Gardelegen (dpa) l Jeden Monat 300 Euro – bis zum Ende des Studiums. Das ist das Angebot, das die Stadt Gardelegen im Norden Sachsen-Anhalts macht. Wer es annimmt, verpflichtet sich, nach dem Studium ein Referendariat und einen Job in der dünn besiedelten Region zu suchen. Und mindestens so lange zu bleiben, wie er zuvor das Stipendium erhielt, erzählt die CDU-Kommunalpolitikerin und Mitinitiatorin Sandra Hietel. "Wir dachten uns, wenn andere Gemeinden ein Stipendium gegen Landarztmangel vergeben, dann können wir das mal gegen Lehrermangel tun." Ob es funktioniert, will Gardelegen gemeinsam mit der Landesregierung testen. Am Dienstag stellen sie die ersten Stipendiaten des Projekts namens "Gardelehrer" vor.

Lehrer werden in der gesamten Republik gesucht. Je nach Schulart, Fächerkombination und Region ist die Besetzung besonders schwer. 32 000 Kollegen müssen nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz bis 2030 jedes Jahr eingestellt werden. Während der Westen zumindest rechnerisch mehr ausbildet, als er braucht, klafft im Osten inklusive Berlin eine große Lücke zwischen Abgängen und Nachschub. Für Gymnasien werden eher zu viele Pädagogen ausgebildet, bei den Grund-, Förder- und Berufsschulen zu wenig.

Ein Trend mit Folgen

Auch der Trend, in die großen Städte und Ballungsgebiete zu ziehen, hat Folgen: Wenn dort mehr Menschen leben, werden mehr Pädagogen gebraucht – die Posten lassen sich tendenziell aber auch leichter besetzen, sagen Verbände. "Da steht Sachsen-Anhalt mitnichten alleine da", sagt Ulf Rödde von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Auch Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern kennen dieses Phänomen. Und einige Regionen im Westen seien ebenfalls nicht davor gefeit.

Die "Gardelehrer" in Sachsen-Anhalt seien seines Wissens eine völlig neue Idee im Lehrerbereich, kommentiert der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, den Vorstoß. "Wenn sich eine solche Verpflichtung für einen Stipendiaten juristisch sauber umsetzen lässt, dann würde ich so ein Modell begrüßen."

Allzu viele Gegenstrategien gibt es nämlich bisher nicht, sagt der Lehrerverbands-Chef Meidinger. In Bayern habe sich das Problem lange nicht gestellt, weil der Freistaat zwar zuließ, dass Bewerber Wunschorte angaben, sagt er. Doch die neuen Kollegen seien je nach Bedarf auch fern ihrer Präferenzen landesweit verteilt worden. Jetzt, wo der Lehrermangel sich verstärke, komme dieses System an seine Grenzen. So sei der Mangel derzeit in Oberbayern größer als anderswo. Bewerber aus anderen Ecken träten ihre Stelle anders als früher oft nicht an, versuchten es später erneut oder in anderen Ländern.

Initiatoren sind positiv gestimmt

"In Ländern, wo sich Kollegen direkt für eine konkrete Schule bewerben können, ist das Problem besonders dramatisch, in Sachsen zum Beispiel", sagt Meidinger weiter. Die dortige Landesregierung will ab kommendem Jahr Referendaren bis zu 1000 Euro Zulage zahlen, wenn die Pädagogen im Gegenzug im ländlichen Raum unterrichten. "Buschzulage" nennt das der Bildungsminister aus dem benachbarten Sachsen-Anhalt, Marco Tullner (CDU), scherzhaft: Er reicht zeitlich befristet einen Bonus für schwer besetzbare Stellen aus. Im ersten Versuch konnten 24 von 55 offenen Stellen besetzt werden – die meisten auf dem Land.

"Ob das wirklich funktioniert, können wir noch nicht mit Sicherheit sagen", resümiert Meidinger vom Lehrerverband. Auch der "Gardelehrer" in der sachsen-anhaltischen Altmark muss sich bewähren. Die Initiatoren sind äußerst positiv gestimmt: 28 Bewerbungen gingen für die Premierenrunde ein, sagt Kommunalpolitikerin Hietel. "Das ist viel mehr als wir erwartet haben." Wegen der großen Resonanz fördert die Stadt gleich drei Studierende, statt wie geplant einen.

"Ob der Stipendiat am Ende bei uns wirklich einen Job bekommt, können wir zwar nicht beeinflussen", sagt Hietel. Das sei Sache des Schulamtes, das die Bewerbungen prüfe. Aber immerhin: Die Chancen auf ausreichend Lehrer würden erhöht.