Sakralbauten, die umgesetzt wurden

Die Schweizer Chaletfabrik Eblinger hatte die evangelisch-lutherische Johanneskirche 1947 als Notkirche für den Raum Stuttgart gebaut. Von dort wurde der Holzbau 1956 nach Vaduz überführt und am westlichen Rand des Quartiers „Bartlegrosch“ neu aufgebaut.

Für einen Kohletagebau musste in den 1970er Jahren in Most (Tschechien) die historisch wertvolle Dekanatskirche Mariä Himmelfahrt weichen. 1975 wurde sie in einer spektakulären Aktion und mit hohem Aufwand ohne ihre Fundamente auf einer bogenförmigen Schienenbahn um 841 m verschoben.

Um das Kloster Piva (Montenegro), das durch das Aufstauen des Piva-Stausees gefährdet war, zu bewahren, wurde es von 1970 bis 1982 Stein für Stein versetzt.

Der Bukarester Eugeniu Iordachescu erfand eine Lösung, wie man Kirchen versetzen kann. Eine der Kirchen, die der Ingenieur Mitte der 1980er Jahre in Bukarest umsetzte, war die Sankt-Georgs-Kirche „Capra“.

Fünf Monate dauerte die Vorbereitung zur Umsetzung: Der Kirchenboden wurde entfernt und durch eine Stahlkonstruktion ersetzt, in die die Arbeiter Beton pumpten. Auf der neu entstandenen Platte konnte das Gotteshaus wie auf einem Tablett auf ausgelegte Schienen gesetzt und mit Seilwinden zum neuen Bestimmungsort gezogen werden.

Mit einer Geschwindigkeit von zwei bis drei Metern pro Stunde ging es im Schneckentempo voran. Rund 100 Stunden dauerte die Umsetzungsaktion der 700 Tonnen schweren Kirche um mehr als 200 Meter.

Die in ihren Ursprüngen aus dem 13. Jahrhundert stammende romanische Emmauskirche in Borna (Sachsen) stand ursprünglich in Heuersdorf, einem Dorf in der Leipziger Tieflandsbucht. Da dieser Standort jedoch dem Braunkohlenabbau Schleenhain im mitteldeutschen Revier weichen musste, wurde das gesamte Sakralgebäude in einem Stück im Jahre 2007 nach Borna umgesetzt. Die Umsetzung kostete rund drei Millionen Euro.

Stiege/Diesdorf l Regina Bierwisch steht kopfschüttelnd vor der kleinen Holzkirche auf dem Gelände der ehemaligen Lungenheilstätte „Albrechtshaus“, wenige Kilometer von Stiege entfernt. Erst vor kurzem waren wieder Einbrecher über den Glockenturm eingestiegen und weil sie auf diesem Wege nicht wieder zurückkamen, schlugen sie eines der bunten Fenster ein, um nach draußen zu gelangen. „Es wird Zeit, dass die Kapelle an einen sicheren Ort kommt, bevor noch Schlimmeres passiert“, sagt das Vorstandsmitglied vom Verein „Stabkirche Stiege“. Seitdem die Klinik 1993 geschlossen wurde, sind dem Vandalismus Tür und Tor geöffnet. Einige Klinikgebäude wurden bereits Opfer von Brandstiftungen.

Doch nun scheint Licht am Ende des Tunnels zu sein. „Wir hoffen, dass wir im Mai 2021 mit dem Abbau und dem Transport beginnen können. Im Oktober sollte die Kirche in Stiege stehen“, sagt die 67-Jährige.

Kleine Schwester von Wang

Wer schon einmal in Karpacz die Holzkirche Wang gesehen hat, dem fällt sofort die Verwandtschaft mit der kleinen Schwester im Selketal auf. „Allerdings ist es keine hundertprozentige Stabkirche“, sagt Bierwisch. „Denn ein wichtiges Merkmal einer Stabkirche fehlt bei unserem Sakralbau, der 1905 von der Tischlerei/Zimmerei Wilhelm Witte aus Osterwieck (Harz) errichtet wurde. Es sind die aufrecht stehenden Stabplanken. Genau genommen ist es eine Holzkirche in Blockbauweise, einer Stabkirche nachempfunden.“ Zum baugeschichtlichen Wert sagt sie: „Es ist die einzige erhaltene Kirche in dieser Bauweise.“

Bilder

Im Dezember 2014 wurde der „Verein zur Umsetzung und Instandsetzung der Stieger Stabkirche“ gegründet. Seitdem machen sich die mehr als 100 Mitglieder stark dafür, dass das Kleinod einen neuen Standort bekommt.

2018 wurde die Kirche per Notarvertrag durch den neuen Eigentümer des Albrechtshauses, eine Immobiliengesellschaft, für den symbolischen Preis von einem Euro an den Verein übergeben. „Natürlich mussten wir schnell klären, ob es überhaupt einen Standort in Stiege gibt“, so Bierwisch. Die Stadt Oberharz am Brocken stellte am Bahnhof Stiege einen Platz für das „architektonische Unikat in der Denkmallandschaft“, wie die Kirche vom Landesamt für Denkmalpflege eingeordnet wird, zur Verfügung. „Der Platz kommt uns sehr entgegen, denn wenn die Touristen aus dem Zug steigen, fällt ihr Blick sofort auf die Kirche.“

Eine Technologie zu finden, wie die Kapelle die fünf Kilometer nach Stiege transportiert werden kann, sei nicht einfach gewesen, so Bierwisch. „Wir hatten daran gedacht die Kirche in einem Stück auf Rollen zu bewegen. Aber mit elf Metern Breite geht das bei Steigungen nicht. Und eine Brücke darf es auf dem Weg auch nicht geben.“

Der Abtransport mit einem Hubschrauber sei ebenfalls ausgeschlossen. „Die Angriffsfläche für den Wind wäre viel zu groß.“ Es bliebe nur der segmentweise Abbau oder, dass Bohle für Bohle abgebaut und restauriert wird. Favorit sei die Segmentlösung.

