Lkw-Parkplätze

"Park Your Truck": Mit der App in die Lücke

Das Parken an Autobahnen ist für Lkw-Fahrer eine Geduldsprobe. Das Unternehmen „Park Your Truck“ aus Dessau hat intelligente Lösungen gefunden.

Von Massimo Rogacki
Luftbild einer Autobahnraststätte an der A 2 in Nordrhein-Westfalen. Deutschlandweit sind Parkplätze für Lkw an Autobahnen rar.
Luftbild einer Autobahnraststätte an der A 2 in Nordrhein-Westfalen. Deutschlandweit sind Parkplätze für Lkw an Autobahnen rar. Foto: imago

Magdeburg - Ein Wochentag, 21 Uhr. Parkplatz Wüstenforst, A 2, knapp 50 Kilometer von Magdeburg entfernt. Adam S. ist müde. Seinen tonnenschweren Lkw hat der polnische Berufskraftfahrer vor drei Stunden bereits in eine der letzten verbliebenen Parklücken manövriert. Reden möchte er eigentlich nicht, seinen vollen Namen schon gar nicht in der Zeitung lesen. Nur so viel sagt er: Parkplatzsuche „immer Stress“.

Der Autobahn-Rastplatz ist an diesem Abend wie so häufig heillos überfüllt. Nach Adam S. sind noch weitere Trucker gekommen. Wer von der A 2 einbiegt, muss sich an zwei in der Einfahrt parkenden Lastern vorbeischlängeln. Kein Einzelfall an deutschen Autobahnen.

Problem: Deutschlandweit fehlen nach Schätzungen des ADAC 23.500 Lkw-Parkplätze. Allein in Sachsen-Anhalt sind es nach Angaben des Verkehrsministeriums rund 700.

10.000 Stellplätze deutschlandweit

Lkw schummeln sich auf Parkplätzen in Lücken, die eigentlich keine sind, bleiben in Ein- und Ausfahrten stehen oder suchen in Gewerbegebieten nach Möglichkeiten, ihren Truck zu parken.

Denise Schuster hat sich mit dem Problem lange auseinandergesetzt. Sie ist die Gründerin von „Park Your Truck“ aus Dessau-Roßlau. Der Parkplatz-Notstand ist Grundlage ihres Geschäftsmodells.

Die gebürtige Dessauerin Denise Schuster ist Gründerin und Geschäftsführerin von „Park Your Truck“.
Die gebürtige Dessauerin Denise Schuster ist Gründerin und Geschäftsführerin von „Park Your Truck“.
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Das Unternehmen vermittelt Lkw-Stellplätze in Autobahnnähe – etwa auf Betriebs-, Autohöfen, Tankstellen. Mit einer Handy-App können Fahrer bequem den passenden von rund 10 000 angebotenen Parkplätzen deutschlandweit auswählen, 4000 Parkplätze betreibt die Dessauer Firma zudem selbst. „Vier bis fünf Versuche starten Fahrer durchschnittlich, bis sie einen Stellplatz gefunden haben. Das ist extrem anstrengend für die Fahrer und auch schlecht für die Umwelt, weil viel CO2 ausgestoßen wird“, sagt Schuster.

Vielen Kraftfahrern bliebe nach Ablauf der Lenkzeit häufig nichts anderes übrig, als zu improvisieren. Verstöße gegen Lenkzeiten, Unfälle und Schäden durchs Rangieren sind dabei kein Einzelfall. Über die Buchungsplattform fänden die Fahrer nun einen meist sogar gesicherten Stellplatz, gute Infrastruktur mit Toilette, Dusche, Möglichkeiten zum Einkauf, sagt Schuster.

Begonnen hat die Unternehmerin 2013 mit der Vermittlung von privaten Pkw-Parkplätzen über eine Online-Buchungsplattform. „Der Konkurrenzkampf war zu groß“, sagt Schuster. Das Thema Parken aber fand sie weiterhin spannend. Ein Jahr beobachtet die gebürtige Dessauerin den Markt und stößt auf das Problem fehlender Lkw-Parkplätze. Die ersten 300 Plätze akquiriert sie auf Autohöfen. Im EU-Wettbewerb Horizon 2020 setzen sie und ein anderes Unternehmen sich 2015 unter 8400 Bewerbern durch.

Gerne Mitarbeiter ab 50 Jahren

Schuster beginnt durch die EU gefördert mit der nach ihren Worten „größten primären Marktforschung im Bereich Lkw-Parken“. 400 Fahrer, 120 Speditionen, Mitarbeiter und Betreiber von Autohöfen werden befragt. Die Erkenntnisse daraus bilden die Grundlage der heutigen Reservierungsplattform.

