Unternehmen muss Kosten sparen

Reinigungspersonal im Wernigeröder Krankenhaus bangt um Existenz

35 Reinigungsfrauen im Wernigeröder Krankenhaus sollen ab Februar im
Auftrag einer Fremdfirma putzen. Die Betroffenen leben dann am
Existenzminimum. Im Klinikum heißt es, man wolle künftig "marktübliche"
Löhne für die Reinigung zahlen.

Von Julia Bruns 28.12.2013, 02:05

Wernigerode l Martina Feldmann* reinigt die Räume im Wernigeröder Harzklinikum, mit "schwerem Gerät und Chemie", wie die 48-Jährige sagt. Ohne Zweifel, es ist eine Knochenarbeit - und sie erledigt sie seit 13 Jahren.

Bislang erhielt sie dafür einen Stundenlohn von knapp 12 Euro. Das soll sich jetzt ändern. Für 7,56 Euro brutto sollen Martina Feldmann und ihre 34 Kolleginnen künftig arbeiten gehen. Nicht mehr direkt beim Klinikum "Dorothea Christiane Erxleben", sondern bei einer Firma, nach der per Ausschreibung gesucht wird.

Im Quedlinburger Teil des Klinikums ist das Reinigungspersonal bereits seit Jahren bei einer 100-prozentigen Tochtergesellschaft namens "Pro Clean" beschäftigt. Die Angestellten verdienen den Mindestlohn für Reinigungsdienstleistungen: 7,56Euro pro Stunde.

Bis zum 15. Januar haben die Frauen in Wernigerode Zeit, sich zu entscheiden: Entweder sie leisten dieselbe Arbeit zu deutlich schlechteren Konditionen - oder sie verlieren ihre Jobs. Eine Garantie darauf, dass sie von der Firma, die den Zuschlag erhält, angestellt werden, gibt es nicht.

"Wir haben unsere Arbeit immer gut erledigt, waren alltäglich, an Wochenenden und Feiertagen da"

"Eiskalt", so sagt Martina Feldmann, sei Klinikchef Peter Redemann ihnen gegenüber aufgetreten. Bewusst kurzfristig habe er eine Versammlung am 10. Dezember angesetzt. Innerhalb weniger Minuten teilte er den Frauen mit, dass ihre Jobs ausgegliedert und sie deutlich schlechter bezahlt werden. "Er wollte sich auf keine Diskussionen einlassen", erinnert sie sich. Als Gründe für die Auslagerung führte Redemann die finanziellen Schwierigkeiten des Hauses und den Sparzwang im Gesundheitswesen an. Der Klinikchef war am Freitag für keine Stellungnahme zu erreichen.

Bei den Reinigungsfrauen herrscht Unverständnis, auch bei Martina Feldmann. "Wir haben unsere Arbeit immer gut erledigt, waren alltäglich, an Wochenenden und Feiertagen da. Wenn Bauarbeiten abgeschlossen waren, haben wir den Dreck weggemacht", sagt sie.

1,5 Millionen Euro pro Jahr werden im Harzklinikum für die Reinigung der Wernigeröder Klinik ausgegeben. Zu viel Geld, sagt Andreas Driesslein. Er ist Prokurist beim Harzklinikum und mit der Ausschreibung der Reinigungsdienstleistung betraut.

"Die Auslagerung ist notwendig, weil in Wernigerode ein Preis für Reinigungsleistungen gezahlt wird, der nicht marktüblich ist." Es sei bereits 2011, vor der Fusion der Häuser in Quedlinburg und Wernigerode/Blankenburg vereinbart worden, dass bei den Reinigungsleistungen gespart werden müsse.

Dass ihr Beschäftigungsverhältnis unsicher ist, ahnte Carmen Förster* schon vor anderthalb Jahren. "In unzähligen Versammlungen mit Betriebsrat und Gewerkschaft wurde uns immer wieder das Blaue vom Himmel versprochen", erinnert sie sich.

Mal sei den Frauen Mut gemacht worden, mal wurde ihnen die Hoffnung wieder genommen. "Jetzt ist ein Punkt erreicht, wo wir einfach nicht mehr weiter wissen: Arbeit für einen Hungerlohn oder Arbeitslosigkeit."

"In Zeiten, in denen überall von Mindestlohn gesprochen wird, kann die Ausgliederung keine Option sein"

Seit zwölf Jahren putzt Carmen Förster im Harzklinikum. Sie ist Mitte 50, wohnt in einem Dorf im Nordharz, fährt jeden Tag zur Klinik mit dem Auto. Die Arbeit gefällt ihr. "Einen anderen Job finde ich in meinem Alter wahrscheinlich nicht", befürchtet sie. Diese Angst teilt sie mit vielen ihrer Kolleginnen.

"Sicher sagen manche: \'Die sollen froh sein, dass sie überhaupt Arbeit haben.\' Doch in Zeiten, in denen überall von Mindestlohn gesprochen wird, kann die Ausgliederung keine Option sein." Dass das Harzklinikum in finanziellen Schwierigkeiten stecke, ist den Frauen bewusst. "Sicher verstehe ich, dass das Krankenhaus sparen muss. Aber doch nicht so. Das betrifft 35 Frauen, viele davon alleinerziehend. Wir wären alle auf staatliche Unterstützung angewiesen", sagt Martina Feldmann. "Einem Aufsichtsrat tun 100 Euro mehr oder weniger nicht weh - uns schon."

Bis auf einige wenige Frauen, die sieben oder acht Stunden arbeiten, sind die meisten in Teilzeit beschäftigt. "Der Lohn würde kaum zum Leben reichen", ist Carmen Förster überzeugt. "Die Vorteile wären, dass unsere Arbeitsjahre anerkannt werden, wir unsere Urlaubsansprüche behalten und die betriebliche Zusatzversorgung weiterführen können."

Laut Andreas Driesslein haben einige Reinigungsfrauen bereits Interesse bekundet, trotz über 4 Euro weniger pro Stunde zu einer neuen Firma zu wechseln. Für Carmen Förster und Martina Feldmann steht derweil fest: Sie werden nicht unterschreiben.

*Namen von der Redaktion geändert.