Corona

Die Gewinner und Verlierer der Krise in Sachsen-Anhalt

Von Johannes Vetter

Magdeburg

Der Einbruch ist deutlich: Um 3,9 Prozent ist die Wirtschaftsleistung nach jüngsten Zahlen in Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr zurückgegangen. Allerdings verteilt sich dieser Rückgang sehr ungleichmäßig. Einige Branchen konnten sogar deutlich zulegen.

Nach einer Analyse der Commerzbank Magdeburg kristallisieren sich in Sachsen-Anhalt drei Gewinnerbranchen heraus: der Onlinehandel, der Lebensmittelhandel und die Medizintechnik. Als Verlierer gelten Gastronomie, Reisebranche, Modebranche und der Automobil-Sektor.

Klar ist, es gibt noch mehr Verlierer. Die Veranstaltungsbranche zählt dazu. Ebenso die Luftfahrtindustrie. Und natürlich sind auch viele Unternehmen der Freizeitgestaltung betroffen, etwa Bowlingbahnen oder Kletterhallen. Auf der anderen Seite ließen sich auch noch weitere Gewinner finden, darunter viele Digitalunternehmen.

Wie unterschiedlich Unternehmen selbst in einer Branche durch die Krise kommen, zeigt der Handel. „2020 war für viele Unternehmen aus den Bereichen Online-Handel und Lebensmittel ein gutes Jahr“, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Deutschland. Auch bei Möbeln und Baumärkten sei es besser als erwartet gelaufen, betont er. „Für die meisten Modehändler dagegen bleibt das vergangene Jahr als Katastrophe in Erinnerung“, sagt Genth.

Geschäfte im Internet boomen

Der Onlinehandel ist einer der großen Gewinner dieser Krise. Er legte nach Daten des Statistischen Bundesamtes um etwa ein Drittel zu. Der Onlineversandhändler Amazon knackte im Schlussquartal 2020 beim Umsatz erstmals die Marke von 100 Milliarden Dollar. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Plus von 44 Prozent.

Sichtbar wird dieser Bestellboom auch im Amazon-Logistikzentrum in Osterweddingen (Landkreis Börde). Dort wuchs die Mitarbeiterzahl zuletzt schneller als erwartet auf rund 1900.

Deutlich zulegen konnte auch das Unternehmen X-Trade aus Magdeburg. Der Onlinehändler verkauft vor allem Schuhe im Internet. Nach Angaben des Unternehmens stieg der Umsatz seit Beginn der Corona-Krise um etwa 80 Prozent. Im vergangenen Jahr habe er bei rund 30 Millionen Euro gelegen. Die Mitarbeiterzahl ist demnach seit 2019 von etwa 80 auf nun rund 110 gewachsen.

Sascha Rosenau ist einer der Geschäftsführer bei X-Trade. Er hat das Unternehmen vor 15 Jahren mit einem Freund gegründet. Gerade hätten sie die Lagerkapazitäten erweitert, berichtet er. Für dieses Jahr rechnet er erneut mit einem kräftigen Wachstum von mehr als 50 Prozent.

Mit dem Onlinehandel wächst auch das Paketaufkommen. Die Mitarbeiter von Hermes im großen Paketzentrum in Haldensleben mussten im vergangenen Frühjahr Zusatzschichten schieben. Die Deutsche Post transportierte nach eigenen Angaben 2020 rund 1,8 Milliarden Pakete, 200 Millionen mehr als im Vorjahr.

Modebranche ist der größte Verlierer

Die Modebranche ist einer der größten Verlierer in der Krise. Aus einer Studie des Beratungsunternehmens McKinsey & Company geht hervor, dass die Modebranche in einem Jahr 30 Prozent Umsatzverlust erlitten hat – so viel wie noch nie zuvor. Die Lage ist daher für viele Bekleidungsgeschäfte alarmierend.

Stark betroffen ist das Modehaus Dagis aus Schönebeck. Der Umsatz sei in den vergangenen drei Monaten um rund 90 Prozent eingebrochen, teilt Inhaber Gordon Gol mit. In dem Geschäft wird festliche Kleidung für besondere Anlässe verkauft – die allerdings zurzeit nicht stattfinden können. Mit dem Onlinehandel habe er die Verluste zumindest etwas auffangen können, erklärt Gol. So sieht auch laut der Studie die Zukunft der Branche aus, denn europaweit werden bereits 29 Prozent des Mode-Umsatzes über das Internet erzielt.

Reiseunternehmen kämpfen ums Überleben

Es ist noch immer unklar, wann es für die Reisebranche weitergeht. Die rund 11.000 Reisebüros in Deutschland können derzeit kaum Reisen anbieten, da ihnen die Vorgaben das verbieten. Vor der Corona-Krise gab es in Sachsen-Anhalt mehr als 220 Büros und Veranstalter mit mehr als 700 Beschäftigten.

Annet Kinast-Leidenroth, Inhaberin des Reisebüros im Herzen von Barleben, musste bereits eines ihrer Büros schließen. „Seit 15. Dezember sind wir im zweiten behördlich verordneten Lockdown. Es ist nicht absehbar, wann es einheitliche Reiseregeln geben wird“, sagt sie.

Trotz alledem wolle sie nicht die Hoffnung verlieren und sei in Gedanken bereits in der Planung für die Zukunft. „Wir haben bereits einen Lehrling im dritten Jahr übernommen und eine neue Lehrstelle für den ersten September 2021 ausgeschrieben“. Einige Reisefirmen aus der Region gehen davon aus, dass nach der Krise ein regelrechter Reiseboom kommen wird.

