Magdeburg l Magdeburg ist nicht London, aber Paul Kilbey stört das nicht. Wenn der Brite durch die Straßen der Landeshauptstadt läuft, wirkt er zwar noch etwas verloren. Erst vor ein paar Wochen hat er sein Leben in der englischen Metropole eingepackt und ist nach Sachsen-Anhalt gezogen. Trotzdem scheint er selbst den auffälligen Schönheitsfehlern der Stadt etwas Positives abgewinnen zu können.

„Die Stadt ist wirklich ein unvollendetes Werk“, sagt er, als er vor einem verlassenen Wohnhaus steht. „So etwas kennen wir in London sicher nicht.“

Alles nur die berühmte britische Höflichkeit? Wenn er spricht, erfüllt der 29-Jährige die deutschen Vorstellungen von einem taktvollen Engländer. Oft beschreibt er Dinge als „very nice“ (dt.: sehr schön) und hängt ein „I suppose“ (dt.: Ist es so?) an seine sorgfältig formulierten Sätze.

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Auf ruhige und rationale Art kann Paul Kilbey seine Umzugs-Entscheidung gut begründen. Als freiberuflicher Journalist und Lektor kann der gebürtige Brite überall arbeiten. Seine Freundin Emily Engels zog vor eineinhalb Jahren zurück in ihre deutsche Heimat und arbeitet inzwischen als Redakteurin bei der Volksstimme. Eine Fernbeziehung, die etliche Flüge zwischen London und Berlin bedeutete, wollten die beiden nicht länger führen.

Einen weiteren, positiven Nebeneffekt habe der Umzug gehabt, erzählt Paul Kilbey. In London bedeuteten hohe Mieten und Lebenshaltungskosten, dass trotz langer Arbeitstage und Metrofahrten am Ende des Monats nicht viel Geld auf seinem Konto übrigblieb. In Magdeburg kostet die Drei-Raum-Wohnung jetzt weniger als sein kleines Zimmer in London. „Hier kann ich mehr Geld sparen, auch wenn ich weniger verdiene, schon verrückt“, fasst er zusammen.

Jetzt oder Nie

Und dann ist da noch der bevorstehende Brexit, zu dem sich das britische Parlament im Februar entschieden hat. Paul Kilbey hatte in der vorhergegangenen Volksabstimmung wie viele junge Landsleute gegen den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union gestimmt. Als Noch-EU-Bürger hat er aktuell das Recht, in Deutschland zu leben. Ob das so bleibt, ist völlig unklar. So war der Umzug für den jungen Briten ein Jetzt-oder-Nie-Moment. „Als ich meine Kündigung auf der Arbeit eingereicht habe, war mir klar, dass ich wirklich weggehe“, sagt er.

Als ehemaliger Mitarbeiter des hauseigenen Verlags der Londoner Royal Opera ist klassische Musik Paul Kilbeys Spezialgebiet. Ab nächster Woche steht auch die Volksstimme bei dem Absolventen der angesehenen Cambridge-Universität im Auftragsbuch. Alle drei Wochen wird er im Wochenendmagazin der Volksstimme eine Kolumne darüber schreiben, wie es ist, als Ausländer und Neu-Bürger in Magdeburg zu leben. Sein erster Text wird am 5. August erscheinen.

„Über Alltägliches und Persönliches zu schreiben wird eine Umstellung für mich sein“, sagt der Neukolumnist. Eine Strategie hat er sich nicht zurechtgelegt. Im Idealfall schreibt sein neues Leben die besten Geschichten, sagt er. Anfangs wird seine Freundin und Arbeitskollegin diese für ihn übersetzen, doch auch der Autor lernt schon fleißig deutsch. Das Ziel: Irgendwann die deutsche und die englische Version der Kolumne, die im Internet erscheint, selbst verfassen zu können.

Mit seinen Texten will Paul Kilbey zeigen, wie es sich anfühlt, in einer anderen Kultur zu leben. Zwar sind Deutschland und England nicht Lichjahre voneinander entfernt. „Wo man sich zu Hause fühlt, ist aber von Kleinigkeiten abhängig“, findet er.

Wohnhäuser mit Ordnungssinn

Einige kleine Unterschiede sind ihm schon aufgefallen. Zum Beispiel, dass auch Wohnhäuser deutschen Ordnungssinn besitzen und ihre Eingangstüren nach jedem Besucher selbständig und lautlos wieder verschließen. Oder dass in Magdeburg verschiedene Architekten viele verrückte Brücken über die Elbe gebaut haben. Beim Spaziergang durch den Stadtpark fällt ihm die Hubbrücke besonders auf. Verdutzt ließ ihn auch ein Besuch im Supermarkt zurück. „Verkauft hier niemand Hummus?“, fragt er ungläubig und erzählt von der Suche nach der Kichererbsenpaste, die in arabischen Ländern und englischen Großstädten zu den Grundnahrungsmitteln gehört.

Deutschland ist weniger multikulturell als Paul Kilbeys englische Heimat. „Bei uns bekommt man ausländische Lebensmittel an jeder Ecke“, sagt er. Nicht nur das ist eine Umstellung für ihn. „Ich glaube, ich falle hier schon ein wenig auf,“ sagt der junge Mann mit britischen und japanischen Wurzeln.

Eigentlich findet er es aber ironisch, über Großbritannien als Modell für ein multikulturelles Land zu sprechen. „Gerade versuchen wir, unsere Grenzen wieder zu verschließen“, sagt er. Über die Absicht Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, spricht Paul Kilbey nur mit Unbehagen. „Ich fühle mich wie ein Ausländer in meinem eigenen Land“, gibt er zu. Während fast ganz London gegen den Brexit stimmte, sprach man sich in ländlichen Regionen überwiegend dafür aus. „Das Gefühl nach dem Votum war einfach Fassungslosigkeit.“

Tiefer Graben

Dass ein tiefer Graben ebenso wie die britische auch die amerikanische und die deutsche Gesellschaft durchzieht, lässt ihn ratlos zurück. „Es geht gar nicht mehr darum, wer bessere Argumente hat“, sagt er. „Jeder glaubt fest an das, was er glaubt.“

Auf seinen Umzug hätten Freunde und Bekannte neidisch reagiert, erzählt er. „Viele junge Leute spielen gerade mit dem Gedanken, auszuwandern.“ Paul Kilbey hat das in die Tat umgesetzt. „Eigentlich wäre es an diesem Punkt in meinem Leben eher verrückt, diese Chance nicht zu ergreifen“, findet er. „Londoner sind eh schon an fast alles gewöhnt.“

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