Natürlich sei von Beginn an das Geld eine entscheidende Frage gewesen. „Nach längerem Suchen und der Unterstützung durch die CDU-Bundestagsabgeordnete Heike Brehmer sowie die SPD-Politikerin Katrin Budde wurden wir auf das Sonderprogramm für Baudenkmale von nationaler Bedeutung“ aufmerksam. Ein Kombi-Förderprogramm in dem der Bund bis zu 300 000 Euro pro Jahr bereitstellt und das Land dieselbe Summe.“

Inzwischen haben auch mehrere Stiftungen das Projekt unterstützt und durch Spendenaktionen sind ebenfalls Gelder eingenommen worden.

Die Kapelle, die immer noch ein geweihtes Gotteshaus ist, soll jedoch beileibe nicht nur ein Hingucker für Touristen sein. „In der Kirche sollen auch Veranstaltungen stattfinden – Lesungen, Workshops zur Holzbautechnik und Architektur, Konzerte, Filmvorführungen“, sagt Vivien Pförtner vom Verein. „Und geheiratet werden kann in der Kapelle.“

Fachwerkkirche von 1793

Jochen Alexander Hofmann, seit Ende 2015 Leiter des Freilichtmuseums Diesdorf (Altmarkkreis Salzwedel), steht am Rande des Rundlingdorfes, unweit vom Dorfteich, vor einem rund 40 Quadratmeter großen Fundament. Die Freude ist ihm anzusehen: „In wenigen Wochen wird hier die 1793 errichtete Fachwerkkirche aus dem 32 Kilometer entfernten Klein Chüden aufgebaut.“

Gegenwärtig liegt das Stück für Stück demontierte Gotteshaus noch in der Tischlerei Gnoth in Ritze (Altmarkkreis Salzwedel). „Im November vergangenen Jahres wurde sie an ihrem Standort demontiert, weil der Dachstuhl durch lange Zeit unentdeckten Schädlingsbefall nicht mehr sicher war“, sagt Hofmann. Eine Sanierung vor Ort sei nicht möglich gewesen.

Im März 2019 war das Gebäude deshalb vom Kirchenkreis Salzwedel entwidmet und dem Altmarkkreis unentgeltlich übertragen worden. Da war bereits beschlossen, dass die 9,50 Meter lange, 6,50 Meter breite und 3,50 Meter hohe Kirche das 25 Häuser umfassende Diesdorfer Dorfensemble vervollständigen wird.

Fachfirmen begannen Mitte Oktober 2019 damit, Holz für Holz und Backstein für Backstein abzubauen und zu reinigen.

Ein Höhepunkt des Rückbaus war die Bergung der 532 Jahre alten Glocke. „Ursprünglich läutete sie im Nachbarort Jahrsau. Das Dorf unmittelbar an der innerdeutschen Grenze wurde 1970 geschleift, um freies Schussfeld für die Grenzer zu schaffen. Die Glocke wird demnächst als Mahnmal der deutschen Teilung im Freilichtmuseum läuten“, so der Museumsmann.“ Das erste Mal anlässlich eines ökumenischen Gottesdienstes am 3. Oktober dieses Jahres zum Tag der Deutschen Einheit.

Nach einem Richtfest im kleinen Kreise soll die Einweihung im Jahr 2021 mit einem Gottesdienst gefeiert werden.

Hofmann freut sich besonders darüber, dass der Altmarkkreis voll hinter dem Projekt steht. „Ohne die Haushaltsmittel in Höhe von rund 120 000 Euro hätten wir die 180 000 Euro Fördermittel der Europäischen Union aus dem Topf ,Ländliche touristische Infrastruktur‘ nicht bekommen.“

Mahnmal der deutschen Teilung

Die Kirche aus Klein Chüden sei ein aussagekräftiges Beispiel der altmärkischen Sakrallandschaft mit ihren etwa 500 Dorfkirchen. Durch die Umsetzung der Kirche werde das Gebäude als Zeugnis der regionalen Baukunst bewahrt und ihre Funktion als Mahnmal der deutschen Teilung erhalten, listet der Museums-Chef auf.

Rekonstruiert werde das Gebäude auf Grundlage eines bauhistorischen Gutachtens und Forschungen in Archiven. „Wir haben vor, eine Dauerausstellung einzurichten“, sagt Hofmann. „Dabei geht es um das Thema: Ländliche Frömmigkeit und kirchliches Leben.“

Das Museum gehört zu den ältesten volkskundlichen Freilichtmuseen Deutschlands und wurde 1911 vom Landarzt Georg Schulze aus Diesdorf gegründet.

Neben dem Museum wurde von Schulze etwa gleichzeitig ein Freibad eingerichtet. Die 25 Wohn- und Wirtschaftsgebäude sowie historisch angelegte Bauerngärten werden auf einer Fläche von rund sechs Hektar gezeigt. Besichtigt werden können zum Beispiel Niederdeutsche Hallenhäuser, Speicher, Torhäuser, eine Schmiede, eine Dorfschule und eine Bockwindmühle. Das älteste Gebäude ist ein sogenanntes Torhaus aus Vissum (16. Jh.), das jüngste die „Hopfendarre“ von 1897 aus Wollenhagen bei Gardelegen.