Corona

Ökonomen rechnen mit Pleitewelle

Rasanter Pleite-Anstieg auch in Sachsen-Anhalt. Zweiter Lockdown könnte laut einer Studie rund 600.000 Jobs kosten.

01.11.2020, 23:01

Magdeburg/Köln l Ab heute gilt der neue Lockdown. Bis zu 600 000 Arbeitsplätze könnte er laut einer Studie vernichten. Nach Ansicht von Experten werden die zuletzt niedrigen Insolvenzzahlen steigen. Vielen Unternehmen droht als Folge von Corona trotz staatlicher Überbrückungshilfen die Pleite.

Mit dem neuen Lockdown droht vielen Menschen der Jobverlust. Rund 600.000 Arbeitsplätze könnten verschwinden, wie das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln berechnet hat. Die Experten sehen im November Kosten von 19,3 Milliarden Euro auf die Wirtschaft zurollen.

An den Insolvenzzahlen lässt sich die Krise bislang nicht ablesen. Das Statistische Landesamt von Sachsen-Anhalt verzeichnete zuletzt sogar weniger Firmenpleiten als im Vorjahr: Nach jüngsten Zahlen gab es von Mai bis August 108 Insolvenzverfahren im Land – ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum.

Doch bei diesen Zahlen wird es nach Ansicht von Ökonomen nicht bleiben. Der Hallenser Sanierungsexperte Lucas Flöther erwartet eine „drastische Zunahme“ von Firmenpleiten im kommenden Jahr. Er warnt: „Es wird heftig“.

Ein wesentlicher Grund, wieso es bislang so wenig Pleiten gab: Die Anzeigepflicht bei Zahlungsunfähigkeit war ausgesetzt. Doch seit Oktober müssen Unternehmen wieder Insolvenz anmelden, wenn sie ihre Rechnungen nicht bezahlen können. Ab Januar sind dann auch überschuldete Unternehmen wieder dazu verpflichtet.

Mit etwa 6000 Firmenpleiten rechnet die Bundesbank im ersten Quartal 2021. Etwa ein Fünftel mehr als noch im ersten Quartal 2019, aber deutlich weniger als etwa zu Zeiten der Weltfinanzkrise ab dem Jahr 2007. Damals musste die deutsche Wirtschaft etwa 8000 Pleiten pro Quartal verkraften.

Auch im Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalts erwartet man, dass es nicht bei den niedrigen Insolvenzzahlen bleibt. Sprecher Robin Baake betont dass eine Insolvenz nicht automatisch zum Verschwinden eines Unternehmens am Markt führen müsse. Betriebe könnten „durch Umstrukturierungen und Investitionen nach einem Insolvenzverfahren durchaus gestärkt am Markt agieren.“

Dabei will die Landesregierung Firmen unterstützen. Geplant ist ein Förderprogramm im Umfang von etwa einer halben Millionen Euro. Erstellt ein Betrieb einen Insolvenzplan, soll es bis zu 50.000 Euro Zuschuss dafür geben. Fördern will das Land damit vor allem „sanierungswürdige kleine und mittlere Unternehmen“, erläutert Baake.

Bis zum Jahreswechsel wird es nach Ansicht von Ökonomen noch kein Hochschnellen der Insolvenzzahlen geben. Staatliche Programme wie Überbrückungshilfen und das Kurzarbeitergeld verhinderten einen steilen Anstieg vorerst, sagt Steffen Müller, Insolvenz-Experte am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. „Ich rechne im Januar mit einem leichten Anstieg sehen“, sagt er. Pleite gingen dann vor allem Betriebe in der Gastronomie und im Tourismus.

Müller erwartet höhere Insolvenzzahlen eher über einen längeren Zeitraum.Die vorübergehende Aussetzung der Antragspflicht für Insolvenzen hält Müller in dieser Krise für richtig. Mehr Augenmaß hätte er sich bei der Verlängerung des Kurzarbeitergelds bis Ende 2021 gewünscht. „Falls sich die Wirtschaft positiv entwickelt, ist klar, dass die Unternehmen, die 2021 noch Kurzarbeit beantragen, Unternehmen sind, die sowieso tot sind“, sagt er.