Standort Haldensleben wird massiv ausgebaut / 500 neue Arbeitsplätze

IFA wird einer der größten Längswellen-Hersteller der Welt

Von Torsten Scheer

Die Verlagerung der Produktion des Gelenkwellenspezialisten Rotorion von Friedrichshafen am Bodensee nach Haldensleben und deren vollständige Integration in die IFA-Gruppe läuft schneller als erwartet. Laut IFA-Hauptgesellschafter Heinrich von Nathusius soll der Prozess bereits im ersten Quartal nächsten Jahres abgeschlossen sein. Ursprünglich geplant war Ende 2011.

Haldensleben. In Haldensleben entsteht einer der größten Längswellenhersteller der Welt. Mit der Übernahme des Wellenspezialisten Rotorion aus Friedrichshafen kommt an der nunmehr unter dem neuen Namen IFAROTORION agierenden IFA-Gruppe fast kein global agierender Autobauer vorbei.

Mit jährlich mehr als zwei Millionen Einheiten ist das Unternehmen bereits jetzt der größte Hersteller von Kardanwellen in Europa und durch den Zukauf von Rotorion der weltweit einzige Hersteller von Längswellen für die bestehenden Pkw und Light-Truck-Modelle des Daimler-Konzerns.

Den Kauf von Rotorion bezeichnete IFA-Hauptgesellschafter Heinrich von Nathusius im Volksstimme-Gespräch als Teil der "Vorwärtsstrategie" seines Unternehmens, die Folgen der Wirtschaftskrise zu bewältigen. "Wir wollten uns nicht mit Auftragsrückgängen abfinden, sondern die Chance nutzen, in der für alle Anbieter schwierigen Zeit einen Wettbewerber zu kaufen", beschrieb von Nathusius die Gemengelage noch vor wenigen Monaten. Wäre dies nicht aufgegangen, hätte IFA einen Personalabbau kaum verhindern können.

Die Lage hat sich zum Glück heute bereits grundlegend geändert. "Die Krise ist für IFAROTORION ganz eindeutig vorbei", stellte von Nathusius fest. Das Jahr 2010 werde man mit einem Umsatz von 330 bis 350 Millionen Euro abschließen. Für das kommende Jahr erwartet die Unternehmensleitung eine ähnliche Größenordnung. "2011 wird von den Autobauern positiv eingeschätzt. Sie rechnen mit einer Produktion auf hohem Niveau", blickte von Nathusius voraus.

Gegenwärtig werden von Friedrichshafen die Längswellen-Linien für die Daimler-C-, E- und S-Klasse nach Haldensleben verlagert. Parallel dazu wurde in Haldensleben eine weitere Produktionsstraße speziell für Daimler-Fabrikate errichtet.

Ursprünglich sollte die Verlagerung bis Ende 2011 abgeschlossen sein. "Die Arbeiten gehen jedoch schneller voran", sagte von Nathusius. Die Anforderungen von Daimler seien in den vergangenen Monaten über Plan gewesen. Neue Investitionen in Friedrichshafen wären vor dem Hintergrund der laufenden Produktionsverlagerung nach Haldensleben wirtschaftlich nicht zu vertreten gewesen, erläuterte von Nathusius. Deshalb habe man den Druck, in Haldensleben der steigenden Nachfrage entsprechen zu können, erhöhen müssen: "Wir gehen nun davon aus, dass alle Daimler-Längswellen innerhalb der nächsten acht Monate in Haldensleben gefertigt werden."

Ist der Umzug abgeschlossen, werden zu den bereits bestehenden 500 Arbeitsplätzen bei IFAROTORION noch einmal 500 hinzugekommen sein, berichtet von Nathusius. Da der Arbeitsmarkt für Fachkräfte wie Dreher oder CNC-Spezialisten in der Region fast ausgereizt sei, geht IFAROTORION neue Wege, um Personal zu rekrutieren. Dieses sucht man auch gezielt in von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Grenzgebieten etwa in Görlitz und Bautzen, aber auch in Mecklenburg-Vorpommern und auf dem polnischen Arbeitsmarkt.

Mit der Übernahme der Rotorion wird sich IFA auf die Produktion von Längswellen, die in heck- und allradangetriebenen Fahrzeugen verbaut werden, konzentrieren und das Geschäft mit Seitenwellen nicht mehr forcieren. "In diesem Massengeschäft können wir den beiden am Markt tätigen Elefanten nicht Paroli bieten", sagte von Nathusius. In diesem Zusammenhang werde IFAROTORION die Mehrheit an der in Gardelegen ansässigen IFA-Antriebstechnik GmbH an den japanischen Konzern NTN Corporation, der bisher 25 Prozent der Anteile gehalten hatte, abgeben. "Wir werden zwar strategisch weiterhin mit NTN zusammenarbeiten, aber keine Führungsposition mehr ausfüllen", sagte von Nathusius.

Zugleich wolle man das zweite Standbein von IFAROTORION und der Schwestergesellschaft IFC Composites GmbH, den Leichtbau unter anderem von Blattfedern sowie einer neuen Entwicklung bei Autositzen aus Faserverbundmaterialien, stärken. Hier sei ein Zusammenschluss mit einem "strategischen Partner" nicht ausgeschlossen.

Die IFA-Firmengruppe – der Name steht für die in der ehemaligen DDR verwendeten Bezeichnung Industrieverband Fahrzeugbau – hat ihre Wurzeln im Jahr 1992, als die Familie Nathusius von der Treuhandanstalt das IFA-Werk in Haldensleben kaufte. Zu DDR-Zeiten wurden dort Teile für die Lkw W 50 und L 60 hergestellt.