Rockabilly-Szene

Petticoat und Rock’n’Roll

In der Region Magdeburg wächst die Szene rund um Rock’n’Roll-Partys und Klamotten im 50er- Jahre-Stil - kurz Rockabilly.

Von Elisa Sowieja

Im Kleiderschrank von Sandro Walter sieht‘s aus, als hätte man seit den 50ern das Ausmisten verpennt: Bowlinghemden, Jeans mit umgeschlagenen Hosenbeinen und T-Shirts, die alte Ami-Karren zeigen. „Ich hab keine anderen Klamotten, nur meinen Skianzug“, sagt er schulterzuckend. Der Elektroniker, 42 Jahre alt, schwört schon seit der Wendezeit auf den Rockabilly-Stil.

Sabine Frühauf (36) ist im Gegensatz zu ihm noch ein Neuling in der Szene. Sie rüstet ihren Kleiderschrank nach und nach um, seit einem halben Jahr geht sie meist in 50er-Jahre-Klamotten aus dem Haus, am liebsten in Bleistift-Röcken oder Blumenkleidern – gern mit Petticoat darunter.

Mit ihrem Geschmack sind die zwei Magdeburger nicht allein: Rockabilly-Klamotten verkaufen sich immer besser, berichtet Dirk Klocke. Vor zwei Jahren hat er in der Innenstadt seinen Laden „Subkultur“ aufgemacht. Dort hängen vor allem Sachen im 50er-Jahre-Stil. „Am Anfang hatte ich als Verkaufsfläche nur den Hauptraum, inzwischen hab ich aus Platzproblemen zwei Nebenräume dazugenommen“, erzählt der Mann mit den großen Kotteletten. Die Klamotten seien aber nicht nur beim Szenevolk angesagt: „Retrokleider werden auch oft für Hochzeiten und Abibälle gekauft.“

Wer sich von Torsten Rack eine 30-Minuten-Einführung in die Wissenschaft der Haartolle geben lässt, bekommt das Gefühl, jemand sollte zum Thema einen Studiengang gründen. Rack wäre ein würdiger Ehren-Professor: Von einem Zeitzeugen wurde er in die Frisurenkunst der 50er eingeführt, später machte er jahrelang Rockabillys in Berlin die Haare. Seit 2014 hat er mit der Chatterbox seinen eigenen Laden in Wolmirstedt (Börde). Unter die Kunden mischen sich immer häufiger Leute aus der Szene, sagt Rack, inzwischen im Schnitt zwei am Tag.

Die meisten sind männlich. Denn das Tollen-Bauen schafft man meist allein – Lehrvideos auf Youtube sei dank. Frauen sind also fein raus. „Bei Männern sitzt sie aber nur mit einem akkuraten Schnitt“, referiert der Fachmann. Für die meisten Variationen ist das der Facon. Zum Nachschneiden kommen viele sogar wöchentlich.

Apropos Tollen-Variationen – hier mal ein kleiner Auszug: Da wäre die „Light Pomp“, die angedeutete Tolle. Dann die „Fake Pomp“, bei der man mit Deckhaar von der Seite trickst, wenn das Konstrukt nicht stehen will. Manche bevorzugen den „Teddyboy“, auch Elefantenrüssel genannt, da das eingerollte Deckhaar nach vorn fällt.

Damit das Kunstwerk hält, schwören Männer wie Frauen auf Pomade. Haarspray nimmt kaum einer, Rack erklärt das so: „Die Rockabillys damals waren Arbeiterkinder, teures Spray konnten und wollten sie sich nicht leisten.“ Heute gibt‘s die Schmiere in hart und weich, mit und ohne Glanz, in Düften wie Blaubeer-Muffin oder Kaffee-Haselnuss. Manch einer ist regelrecht süchtig, so wie Sandro Walter: Er besitzt sage und schreibe 40 Pomaden.

In der Szene gibt es Frauen, die gehen ohne roten Lippenstift nicht mal zum Müllcontainer. Sabine Frühauf gehört zwar nicht dazu – auf der Arbeit wäre das auch unpraktisch, weil sie als Kosmetikerin oft Mundschutz trägt. Aber wenn sie weggeht, legt sie das volle Programm auf: Kussmund, Lidstrich und dazu eine bunte Blüte im Haar. Nur einen typischen Körperschmuck verschmäht sie, die Tätowierung. Lieblingsmotive der Rocka- billys: Bunte Schwalben, Anker und Meerjungfrauen.

