, ob das geschürfte Material wieder direkt in den Fluss zurückgeführt werden darf oder entsorgt werden muss.

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst vermittelt, berät und koordiniert derzeit. „Unsere Experten kommen erst zum Einsatz, wenn die Munition entschärft, gesprengt und abtransportiert werden muss“, sagte Sperling weiter. Die Räumung der etwa 100 Meter langen Strecke soll bis Ende August fertig sein.

Die Wilde Luppe ist nicht der einzige Ort, der zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit Munition besonders belastet wurde. Vor allem dort, wo die Deutschen sich den Alliierten ergeben haben, werden immer wieder Minen, Granaten und Patronen gefunden. Das ist auch entlang der Elbe in Sachsen-Anhalt zwischen Tangermünde und Havelberg der Fall. Dort hatte sich die Armee Wenck mit Hunderten Soldaten sämtlicher Waffen entledigt, um sich auf der anderen Seite der Elbe im April 1945 den Amerikanern zu ergeben. Ähnliche Stellen gibt es auch im Harz.

Im vergangenen Jahr wurden in Sachsen-Anhalt knapp sechs Tonnen Munition geborgen, darunter Hunderte Granaten.