Fotograf Günter Rössler

Mode, Akte, ferne Länder in Halle

Der „Kunstverein Talstrasse“ in Halle erinnert an den Leipziger Fotografen Günter Rössler.

Von Grit Warnat
Zu den ausgestellten Fotos gehört auch diese Arbeit von Günter Rössler: „Leipzig, 1967“. Foto: Günter Rössler Fotografie/Kirsten Schlegel

Halle. Am 6. Januar 2021 wäre Günter Rössler 95 Jahre alt geworden. Da sollte die Ausstellung eigentlich schon sechs Wochen am Start sein. Doch seit Anfang November ist die Kultur im Lockdown, erst im März und April ein kurzes Aufatmen. Vier Wochen war die Ausstellung geöffnet. Anmeldung, Hygienekonzept, Abstand. 1000 Besucher kamen. Seit vergangenem Montag sind die Räumlichkeiten des Kunstvereins in der Talstraße wieder zu.

Matthias Rataiczyk, Vorsitzender des Vereins und Leiter der Kunsthalle, spricht von einem ökonomischen Fiasko. Der Verein sei zwar projektgefördert, für die Betreibung des Hauses wäre aber das Eintrittsgeld dringend notwendig. Erst die hohen Inzidenzzahlen in Halle, jetzt die bundesweite Notbremse. Rataiczyks Haus habe noch auf die Open Airs gehofft, die gern angenommenen Veranstaltungen im Felsengarten hinter der Villa. Ab Mai sollten Bands spielen.

Man kann seinen Verdruss gut verstehen. Die Ausstellung ist sehenswert, bietet sie doch einen Blick jenseits des weithin bekannten Rössler.

Die Aktfotografieals Kunstform

Fällt dessen Name, kommt schnell das einst in Zeitschriftenläden kaum zu erwischende „Magazin“ in den Sinn. Rössler galt als Pionier der DDR-Aktfotografie. Den Weg beschritt er seit den 1960er Jahren mit Konsequenz. Seine erste Aktausstellung in Grimma im Jahr 1979 war legendär. Rataiczyk sagt, dass sie Anstoß gab für eine Diskussion des Stellenwertes der Aktfotografie als eigenständige Kunstform.

Diese Arbeiten dürfen nicht fehlen, zeigen sie doch das Ringen des Meisters um große natürliche Ästhetik und ein besonderes Spiel mit dem Schatten. Teils bricht aus der Dunkelheit der Körper hervor.

Anja, Jutta, Heidrun, Sabine. Rössler hat weit mehr als schöne, nackte, junge Frauen ins rechte Licht gesetzt. Seine Karriere begann schon in den 1950er Jahren als Reportage- und Modefotograf. Da war er gerade frischer Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und reiste.

Albanien, Griechenland, Bulgarien. Schwarz-Weiß auch da schon seine Blicke auf das einfache, harte Landleben. Ein Mütterchen mit Kopftuch, Männer beim Kartenspiel – ansonsten herrscht Männerflaute in den Räumen. „Das Fotografieren beginnt für mich immer ohne Kamera. Man muss sehen können, einen Sinn für das Besondere haben, Dinge aus der Umgebung heraustrennen können“, sagte er einmal.

Mit Beitrag im „Playboy“ auch im Westen bekannt

In den 1960er Jahren fotografierte er Mode, arbeitete viel für das Magazin „Sibylle“, für „Modische Maschen“ und NBI, für Interpelz in Leipzig. Auch da hat er seine Sichten erzählt – nicht nur über die Mode, sondern ebenso über ihre Trägerin. Auf den Titelbildern sind sie selbstbewusst, lackierte Nägel, lange Wimpern. Frauen im Arbeiter- und Bauernstaat waren alles andere als nur Arbeiterinnen und Bäuerinnen. Fernab des Hochglanzes schaut der Betrachter in viele unverkrampfte und natürliche Gesichter.

Erstmalig vom Negativ abgezogen wurde für diese Ausstellung eine Hut-Serie. Düsseldorf, 1956. Unnatürlich und gestelzt wirken die Damen vor dem neutralen Hintergrund. Man denkt an Audrey Hepburn.

In einer Vitrine liegt ein aufgeschlagener „Playboy“. Eine Ausgabe von 1984. Auf einer Seite wird „Mädchen aus der DDR“ getitelt. Fotos folgen auf mehreren Seiten. Im Text wird auf das Unverkrampfte verwiesen. „Ungewöhnliche Dokumente aus dem unbekannten Land gleich nebenan.“ Manches erinnere an Helmut Newton, steht da auch geschrieben, ein Vergleich, den Rössler oftmals hören sollte. Den Titel „Helmut Newton des Ostens“ soll er nicht gemocht haben. Im Begleitband zur Ausstellung schreibt ein ehemaliges Model: „Was für eine Gabe, so fotografieren zu können, dass ich in diesen Fotos meine Verletzlichkeit und meinen Mut zur Neuorientierung wahrnehme.“

Rösslers Frau Kirsten Schlegel, die auch den fotografischen Nachlass verwaltet, hat einmal gesagt, er habe gern ausgestellt. Sie und Rainer Wedel haben diese besondere Sicht auf sein Schaffen mit ermöglicht.

Der Kunstverein hat die „AugenBlicke“ zwar bis zum 28. August verlängert. Wegen der vom Bund beschlossenen Corona-Notbremse muss das Haus aber für Publikum geschlossen bleiben.