Kirche im Bördekreis wird ein Kolumbarium

Lebende und Tote unter einem Dach

Im beschaulichen Gersdorf im Bördekreis wird St. Bartholomäus aufwendig saniert. Das kleine Gotteshaus soll künftig nicht nur als Gemeindeort dienen, sondern als Kolumbarkirche Lebende und Tote unter einem Dach vereinen.

Von Grit Warnat
Die Außenhaut der kleinen Dorfkirche von Gersdorf in der Gemeinde Niedere Börde ist schon neu, die Fenster einer Glaskünstlerin eingesetzt, das Dach gedeckt. Bald fällt auch die Rüstung am Turm.
Die Außenhaut der kleinen Dorfkirche von Gersdorf in der Gemeinde Niedere Börde ist schon neu, die Fenster einer Glaskünstlerin eingesetzt, das Dach gedeckt. Bald fällt auch die Rüstung am Turm. Foto: Grit Warnat

Gersdorf - Die Sonne strahlt, die Butterblumen recken Licht und Wärme ihre Köpfe entgegen. Das Kirchenschiff mit seinem frischen Putz steht im satten Grün. Es ist der älteste Teil des Gebäudes, schon zu Gotikzeiten umgebaut. Als der Magdeburger Dom entstand, bauten die Gersdorfer ihr Gotteshaus. Der Kirchturm, 1693 angefügt, ist noch eingerüstet. Aber auch hier ist die Außenhaut fertig, das Dach mit Biberschwanz eingedeckt. An Untermieter wurde gedacht. In den Ziegeln gibt es Unterschlupf für Fledermäuse, für die Turmfalken einen Holzbau.

Wer sich auf der Baustelle umschaut, erkennt schnell, dass hier natürlich mit Geld über viele Fördergeber, aber auch mit Liebe saniert wird. Und mit einer gehörigen Portion Mut. Denn wenn man das Innere betritt, kann man erahnen, in welch sanierungsbedürftigem Zustand das gesamte Gebäude einmal war.

Dach und Fassade, Schiff und Turm sind einladend schmuck und Grundvoraussetzung für den nächsten und letzten Bauabschnitt: die Inneneinrichtung. Die Kirchengemeinde, der Förderverein Gersdorfer Kessel/Niedere Börde und Architektin Sina Stiebler haben sich Besonderes einfallen lassen: ein Kolumbarium. Unter den Emporen, die barocke Marmorierung ist schön zu sehen, sollen Urnen in Form von Samenkörnern wie schwebend hängen. Mit Glaselementen soll der Bereich abgetrennt sein, sensibel das Ganze und doch mitten im Gemeindeleben stehend. Kolumbarschränke sind zudem geplant.

Taufe und Bestattungin einem Raum

In Gersdorf hat man sich sehr bewusst für diese andere Form der Bestattungskultur entschieden. In vielen deutschen Städten sind Kolumbarien eröffnet worden, auch in Sachsen-Anhalt. Aber St. Bartholomäus wäre wohl die erste Grabes- und Kolumbarkirche im Land, die aktiv genutzt wird. Das Konzept heißt: „Lebende und Tote unter einem Dach vereinen“. In der Projektbeschreibung steht: „Das Kolumbarium für die Kirche St. Bartholomäus ist ein neuartiger Urnen-Friedhof, der alte Traditionen aufgreift und gleichzeitig den Bedürfnissen einer modernen Trauer- und Bestattungskultur gerecht wird.“ Das Angebot, so sagt Thomas Beringer, Vorsitzender des Fördervereins, sei nicht abhängig von einer Kirchenmitgliedschaft. Es solle allen Bewohnern des Umlandes zur Verfügung stehen.

Direkt neben der Kirche, auch eingebettet ins Grün, liegt der überschaubare Friedhof. Gräber unter großen Bäumen. Vögel singen. Abschied wurde hier auf diesem Flecken Erde schon immer genommen. Doch das Gotteshaus verfiel. Um es zu retten, brauchte es Ideen wie die Nutzungserweiterung zur Grabeskirche. Pfarrer Johannes Könitz: „Wir wollten unbedingt unsere Kirche erhalten.“ Die Kirchengemeinde ist klein. Ihr gehören 50 der 400 Einwohner an. Barleben, Ebendorf, Meitzendorf gehören zum evangelischen Kirchspiel. Es ist Bauherr für das ambitionierte Projekt.

Förderverein mit Spendenaktion

Sanierung, Nutzung – man habe sich geeinigt auf eine aktive Kirche, auf einen Raum für ein Gemeindeleben mit Kolumbarium, sagt der Pfarrer. Natürlich wird es Gottesdienste, Taufen und Abschiede geben, aber eben auch Konzerte, Lesungen. Architektin Stiebler brennt für diese Idee.

So sehen es auch Kirchengemeinde und Verein. Der Taufstein soll etwas verlagert werden, Taufe und Bestattung dicht nebeneinander in einem Raum. Der Kreislauf des Lebens. Aber Urnen hängend als kupferne Phiolen? Für Könitz ist diese Umsetzung ein Gleichnis zum Wort Jesu: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Noch wartet jede Menge Arbeit. Stiebler, spezialisiert auf denkmalgerechte Sanierung, zeigt im Innenraum Reste der gotischen Wandmalerei. Der Fußboden aus Sandstein und Fliesen muss aufgenommen, die Empore restauriert werden. Einiges soll veräußert werden, Sandsteinplatten, Teile vom Gestühl. Ebenso die Fenster, die irgendwann in den 1970er, 1980er Jahren entstanden. Marke Eigenbau, mit farbiger Folie. 8000 Euro erhofft sich der Förderverein an Spendengeld. Es geht um zwei noch fehlende Fenster.

Apropos Fenster. Im Kirchenschiff geht der Blick automatisch hin zur interessant strukturierten Verglasung. Fließen die Sonnenstrahlen ins Innere, meint man einen sich bewegenden Vorhang zu erkennen, der dem Wind folgt. Glaskünstlerin Felicitas Fäßler, die sich im vergangenen Jahr in einem Arbeitsstipendium der Kunststiftung Sachsen-Anhalt mit dem Fenster als eigenständige Plastik beschäftigt hat, schuf diesen Faltenwurf für St. Bartholomäus. Er ist ein Symbol für Hülle und Membran und eine Anlehnung an das Martyrium des enthäuteten Bartholomäus.

Im Herbst soll der Innenausbau als letzter Abschnitt beginnen. 2023 könnte die Kirche wieder genutzt werden. Jetzt ist schon erkennbar: Es wird ein Kleinod mit einer besonderen Bestimmung.

Eines der alten Kirchenfenster, die verkauft werden sollen.
Eines der alten Kirchenfenster, die verkauft werden sollen.
Foto: Grit Warnat