Pömmelte l Im platten Ackerland bei der kleinen Ortschaft Pömmelte (Salzlandkreis) ragen hölzerne Palisaden in die Höhe. Dicht an dicht ist das Robinienholz in die Erde gerammt, in mehreren Ringen, dort, wo einst Pfostenlöcher waren. Dazwischen liegen Gräben und Wälle. Von der Aussichtsplattform schaut Hans-Jürgen Koch auf die Anlage. Hier finde man eine ganz besondere Atmosphäre, sagt er. Der Schönebecker ist kein esoterisch angehauchter Mensch. Koch, der Technikstudierte, ist vielmehr ein rational denkender Mann. Doch auch er musste staunen, als ein Rutengänger aus Hannover im Ringheiligtum mit der Wünschelrute unterwegs war. „Hier in der Mitte“, zeigt Koch, „ist sie ihm fast aus der Hand gesprungen. Der Mann sagte: Hier gibt’Ss Energie.“

Kultplatz, Grabstätte, as­tronomischer Kalender. Der 76-Jährige schreitet durch eines der beiden Tore, die das Rund öffnen und entsprechend den Jahreszeiten Sonne einlassen. Eingeschnitzt sind Totenschädel.

Koch ist einer von sechs Gästeführern. „Von Anfang an“, sagt er. Mit Anfang an meint er den Juni 2016. Seitdem können Besucher diese Kreisgrabenanlage aus der frühen Bronzezeit bestaunen, die 1991 bei einem Erkundungsflug zufällig entdeckt worden war. Mitten im landwirtschaftlich genutzten Feld wurde aus luftiger Höhe ein großer Kreis sichtbar. 2005 hatte das Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie mit den Grabungen begonnen. Skelette, Tierknochen, Gefäße, Steinbeile wurden aus dem Erdreich ans Licht geholt. Sie riefen nicht nur bei Fachleuten Staunen hervor. Schließlich handelte es sich um die Überreste eines mehr als 4000 Jahre alten Kultortes. Nicht nur Landesarchäologe Harald Meller spricht gern vom „deutschen Stonehenge“.

Wenn Koch über diesen Ort redet, dann schwingt jede Menge Faszination mit, auch Wertschätzung der Leistung der Vorfahren, die sich hier niederließen. Sie kamen von weither. „Sie waren Migranten“, sagt Koch auch in seinen Führungen. Die ersten kamen aus dem Kaukasus, dann folgten Männer und Frauen aus England und Spanien. „Und sie haben sich nicht bekriegt und auch nicht die Schädel eingeschlagen.“

50 Häuser

In Sichtweite, dort wo seit Jahrhunderten der Boden umgepflügt wird, gehen die archäologischen Grabungen weiter. Erst im Mai hatte Landesarchäologe Meller von den neuesten Funden geschwärmt. An die 50 Häuser haben hier gestanden, bis zu 40 Meter lang. Er sprach von der größten Siedlung der frühen Bronzezeit zwischen 2000 und 1600 vor Christus.

Koch verfolgt jede Grabungsaktivität. Er will alles wissen, was zutage kommt an Erhaltenem, das weitere Aufschlüsse geben kann über das Leben vor Tausenden Jahren. Es sei wichtig zu wissen, was einst war. „Wer keine Vergangenheit hat, der hat keine Zukunft“, sagt er und fügt dann hinzu, dass selbst viele Schönebecker und Magdeburger nicht von diesem Ort wüssten. Es sei doch aber wichtig, über unsere Ursprünge Bescheid zu wissen. Koch sei vor allem deshalb Ringführer geworden.

Der 76-Jährige trommelt gern für das Heiligtum, für Schönebeck, überhaupt für die Region, führt durch die einstige Kreisstadt an der Elbe, erzählt geschichtlich Interessantes in Bad Salzelmen, in der dortigen St.-Johannis-Kirche. „Wir haben so viel Bemerkenswertes zu zeigen“, meint er und wünscht sich mehr Mädchen und Jungen im Pömmelter Rund. Geschichte, Wissen, die Welt verstehen. Das sei so wichtig.

Spaß gemacht

„Kollegin“ Alexandra Schröpel hat soeben aufgekratzte und wissbegierige Mädchen und Jungen des Kindergartens Gnadau verabschiedet. Sie lacht. Das habe Spaß gemacht, sagt die 44-Jährige. Ihren „Zauberkorb“ hat die Gästeführerin dabei. Zeichnungen liegen darin, abgebildet auch ein Hüne, groß und schlank, wie die Menschen einst aussahen. Nicht nur da staunten die Kinder. Auch beim Feuerstein, den die Pömmelterin in einem Säckchen verwahrt. Nichts Echtes, sagt sie. Vom Vater aus dem Garten.

Auch Alexandra Schröpel erklärt seit der Eröffnung des Ringheiligtums. Sie ist eine Zugezogene. Alles, was sie wusste über die Region, hatte was mit Landwirtschaft und Schwermaschinenbau zu tun. Und nun diese unglaubliche Historie direkt vor der Haustür. „Dieser Ort hat eine Magie“, sagt sie. Man muss nicht fragen, ob ihr dieser „Job“ hier Spaß macht. Man sieht es ihr an, man hört es. Auch im Kollegen Koch steckt diese Leidenschaft.

Während Archäologen in Feinarbeit die weiteren Grabungsstellen markieren, gräbt sich nebenan ein schwerer Bagger ins Feld. Er ist der erste sichtbare Bote des neuen Besucherzentrums. Multimediale Angebote, mehr Informationen, ein Imbiss sind geplant. Der erste Spatenstich ist vor wenigen Tagen erfolgt. Der Salzlandkreis als Träger sowie Bund und Land Sachsen-Anhalt geben Geld und erhoffen sich noch mehr Besucher. 32  000 wurden im vergangenen Jahr gezählt.

„Der Parkplatz ist immer gut belegt“, sagt Koch. Schon an der Autobahn 14 wird für dieses Heiligtum geworben. Nur am gut frequentierten Elberadweg fehle laut Koch noch eine Beschilderung. Radtouristen machen sich gezielt auf den Weg. Auch an diesem Tag. Zwischen den Palisaden meint einer der Radler: „Ist sehr schön gemacht.“ Koch hört es mit Freude.