Staßfurt l Franz Korsch lehnt sich entspannt zurück. Beine übergeschlagen. Kinn nach oben. Sein Blick hat etwas Herausforderndes. Einer, der andeutet: Welche Frage auch kommt, ich habe die Antwort. Das wirkt im ersten Moment arrogant. Wenn man länger mit Korsch redet und sich von ihm in seine Welt – die Radio-Welt – entführen lässt, verblasst dieser Eindruck aber schnell. Erstmal warm werden, sehen, wie der Gesprächspartner tickt. Das ist Korsch. Und vielleicht ist das auch ein gewichtiger Grund dafür, dass der 83-Jährige heute als „DDR-Wirtschaftskapitän“ bezeichnet wird.

Ausgebildet an der Ingenieurschule in Mittweida, kam er anschließend nach Staßfurt und wurde mit 26 Jahren Betriebsleiter im VEB Fernsehgerätewerk Staßfurt, später stellvertretender Generaldirektor im VEB Kombinat Rundfunk und Fernsehen. Eine lupenreine, sozialistische Karriere.

Will man Emotionen bei Korsch wecken, muss man mit ihm die Reise in die Radiowelt antreten, versuchen zu verstehen, wenn er von Röhren und Transistoren spricht, dann aufspringt und sagt: „Kommen Sie mal mit, ich zeige Ihnen was!“ Korsch lehnt sich dann öfter nach vorn, seine Hände verleihen auf einmal unbewusst jeder Botschaft Nachdruck. Was bedeutet das Radio für ihn? „Fernweh“, sagt der Renter und ballt kurz die Faust. „Radio hat unser Fernweh gestillt.“ Er muss es wissen.

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Aber beginnen wir von vorn: In Ostpreußen geboren, flieht Korsch mit seinen Eltern im Zweiten Weltkrieg nach Mecklenburg-Vorpommern. Er ist neun Jahre alt. Das reicht, um zu sagen, dass er seine Wurzeln im Ostgebiet gerade noch so lange erlebt hat, dass sie sich kurz im Boden festkrallen konnten. An der Ostsee heimisch werden, als Flüchtling ankommen. Das hatte viel mit Selbstwertgefühl zu tun. Leidenschaft kann da nicht schaden. Und die findet Korsch, als er zum ersten Mal einen Detektor, einen einfachen Radio-Empfänger, in der Hand hält. „Davon war ich fasziniert.“

Das erste Radio

Per Bezugsschein erhalten seine Eltern das erste Radio. „Und jetzt kommt‘s: Sinnigerweise war das aus Staßfurt, das war das 4U 61 Röhrenradio. Schicksal sozusagen.“ Zu diesem Zeitpunkt, 1949, wurde das Staßfurt Werk gerade enteignet und in VEB Stern-Radio Staßfurt umbenannt. Es war eines von vier großen Stern-Radio-Werken in der DDR.

In Grevesmühlen aber, wie fast überall in Mecklenburg-Vorpommern, dominiert die Landwirtschaft. Nach der achten Klasse macht Korsch einen kurzen Ausflug in die Branche. Es bleibt ein Intermezzo.

Sein Interesse für die Rundfunktechnik führt ihn zur Ausbildung als Rundfunkmechaniker. „Ach“, sagt Korsch und winkt ab. „Man hatte so viele Träume, den ganzen Tag rumbasteln an Rundfunktechnik, aber die Realität sah anders aus.“ Sein Ausbildungsbetrieb deckte die gesamte Palette der Elektrotechnik ab. „Wir mussten alles machen, aber für mich war das trotzdem ein Traumberuf.“

Klingt nach Widerspruch. Keineswegs, deutet Korsch mit einem Kopfschütteln an. „Rundfunk hatte damals einen Riesenstellenwert. Wenn das Radio nicht funktionierte, hing der Haussegen schief.“ Deshalb sei der Rundfunkmechaniker wichtig und der Beruf angesehen gewesen. „Ich konnte etwas, was viele andere nicht konnten.“ Korsch formuliert das so demütig wie möglich. Er spricht es zwar nicht aus, aber die Gewissheit, gebraucht zu werden, die war nicht unwichtig.

Als Geselle will Korsch zunächst sein Abitur nachholen. Doch er besteht auch ohne Hochschulreife die Aufnahmeprüfung an der hoch angesehenen Ingenieurschule Mittweida. Seine Karriere nimmt Fahrt auf. Ähnlich wie die Rundfunk-Technik. 1953 wird auf der Düsseldorfer Funkausstellung das erste Transistorradio vorgestellt. Ein Prototyp. In den folgenden Jahren löst der Transistor das Röhrenradio ab. Das Rundfunkgerät wird damit mobil. Kofferradios werden entwickelt. Weniger Gewicht, reduzierte Betriebskosten, kleinere Geräte.