In Corona-Zeiten konzentrierte sich das Unternehmen darauf, gezielt Messe-, Stadionbetreiber und Flughäfen zu gewinnen. Etwa bei der Messe Dortmund, dem Flughafen Paderborn oder am Volksparkstadion in Hamburg. Pandemiebedingt gab es dort viele verwaiste Stellflächen. „Park Your Truck“ konnte in kurzer Zeit 2000 neue Parkmöglichkeiten gewinnen, die Betreiber in mauen Zeiten Einnahmen verbuchen.

Wenn Anbieter einen Parkplatz zur Verfügung stellen, verdienen sie in der Regel zwischen zehn und 15 Euro damit, sagt Denise Schuster. „Park Your Truck“ erhalte eine Reservierungsgebühr von vier Euro pro Nacht.

Über die Umsätze ihres Unternehmens möchte Schuster, die einst aus Dessau wegging, um in München und in den USA Wirtschaft zu studieren, nicht sprechen. Die Umsätze seien zuletzt stetig gewachsen, sagt sie nur. Zehn Mitarbeiter beschäftigt die Firma unterdessen. Die Strategie bei Einstellungen: 50 plus. „Wir haben gute Erfahrungen mit etwas älteren Mitarbeitern gemacht, die zudem fest in der Region verwurzelt sind“, sagt Schuster. Die meisten ihrer Leute seien vor allem mit der Akquise neuer Flächen beschäftigt.

Vermehrt Konflikte in Gewerbegebieten

Neben der Reservierungsplattform hat „Park Your Truck“ ein zweites Geschäftsfeld: Es soll Abhilfe beim Wildparken auf Gewerbeflächen schaffen. Über 50 Gemeinden sind bereits dabei.

Wenn sich Anlieferer und Parkplatzsucher in Gewerbegebieten begegnen, artet das nicht selten in Chaos aus. Auch in diesem Fall kommt die Buchungsplattform zum Einsatz.

Lieferfahrzeuge werden bis zur Anlieferung auf Parkflächen im Gewerbegebiet vorgestaut, nachts fänden die Autobahnabfahrer einen gesicherten Stellplatz, so Schuster.

Auch die Gemeinde Hohe Börde hat schlechte Erfahrungen mit Lkw-Fahrern auf der Suche nach einem Platz für die Pause gemacht. In die engen Straßen des Gewerbegebietes Elbepark verschlägt es unter der Woche Hunderte Fahrer. „Der Elbepark ist viereinhalb Stunden nach der polnischen Grenze die erste Möglichkeit für einen größeren Zwischenstopp. Deshalb landen viele bei uns“, sagt Pressesprecher Maik Schulz. Auf dem nahe gelegenen Rasthof blieben regelmäßig Stellplätze frei, dort zahlt man für das Parken. Im Gewerbegebiet nicht. Folge: „Bordsteine werden durch rangierende Lkw zerstört. Die Fahrer lassen sehr viel Müll liegen“, so Schulz. Lösen lasse sich das Problem nicht ohne Weiteres. „Ein Bußgeld von 15 Euro fürs Falschparken hält die wenigsten davon ab“, sagt Schulz.

In der Not hat sich die Gemeinde Hohe Börde im vergangenen Jahr mit anderen in einer Interessengemeinschaft Autobahn zusammengeschlossen. Ein Positionspapier ging an das Bundesministerium für Verkehr. Der Appell: Mehr kostenfreie Lkw-Parkplätze an Autobahnen, zudem müsse schneller als bisher gebaut werden. Es sollte empfindlichere Strafen bei Verstößen geben.

Um zusätzliche Stellplätze zu schaffen, hat das Ministerium zumindest kürzlich eine neue Förderrichtlinie veröffentlicht. Bis 2024 sollen 90 Millionen Euro fließen. Ziel ist die Schaffung neuer Stellplätze im Drei-Kilometer-Radius von Autobahnanschlussstellen, etwa auf Betriebshöfen, aber auch auf Autohöfen, in Gewerbegebieten oder auf Messeparkplätzen.

Lkw-Güterverkehr nimmt bis 2030 um 39 Prozent zu

Der Bund hat in den vergangenen zwölf Jahren rund 1,2 Milliarden Euro in neue Lkw-Stellplätze investiert, doch der Bedarf steige schneller, als gebaut werden kann, kritisieren Experten. Das Ministerium selbst rechnet mit einer Zunahme des Lkw-Güterverkehrs um 39 Prozent bis 2030.

Denise Schuster will mit ihrem Unternehmen aus Dessau weiter dazu beitragen, Abhilfe beim Parkproblem zu schaffen. Andere Anbieter wie Kravag Truck Parking oder Bosch Secure Truck Parking verfolgen ähnliche Ansätze. Große Konzerne seien in der Vergangenheit bei der Entwicklung von Reservierungssystemen schon „grandios gescheitert“, sagt die Gründerin. Und warum geht das Konzept von „Park Your Truck“ auf? „Wir denken weniger kompliziert“, ist Schuster überzeugt.

So sieht die Buchungsplattform von  „Park Your Truck“ aus.
So sieht die Buchungsplattform von „Park Your Truck“ aus.
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