Die Theorie besagt: Rockabilly ist die Form des Rock’n’Roll, die Rhythm and Blues mit Coun-try mischt. In der Praxis heißt das: Der gemeine Fan hört Elvis Presley, Chuck Berry, Bill Haley. Letzterer hat es Sandro Walter besonders angetan. „Als ich elf war, hab ich auf dem Flohmarkt eine Haley-Westschallplatte entdeckt – für schlappe 16 Mark“, berichtet er. „Mein Vater hat sie mir zum Glück gekauft.“ Das war 1984. Die nächsten Jahre lief sie bei ihm hoch und runter.

Aber auch junge Musiker sind gefragt. Die kroatische Band Billie & The Kids zum Beispiel. Oder die Lokalmatadore: The 3 Kings. Unter Rockabilly-Fans im Raum Magdeburg gelten sie als DIE Band für ihre Musik. Drei- bis viermal im Jahr spielen die Rock’n’Roller in der Heimat, wer sie öfter sehen will, muss ihnen schon deutschlandweit nachreisen.

Das Einmaleins auf der Tanzfläche ist der Jive. Für alle, deren Fachkenntnissse nicht über das Wissen um die Existenz des Diskofox hinausgehen: Jive ist ein Zappeltanz im flotten Viervierteltakt, der viel Hüfteinsatz erfordert. Außerdem wären da noch der Boogie Woogie und der Stroller – der ist so ähnlich wie Line Dance, nur eben elvismäßiger.

Tanzende Rockabilly-Paare gehören seit ein paar Monaten zum Stadtbild. Bei schönem Wetter gehen sie auf die Sternbrücke am Stadtpark, an kühlen Tagen sieht man sie oft im Riff, einer Bar am Hasselbachplatz. Wie das kommt? Tanzfan Sybille Pfitzner trommelt seit Jahren jede Woche eine lose Truppe namens Swingkollektiv Magdeburg zusammen, zwischen 15 und 40 Leute sind pro Treffen dabei. Zwar wird vor allem Lindy Hop getanzt, ein Vorläufer von Jive und Boogie Woogie aus den 30ern. Aber eben nicht nur. Andere Einflüsse sind höchst erwünscht. „Immer öfter stoßen Rockabilly-Fans dazu, deshalb spielen wir seit dem Sommer auch Songs, die zu Jive oder Boogie Woogie passen“, erzählt Pfitzner. Und so sind die 50er-Fans inzwischen Teil der Truppe.

Rein in den Kleinbus und ab nach Leipzig oder Berlin: Zum Ausgehen bleiben die Rockabillys selten in der Heimat. Schade eigentlich, findet Sabine Frühauf. „Aber in Magdeburg gibt‘s nicht einen Club für uns.“ Seit vergangenem Jahr verwandelt sich immerhin einmal im Monat die Kunstkneipe Nachdenker in einen Szene-Treff. Auf dem Plan steht dann ein Abend voller Rock’n’Roll-Musik, samt Crashkurs im Tanzen.

Außerdem gibt es seit zwei Jahren in der Region eine Party-Reihe. Die zieht von Mal zu Mal mehr Fans an, berichtet Veranstalter Dirk Klocke: Zur ersten Rockhouse-Party seien gut 300 Gäste gekommen, zur vierten neulich knapp 500. Einmal im Jahr organisiert er auch eine Festival-Version in Heyrothsberge (Jerichower Land), denn für Festivals brennen Rockabillys fast so sehr wie für Tollen. Sandro Walter zum Beispiel nimmt im Sommer jeden Monat eins mit – seine Freundin erträgt es tapfer.

Zu den Partys kommen übrigens nicht nur Rockabilly-Fans. „Rund die Hälfte der Gäste hat mit der Szene nichts zu tun“, sagt Klocke. Einmal habe er sogar ein Pärchen Mitte Siebzig beobachtet. „Die Zwei haben auf dem Parkett klasse Rock’n’Roll-Figuren hingelegt!“

Kleidchen, Tolle, Tanzmusik sind nicht alles, was Rocka- billy ausmacht. Davon ist Sabine Frühauf überzeugt. „Für mich ist es ein Lebensgefühl. Ich glaube, ich hätte mich in den 50er Jahren wohler gefühlt.“ Denn: „Die Leute haben sich mehr Mühe mit sich gegeben. Da wäre niemand in Bollerbuchse zum Bäcker gelaufen.“ Außerdem sei man anders an Verabredungen herangegangen. „Die Frau hat sich in der Nacht zuvor Lockenwickler eingedreht. Der Mann kam mit Anstecknadel, und er hat einem die Autotür aufgehalten.“ Zum Glück ist sie bei ihrer Partnersuche auf ein Exemplar der alten Schule gestoßen. Mit Tolle und Anstand an der Autotür.