Oscars

Doppelte Oscar-Nominierung für MDR-Koproduktion über Missstände in Rumänien

Freude beim Mitteldeutschen Rundfunk: Der in Koproduktion mit dem Sender entstandene Dokumentarfilm „Kollektiv – Korruption tötet“ hat eine doppelte Oscar-Nominierung erhalten.

Von Grit Warnat
Die Bukaresterin Mariana Oprea gehört zu den Überlebenden des verheerenden Brandes im Miskclub "Colectiv" am 30. Oktober 2015. Foto: MDR/Alexander Nanau

Leipzig. Die Musik ist laut, Menschen tanzen. Die Stimmung ist gut im Bukarester Nachtclub. Doch dann bricht Feuer aus. Panik. Die Szenen aus dem Club „Colektiv“ brechen ab.

27 Menschen sterben an diesem 30. Oktober 2015, 180 werden verletzt. Es gibt nur einen Ausgang. Aber das ist nicht der Skandal an dieser Katastrophe. Viele der Verletzten sterben Tage später in den Krankenhäusern.

Journalisten ausgerechnet einer Sportzeitung werden aufmerksam, recherchieren eigenständig und decken einen der größten Skandale im Gesundheitswesen Rumäniens auf. Es ist ein kleines, hartnäckiges Team, das Korruption, Vertuschung, Machenschaften, Schwarzgeld auf die Spur kommt. Desinfektionsmittel werden wissentlich verdünnt und an die Krankenhäuser geliefert. Keime auf den Intensivstationen bringen dutzendfachen Tod. Im Druckhaus rattern die Maschinen, laufen die Zeitungen mit den Schlagzeilen vom Band.

Der Zuschauer steht mit in der Druckerei, ebenso in der Redaktion, erlebt Pressekonferenzen in Ministerien, Treffen mit Informationsgebern, den Rücktritt des Gesundheitsministers. Hautnah. Kameraeinstellungen und Schnitte geben eine unglaubliche Nähe zum Geschehen.

Was man hört, schockiert: In 2000 OP-Sälen sind verdünnte Substanzen eingesetzt worden. Als Akten auftauchen, die belegen, dass das Problem seit vielen Jahren bekannt ist, stellt die recherchierende Journalistin fest, dass die Story so haarsträubend ist, dass sie befürchtet, „die Leser halten uns für verrückt“.

Tatsächlich geht es auch um Unterstellungen. Das Team soll in Misskredit gebracht werden. Der Zuschauer schaut in müde, nachdenkliche Journalistengesichter. Der Kampf gegen selbstgefällige Politiker, den Geheimdienst und nicht handelnde Zuständige ist zermürbend, bringt aber auch den erhofften Protest in Rumänien hervor. Und während ein entstelltes Brandopfer mit seinem Körper anklagt, dreht sich das Karussell um katastrophale Missstände in den Krankenhäusern weiter. Es geht nicht nur um verpanschte Desinfektionsmittel. Dieses Gesundheitssystem ist erschreckend kaputt. Eine Krankenhausmitarbeiterin sagt: „Allen geht es nur ums Geld.“

„Kollektiv“ von Alexander Nanau gibt den Opfern und Angehörigen eine Stimme in einem schmerzlich korrupten System, in dem Geld über Menschenleben gesetzt wird. Die Oscar-Nominierung in den beiden Kategorien „Beste Dokumentation“ und „Bester fremdsprachiger Film“ ist Auszeichnung für hartnäckige, investigativ arbeitende Journalisten, die es überall auf der Welt gibt und die sich in ihren Ländern den Menschen und der Wahrheit verpflichtet fühlen.

Ursprünglich sollte der Dokumentarfilm, wie in den Programmzeitschriften ausgewiesen, am Sonntagabend gezeigt werden. Der MDR zog die Ausstrahlung kurzfristig auf vergangenen Dienstag vor. Wer ihn verpasst hat: Der Film ist in der Mediathek zu sehen.