Gastronomie ist Verlierer, Lebensmittelhändler profitieren

Der Lebensmitteleinzelhandel hat in der Corona-Krise zugelegt. Kein Wunder, sind die Supermärkte doch vom Lockdown verschont geblieben. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Landesamtes stiegen die Umsätze im Lebensmittel-Einzelhandel in Sachsen-Anhalt 2020 um 7,3 Prozent. Die großen Ketten meldeten teils deutliche Umsatzzuwächse. Wer sie beliefert, konnte davon profitieren.

Der Tiefkühlpizza-Produzent Hasa aus Burg hat profitiert. „Wir sind bisher sehr gut durch die Krise gekommen“, sagt Christiane Bethge, die kaufmännische Leiterin des Werks. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr sei der Absatz um etwa 30 Prozent gestiegen. Mit Sonderschichten habe das Unternehmen versucht, die erhöhte Nachfrage aus den Supermärkten zu decken. Auch mit Beginn des Lockdowns im Herbst verzeichnete Hasa laut Bethge ein Absatz-Plus von etwa 20 Prozent.

Tiefkühlpizzen aus Sachsen-Anhalt

Hasa beliefert Handelsketten in der Region mit Steinofen-Tiefkühlpizzen. Die rund 210 Beschäftigten im Burger Werk produzieren jährlich rund 80 Millionen Pizzen.

Vor vier Jahren kaufte das Berliner Unternehmen Freiberger Hasa auf. In Osterweddingen hat die Freiberger-Gruppe eine weitere Produktionsstätte für Tiefkühlkost mit mehr als 200 Beschäftigten.

Der Aufschwung der Tiefkühlkost wäre wohl kaum möglich gewesen, hätten Gastronomiebetriebe in den vergangenen 13 Monaten nicht immer wieder Einschränkungen hinnehmen müssen. Essen außer Haus ist während der Pandemie zeitweise schwer möglich. Einige Betriebe etablierten einen Liefer- oder Abholservice, andere geben auf.

Für das gesamte Gastgewerbe verzeichnet das Statistische Bundesamt im vergangenen Jahr ein Minus von 39 Prozent. Für den Hotel- und Gaststättenverband Dehoga ist es die größte Krise der Nachkriegszeit für die Branche. Wann die Gastronomie in den Normalbetrieb zurückkehren kann und ob dann alles wieder wird wie früher, ist unklar.

Autoindustrie angeschlagen

Seit Beginn der Corona-Krise werden weniger Autos zugelassen. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland rund ein Fünftel weniger Neuzulassungen als im Vorjahr. Im ersten Quartal 2021 beträgt das Minus rund sechs Prozent.

Das ist ein Problem für die Automobilkonzerne. Und damit auch für die rund 270 Zulieferbetriebe mit etwa 26.000 Beschäftigten in Sachsen-Anhalt. Darüber hinaus trifft diese Krise die Branche im Strukturwandel. Viele Hersteller stellen derzeit auf E-Autos um.

Ifa aus Haldensleben produziert bald Seitenwellen für BMW

Die Herausforderungen zeigen sich am Beispiel Ifa aus Haldensleben. Das Unternehmen mit weltweit 3000 Mitarbeitern musste nach den Produktionsstopps großer Autokonzerne im vergangenen Frühjahr viele Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Zudem kündigte das Unternehmen an, einige hundert Stellen streichen zu wollen.

Der Strukturwandel trifft Ifa hart. Das Unternehmen ist Spezialist für die Produktion von Längswellen. Dieser Teil des Antriebsstrangs in Fahrzeugen wird aber bei Elektroautos nicht mehr gebraucht. Seit Jahren versucht das Unternehmen deshalb die Produktion von Seitenwellen auszubauen. Die werden auch in E-Autos verbaut. Zuletzt erhielt die Firma einen neuen Großauftrag für Seitenwellen von BMW.

Medizinbranche im Corona-Modus

Für eine Reihe von Unternehmen der Medizinbranche aus Sachsen-Anhalt ist Corona ein neues Geschäftsfeld. Beispiel eins: Die Barleber Firma EKF Diagnostic. Das Unternehmen mit rund 150 Mitarbeitern produziert unter anderem Transportröhrchen für Coronatest-Abstriche. Und das in großem Stil: Zwischen 150.000 und 200.000 Röhrchen füllt das Unternehmen laut Geschäftsführer Steffen Borlich jede Woche ab.

Exportiert werden sie europaweit, vor allem nach Irland. Derzeit sei das kleine Transportröhrchen für die Hälfte des Firmenumsatzes verantwortlich, berichtet Borlich.

Beispiel zwei: Die Firma Mecotec aus Bitterfeld-Wolfen. Mecotec hat einen mobilen Hightech-Container für den Transport und die Lagerung von Corona-Impfstoffen entwickelt. Bis minus 80 Grad kann der Impfstoff darin laut Herstellerangaben gekühlt werden. Außerdem komme der Container 24 Stunden ohne externe Stromquelle aus. In diesem Monat will Mecotec die ersten Container zur Bekämpfung der Corona-Krise auf die Philippinen liefern.

Beispiel drei: Der Arzneimittelhersteller Mibe, eine Tochter der Dermapharm AG. Am Produktionsstandort Brehna (Anhalt-Bitterfeld) stellt das Unternehmen für Biontech Corona-Impfstoff her. Für Dermapharm ist das Krisenjahr 2020 geschäftlich ein gutes gewesen. Das Unternehmen vermeldete kürzlich ein Umsatzplus von 13 Prozent für das vergangene Jahr.