Magdeburg l Routiniert führt sich Jasmin T. zwei Nadeln unter die Haut – schließlich macht sie das nicht zum ersten Mal. Es ist Freitagabend und wie jede Woche zu dieser Zeit läuft nebenbei die Vorabendsoap „Gute Zeiten schlechte Zeiten“. Bei Jasmin T. ist es genau umgekehrt. Auf schlechte Zeiten folgten gute Zeiten.

Jasmin T. ist 40 Jahre alt und pumpt sich die klare, ölige Flüssigkeit seit rund zweieinhalb Jahren einmal in der Woche in der eineinhalbstündigen Prozedur über die Nadeln in ihren Körper. Sie leidet am Variablen Immundefektsyndrom (CVID) und ist auf die Flüssigkeit – gewonnen aus menschlichem Plasma – angewiesen.

Das Variable Immundefektsyndrom, kurz CVID für „Common variable immunodeficiency“, ist ein angeborener Immundefekt. Betroffene bilden zu wenige oder gar keine Antikörper bestimmter Immunglobulin-Klassen. Dadurch sind sie anfälliger für Infekte. Wie viele CVID-Patienten es in Deutschland gibt, ist nicht bekannt. Die Wahrscheinlichkeit für den Immundefekt liegt bei 1:25 000 bis 1:50 000. Eine dieser Patienten ist Jasmin T. aus dem Landkreis Stendal.

Bilder

Patienten fehlen Antikörper

Eigentlich hätte Jasmin T. schon im Jahr 2000 eine Diagnose bekommen können. Denn nach einer Heptatitis-B-Impfung vor einem Ägypten-Urlaub stellten die Ärzte schon damals fest, dass ihr Körper keine Antikörper gebildet hatte. Das machte die Mediziner zwar stutzig, doch weil ihre Erkrankung nur so selten auftritt und entsprechend unbekannt ist, gab es keine weiteren Untersuchungen.

Das änderte sich erst im Herbst 2015. In der Zwischenzeit brachte Jasmin T. mehrere Krankenhausaufenthalte, drei Nasennebenhöhlenoperationen mit Komplikationen, Lungenentzündungen und viele Antibiotikabehandlungen mit verschiedenen Präparaten, die kaum noch anschlugen, hinter sich. „Besonders während meiner zweiten Schwangerschaft war es schlimm. Ich lag irgendwann nur noch im Krankenhaus und keiner konnte sich erklären, was mit mir los war“, erinnert sich die Mutter von zwei Söhnen. „Wegen meines Jobs im Krankenhaus musste ich mich im Herbst 2015 erneut gegen Hepatitis B impfen lassen“, berichtet Jasmin T.

Aber wie schon im Jahr 2000 bildeten sich auch nach dieser Impfung im Blut der 40-Jährigen keine entsprechenden Antikörper. „Wieder wussten die Ärzte nicht weiter“, erinnert sie sich.

Kurze Zeit später brachte ein glücklicher Zufall Licht ins Dunkel. Denn just zu dieser Zeit bildete sich Jasmin T.s Hausarzt zum Thema Immun­erkrankungen weiter. Mit einer Idee im Kopf meldete sich der Mediziner bei Jasmin T. und untersuchte ihr Blut genauer. Dabei fand er heraus, dass seiner Patientin die Immunglobuline A und G fehlen. Zur weiteren Diagnose und Behandlung ging es für die zweifache Mutter im Oktober 2015 erstmals in das Immundefektzentrum des Städtischen Klinikums St. Georg nach Leipzig.

Noch stand allerdings nicht fest, woran Jasmin T. konkret erkrankt ist. Weitere Untersuchungen folgten. Schließlich die Gewissheit: Jasmin T. leidet am Variablen Immundefektsyndrom. Durch die Diagnose konnte Jasmin T. ihre Erkrankung endlich behandeln. Seither injiziert sie sich einmal wöchentlich 40 Milliliter aus Blutplasma gewonnene flüssige Immunglobuline unter die Haut von Bauch oder Oberschenkeln, um die ständigen Infekte endlich loszuwerden.