Ansprüche an Ingenieure

Das stellte auch neue Ansprüche an Ingenieure. Korsch ist dem gewachsen. Auch, weil er Glück hat. Seine zugeteilte Studienrichtung ist ausgerechnet die Hochfrequenztechnik. „Ein Volltreffer.“ Er avanciert zu einem der Jahrgangsbesten – oder wie er ausdrückt: „Ich war schon recht aktiv im Studium.“

Während die anderen Absolventen bestimmten Betrieben zugeordnet werden, kann sich Korsch aussuchen, wohin er geht. Staßfurt liegt auf halber Strecke zwischen Mittweida und Schwerin, dem Wohnort seiner Eltern. Zudem stammt ein guter Freund aus dem Salzlandkreis. Also wählt er Staßfurt.

„Wie man Menschen führt, hat einen damals niemand gelehrt.“

1960. Wieder bewegt sich Korschs Karriere, ohne dass er es ahnt, in die denkbar beste Richtung. Der Fernseher hat sich in den 1950er Jahren zum Massenmedium entwickelt. Auch in Staßfurt muss das Radio dem Fernseher weichen. 1962 wird die Rundfunkgeräteproduktion eingestellt und die Firma umbenannt in VEB Fernsehgerätewerk Staßfurt. Für Korsch bedeutet das: vom Radio zum Fernsehen. „Das ist wie Radfahren. Es ist ein anderes Fahrrad, aber trotzdem verlernt man das Fahren nicht.“ Er arbeitet zunächst als Entwicklungsingenieur, doch die Betriebsdirektoren sehen mehr in ihm. 1963 wird er Betriebsleiter, Herr über die Produktion und Vorgesetzter von 1000 Mitarbeitern. „Wie man Menschen führt, hat einen damals niemand gelehrt.“

Korsch bringt seinen Führungsstil auf einen einfachen Nenner: „Wenn man glaubt, dass sich alles um einen dreht, nur weil man was zu sagen hat, sollte man keine Führungskraft sein.“ Anfangs skeptisch beäugt, wird der 26-Jährige schnell akzeptiert.

1969 erste DDR-Farbsendung

In der Hochphase werden in Staßfurt jährlich 500.000 Geräte hergestellt. Ein Highlight: Am 3. Oktober 1969 wird die erste DDR-Farbsendung ausgestrahlt. Das Gerät dazu: der RFT Color 20, hergestellt in Staßfurt. „Das war eine Sensation“, sagt Korsch. Es war das erste Gerät, das auf Halbleiterbasis gebaut wurde und damit weniger Energie verbrauchte als andere Geräte. Staßfurt wird zum dominierenden Standort der Fernsehproduktion, Korsch zum Kapitän des Fortschritts.

Das führt dazu, dass er 1979 stellvertretender Generaldirektor des VEB Fernsehgerätewerks Staßfurt, des Stammbetriebs des VEB Kombinat Rundfunk- und Fernsehtechnik, wurde. Kurz vor der Wende, 1988, werden seine Fähigkeiten dann wieder woanders benötigt. Er wird zum Betriebsdirektor des Elektrogerätewerkes Egeln ernannt. „Es gab Leitungsschwierigkeiten“, erinnert sich Korsch. Die Mitarbeiter: „verunsichert“. Doch Korsch ist sich sicher: „Es gibt keine schlechten Mitarbeiter. Wenn sie keine Leistung bringen, dann nur, weil sie falsch eingesetzt sind.“ Mit diesem Leitsatz gelingt es ihm, den Betrieb zu renovieren. Nach der Wende wird der Wille, die Anfänge des Rundfunks und des Fernsehens für die Nachwelt aufzubereiten, immer größer.

Und so gründet Korsch als Rentner zusammen mit anderen Mitstreitern Anfang der 2000er Jahre den Verein „Freunde der Staßfurter Rundfunk- und Fernsehtechnik“. Daraus entstanden ist die größte Erlebnisausstellung für Fernseh- und Rundfunktechnik in Mitteldeutschland. Rund 1000 Besucher zählt das Museum jährlich, 700 Geräte sind hier ausgestellt. Fast täglich kommen Anfragen von Sammlern, die ihre Geräte ausstellen wollen. Korsch ist fast jeden Tag hier. „Wenn wir wollen, dass unsere Nachfahren die Vergangenheit verstehen, müssen wir sie greifbar machen. Und der Rundfunk hat das verdient.“