Magdeburg l Der deutsche Reichspräsident Friedrich Ebert verließ das Magdeburger Amtsgericht am 23. Dezember 1924 als ein gebrochener Mann. Zwar hatte er einen Beleidigungsprozess gegen einen Redakteur der „Mitteldeutschen Presse“ gewonnen. Weil er jedoch am Januarstreik 1918 beteiligt gewesen sei, zieh ihn auch das Gericht des Landesverrates. Für Ebert der Höhepunkt einer Schmutzkampagne, der er sich während seiner gesamten Amtszeit ausgesetzt sah. Einen guten Monat später verstarb der Sozialdemokrat mit 54 Jahren an einer verschleppten Blinddarmentzündung.

Friedrich Ebert (Zitat: „Mit den alten Königen und Fürsten von Gottes Gnaden ist es für immer vorbei.“) war für deutsche Monarchisten die Personifizierung der ihnen verhassten Demokratie des Weimarer Zuschnitts.

Ebert wurde dennoch zur Legende, die SPD-nahe Stiftung ist nach ihm, dem Demokratie stets vor Umsturz ging, benannt. Er hatte das besiegte und gedemütigte Land durch die blutigen Nachwirren und die verheerende Inflationszeit geführt.

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Sohn stieg in der DDR auf

Für Eberts 1894 geborenen Sohn Friedrich, genannt „Fritz“, war der Weg zum sozialdemokratischen Aktivisten vorgeprägt. Ebert jun. arbeitete bei sozialdemokratischen Zeitungen und war bis 1933 Stadtverordneter in Brandenburg und von 1928 bis 1933 Mitglied des Reichstages.

Zum Tagesgeschäft gehörten die scharfen Auseinandersetzungen mit der KPD und ihren Funktionären. Der junge Ebert legte sich etwa mit Walter Ulbricht an, dem späteren Partei- und Staatschef. Für die von Ernst Thälmann auf Stalin-Kurs gebrachten Kommunisten waren die Sozialdemokraten plötzlich „Sozialfaschisten“. Eine Einheitsfront beider Arbeiterparteien zur Verhinderung der Machtübernahme der Nazis war utopisch.

Das vorläufige Ende der Demokratie in Deutschland bedeutete für Friedrich Ebert zunächst acht Monate KZ-Haft. Bis Kriegsende stand er 1945 unter Polizeiaufsicht.

Ebert wurde zu einem der Vorzeige-Sozialdemokraten in der in der Ostzone zur SED zwangsweise vereinigten KPD und SPD. Einer Partei, in der die Kommunisten mit Sowjet-Rückhalt schnell das Zepter übernahmen, bekam es Ebert wieder mit dem nun mächtigen Ulbricht zu tun. Ebert geriet immer mal wieder mit ihm aneinander – marschierte aber im DDR-Sozialismus ansonsten treu an dessen Seite.

Im Zuge der Spaltung Berlins und Deutschlands schaute sich die sowjetische Besatzungsmacht während Ebert jun. als Ost-Berliner Oberbürgermeister aus. Dasd Zepter übernahm er im November 1948, der zwei Jahre zuvor noch für Gesamt-Berlin gewählte Magistrat wurde für abgesetzt erklärte.

Zwei verfeindete Sozialdemokraten

Im West-Teil der geteilten deutschen Hauptstadt regierte Ernst Reuter. Er war paradoxerweise gleichfalls Sozialdemokrat, aber erbitterter ideologischer Gegner Eberts und des von ihm vertretenen Systems. Das erklärt sich aus seiner Vita: Reuter – fünf Jahre früher als Ebert jun. geboren – war kommunistischer Dissident. Seit 1912 SPD-Mitglied, wurde er in russischer Kriegsgefangenschaft Mitglied der Bolschewiki.

Josef Stalin, nach der russischen Revolution für Nationalitätenpolitik zuständig, setzte Reuter als Volkskommissar in der neuen Wolgadeutschen Republik ein. Wo Reuter Freiwilligkeit wollte, sollte er Druck machen. Lange ging das nicht gut: Aus den Tiefen Russlands kehrte er schon Ende 1918 nach Deutschland zurück und baute die KPD mit auf. Die Partei feuerte ihn allerdings 1922, als Reuter die übergroße Abhängigkeit von der Kommunistischen Internationale anklagte.

So landete er wieder bei der SPD und leistete ihr bis zu seinem Tode 1953 treue Dienste. Er wurde in den Berliner Magistrat gewählt und leistete als Verkehrsdezernent der Stadt Ende der 1920er Jahr anerkannte Arbeit beim Ausbau des hauptstädtischen Nahverkehrsnetzes.

Derweil stand die SPD in Magdeburg, einer ihrer damaligen Hochburgen, vor einem Personalproblem: Der populäre Oberbürgermeister Hermann Beims schied 1931 aus dem Amt. Ein adäquater Nachfolger wurde in der SPD gesucht und mit Ernst Reuter gefunden. Seine Magdeburger Lebens- und Arbeitsetappe war von kurzer Dauer: Nach der Machtergreifung Hitlers ging Reuter ins türkische Exil.

Dozent und Berater der türkischen Regier

Hier blieb er nicht untätig, unterrichtete Studenten in Ankara im Kommunalwesen und beriet die türkische Regierung. Der Rückkehr nach Berlin folgte 1947 die Wahl zum West-Berliner Oberbürgermeister.

Auf russischer Seite in der Stadt saß Friedrich Ebert und wollte den Sozialismus, in den Westzonen Ernst Reuter und wollte die Demokratie. So unversöhnlich wie Stadtoberhäupter standen sich Ost- und Westdeutschland nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur die nächsten mehr als 40 Jahre gegenüber.

In seiner berühmten Rede am 9. September 1948 sprach Reuter während der Luftbrücken-Zeit seine berühmtesten Sätze: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“

Reuter rief den Hunderttausenden Versammelten zu, dass auch Volk der Ostzone da sein würde, wenn es nur könnte. Zitat: „Und ich weiß es zutiefst, ich denke an meine alte Stadt Magdeburg, die mich zum Reichstagsabgeordneten wählte und deren Oberbürgermeister ich war, ehe Hitler uns in die Konzentrationslager steckte.“

Dass sein Teil von Berlin eingemauert wurde, musste Reuter nicht mehr erleben. Für Ebert jun., der bis 1967 das Bürgermeisteramt im Osten der Stadt inne hatte, gehörte das zur Parteiräson. Er war schließlich als Volkskammer-Abgeordneter und Staatsratsmitglied Multi-Funktionär in hohen Würden. Wobei ihm nachgesagt wird, nie abgehoben gewesen zu sein.

Vereint in einer demokratisch verfassten Republik leben die Deutschen wieder seit 1990. Der Name Reuter blieb in der Bundesrepublik weiter von Bedeutung. Edzard Reuter, einer der beiden Söhne Ernst Reuters, war zwar nicht Bundeskanzler geworden, hatte es aber zu einem der bedeutenden Wirtschaftslenker gebracht: Von 1987 bis 1995 war er Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG.

Von seinem Vater mag er den Sinn für prägende Sätze geerbt haben. „Man kann ein Unternehmen nicht christlich oder sozialdemokratisch, sondern nur gut oder schlecht führen“, sprach Edzard Reuter einmal. Er selbst ist freilich seit 1946 Mitglied der SPD.