Grund für die immer wieder auftretenden Infekte: Beim Variablen Immundefektsyndrom bildet der Körper im Blut des Patienten keine ausreichende Zahl von Antikörpern und ist deshalb anfälliger für Viren und Bakterien.

Der Defekt kann nur behandelt werden, indem die CVID-Patienten eine Immunglobulinentherapie durchführen. Das bedeutet: Betroffene führen ihrem Körper eine Lösung zu, die die fehlenden Antikörper enthält. Und diese Lösung kann ausschließlich aus menschlichem Plasma gewonnen werden.

Eine von rund 750 Plasmaspendern pro Woche im Zentrum am Alten Markt in Magdeburg ist Anja Behrends aus Barleben. Seit zwei Jahren spendet die 40-Jährige hier regelmäßig Plasma. Dafür nutzt die Zahnarzthelferin ihre Mittagspause. „Ich wollte etwas Gutes tun und dann bin ich durch Werbung auf die Möglichkeit der Plasmaspende aufmerksam geworden“, sagt sie.

Positiver Nebeneffekt der Plasmaspende: Als Aufwandsentschädigung für ihren Einsatz erhalten Spender je nach Körpergewicht, das die Spendenmenge bestimmt, bis zu 20 Euro. „Ich lege das Geld beiseite und nutze es im Urlaub als Taschengeld“, erzähl Anja Behrends. Dank ihrer rund 40 Spenden im Jahr kommt so eine ordentliche Urlaubskasse zusammen.

Der Spendensaal ist erfüllt vom monotonen Summen der Plasmapheresegeräte. Im Hintergrund ist ein Radiosender zu hören. Doch die Menschen, die an die Maschinen angeschlossen sind, lesen, hören ihre eigene Musik oder tippen lieber auf dem Smartphone, während aus ihrem rechten oder linken Arm Blut in die Zentrifuge der Geräte gepumpt wird. „Ich lese am liebsten oder beantworte Nachrichten auf dem Smartphone“, sagt Anja Behrends. An diesem Nachmittag sind besonders viele Liegen im Spendensaal belegt. „Das ist aber eher die Ausnahme“, erklärt Silke Schneider, die das Magdeburger Spendezentrum der Plasma Service Europe GmbH leitet.

Zur Herstellung einer einzigen Wochendosis für Jasmin T.s Medikament mit 40 Milliliter Inhalt werden aber rund 120 Plasmaspenden benötigt. Aufgrund leerer Liegen kommt es selten sogar zu Engpässen bei der Produktion von Medikamenten aus Plasma. Das bekam auch Jasmin T. schon zu spüren. „Zweimal wurde ich in der Apotheke vertröstet, als ich meine Immunglobuline abholen wollte“, berichtet sie.

Suche nach Betroffenen

Wie viele andere Patienten mit ihrer Form von CVID es gibt, weiß Jasmin T. nicht. Deshalb und in der Hoffnung, sich mit anderen Betroffenen austauschen zu können, meldete sich die 40-Jährige bei der Patienten­organisation für angeborene Immundefekt (dsai). „Ich wollte einfach gern mal mit anderen Betroffenen sprechen“, sagt sie. Ein solcher Kontakt kam bisher allerdings nicht zustanden.

Die dsai gibt es seit 25 Jahren. Der Verein will über angebore Immundefekte informieren und eine bessere Versorgung für Betroffene schaffen. Dafür organisiert die dsai jährlich mehrere Treffen für Betroffene aus ganz Deutschland. „Vielleicht gehe ich in diesem Jahr mal hin“, sagt Jasmin T.

Nicht zu wissen, was mit ihr los ist, machte ihr vor der erlösenden Diagnose immens zu schaffen: „Ich war immer schon ein sportlicher Typ, aber die ständigen Erkrankungen hatten mich dann so runtergezogen, dass ich gar nichts mehr machen konnte.“ Das hat sich mittlerweile aber geändert. „Seit ich nicht mehr so oft krank bin, gehe ich auch wieder regelmäßig laufen“, berichtet sie lächelnd.