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Sachsen-Anhalt im Gender-Fieber

Gender-Gaga oder Gleichberechtigung. Sprach-Wahnsinn oder Entwicklung. Gendern in der deutschen Sprache wird populärer. Wie sehen das Politiker, Unternehmen und Institutionen in Sachsen-Anhalt? Die Volksstimme hat nachgehakt.

Von Nico Esche
Wie wird in Sachsen-Anhalt gegendert?
Wie wird in Sachsen-Anhalt gegendert? Foto: Nico Esche

Magdeburg - Gendersternchen, Doppelpunkt, Binnen-I oder der gute alte Unterstrich. Gendern in der deutschen Sprache. Eine gesellschaftliche Debatte, die in den vergangenen Monaten besonders heiß entbrannte - und stark polarisiert. Wie handhabt das die Region? Die Volksstimme hat bei Politikern, Instituten und Firmen nachgehakt.

Ministerium für Bildung

Wird in den gesellschaftlich, wirtschaftlich, beziehungsweise politisch relevanten Büros in Sachsen-Anhalt gegendert? Und wenn ja, warum. Oder warum nicht?

Dort angesetzt, wo die Sprache den Grundstein legt und gefördert wird, dem Ministerium für Bildung in Sachsen-Anhalt, heißt es trocken: "Die Regelungen zur gendergerechten Sprache [...] richten sich im Ministerium für Bildung nach den gültigen Rechtsvorschriften des Landes Sachsen-Anhalt." Somit werde, laut Ministerium, männliche und weibliche Paarformeln oder eine nicht geschlechtsbezogene Sprachform genutzt.

Hochschulen in Sachsen-Anhalt

Zeigt sich ein anderes Bild an den Hochschulen in Sachsen-Anhalt? Ja und Nein. Die Hochschule Anhalt schweigt. Die beiden Institute in Magdeburg hingegen zeigen sich offener.

Die Otto-von-Guericke Universität Magdeburg lässt ausrichten: "Wir möchten durch den adäquaten Gebrauch von gendersensibler Sprache erreichen, dass sich alle Universitätsangehörigen angesprochen fühlen und sehen darin einen Beitrag zum Diskriminierungsschutz." Sie verweisen auf ihre Homepage, sprechen dort vom fehlenden "Weisheit letzter Schluss" im Gender-Umgang.

Ähnlich zeigt es sich an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Hier werde auch viel Wert auf eine "gendersensible Sprache" gelegt. Dort werde ein Doppelpunkt oder ein Sternchen empfohlen. Aber: "Eine Verpflichtung der Hochschulangehörigen, ausschließlich nach den Empfehlungen zu schreiben", bestehe nicht.

Unternehmen im Land

Wie wird in regionale Firmen mit dem Gendern umgegangen? Die Volksstimme fragte bei den größten Unternehmen in Sachsen-Anhalt nach. 

Rund 3.700 Angestellte stempeln ihre Karten in der Salus Altmark Holding. Die Betreibergesellschaft für sozialorientierte Einrichtungen, wie unter anderem Fachkliniken, nutzt neutrale Formulierungen sowie das Gendersternchen. Auf Anfrage richten sie aus, dass Salus auf dem Weg zu einer gendersensiblen Sprache sei. Fast 70 Prozent der Angestellten seien Frauen, so Pressesprecherin Franka Petzke. "Wir wollen, dass sich alle Personen unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität gleichermaßen angesprochen und nicht nur 'mit gemeint' fühlen."

Ein weiterer "Big Player" in der Region: Etwas über 11.000 Mitarbeiter an 50 Standorten vorweisen, kann die K+S Aktiengesellschaft. Das Unternehmen, das auch in Zielitz in der Börde angesiedelt ist, beschäftigt allein in Sachsen-Anhalt 1800 Arbeiter. Pressesprecher Michael Wudonig zum Thema Gendern in der Firma: "Bei K+S sind wir gerade dabei, ein Konzept zum Thema Gendern im Unternehmen zu etablieren." Es werde sich aktuell abgestimmt. Tiefer ließ die AG jedoch nicht blicken.

Bundestagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt

Wie gehen Sachsen-Anhalts Bundestagsabgeordenete mit dem Thema Gendern in ihren Büros um?

Petra Sitte von Die Linke achtet generell auf kurze und verständliche Sätze, gendert, nutzt selber "undogmatisch und in der Breite mögliche sprachliche Formulierungen". Ebenso ihr Büro, versichert sie. Sitte macht klar, dass sie sich geschlechtersensible Sprache wünsche, will gleichauf aber niemanden dazu verpflichten. "Mir ist wichtig, dass darüber nachgedacht wird", antwortet sie. "Im Kern geht es eigentlich um gesellschaftliche Rollenzuweisungen von Frauen und Männern. Die aufgeladene Genderdebatte verdeckt leider genau das"

Ein paar Reihen entfernt im Bundestag, sitzt Karamba Diaby (SPD). Er verweist auf Studien. Diese sollen belegen, dass sich Menschen vor allem Männer vorstellen würden, wenn Sätze im generischen Maskulinum formuliert seien. Diaby: "Daher bin ich der Auffassung, dass Gendern dazu beiträgt, dass wir den Stereotyp im Kopf auflösen und durch sensible Sprachverwendung alle Menschen in angemessener Weise repräsentieren." Er sowie sein Büro gendern konsequent, sagt er, und nutze gängige Möglichkeiten wie Doppelpunkt oder Doppelformulierung.

Steffi Lemke von den Grünen sagt dazu: "Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten so zu formulieren, dass sich niemand ausgeschlossen fühlt. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist es oft eine Mischung aus den verschiedenen Varianten. In offiziellen Dokumenten, also zum Beispiel bei Anträgen, Entschließungsanträgen und Änderungsanträgen, nutzt meine Fraktion aktuell den 'Gender-Star'. Im alltäglichen Bürogespräch nutze ich keine Genderform und finde es richtig, wenn zwischen formeller Ansprache und persönlichem Gespräch ein Unterschied gemacht wird und wir das ganze Thema etwas gelassener diskutieren.“

Die (politischen) Ausnahmen

Frank Sitta (FDP) aus Halle hält sich kurz. Er gendere nicht. Dafür macht er deutlich, dass er sämtliche Geschlechter meine; hierfür nutze er "die Mittel, die unsere Sprache seit jeher bietet und die von den Menschen gemeinhin anerkannt sind."

Ähnlich sieht es CDU-Bundestagsabgeordneter Manfred Behrens. Der gebürtige Magdeburger verwende den "gängigen Stil der deutschen Sprache, welcher zu Recht ein Teil unserer Kultur ist und seine Berechtigung hat". Experimente mit Sonderzeichen, so sagt er, lehne er ab.

Der sachsen-anhaltische Bundestagsabgeordneten der AfD, Andreas Mrosek, antwortete nicht. 

In der Volksstimme wird indes in Artikeln nicht gegendert. Die Gründe hierfür legte Chefredakteur Alois Kösters vor wenigen Wochen in diesem Artikel offen: