SPD, Republikaner, FDP ... und jetzt die AfD

Martin Reichardt stammt aus Goslar (Niedersachsen), heute lebt er in Hermsdorf (Kreis Börde). Reichardt ist verheiratet und hat drei Kinder (15, 13 und 4 Jahre alt).

Der 47-Jährige studierte an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg Pädagogik und war mehr als zwölf Jahre bei der Bundeswehr, unter anderem als Offizier bei der Panzertruppe. 2001 wechselte Reichardt in die Wirtschaft. Er ist leitender Angestellter im Bereich der Bau- und Sicherheitsbranche.

Seit Frühjahr 2015 ist Reichardt Mitglied in der AfD, zuvor war er Mitglied in der SPD, bei den Republikanern und bei der FDP. Im März wurde er zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gewählt. Er setzte sich mit 142 Stimmen gegen Andreas Kühn (102 Stimmen) und Uwe Scheidemann (19 Stimmen) durch.

Volksstimme: Herr Reichardt, Sie waren bereits Mitglied bei der SPD, den Republikanern und bei der FDP. Nun wollen Sie für die AfD in den Bundestag. Versuchen Sie, eine politische Karriere zu erzwingen?

Martin Reichardt: Nein. Ich habe über Jahre eine politische Heimat gesucht. Ich war schon immer ein politisch denkender Mensch, mein Vater ist seit 40 Jahren Mitglied in der SPD. Wir haben zu Hause viel diskutiert. Ich bin sozial und patriotisch – doch das Patriotische habe ich bei der SPD in meiner Jugendzeit vermisst. Mit den Republikanern hat es auch nicht gepasst, die FDP wurde mir irgendwann zu beliebig. Erst bei der AfD bin ich wirklich fündig geworden.

Wie hat Ihr Vater reagiert, als Sie 2015 in die AfD kamen?

Ach, meine Entscheidung hat einfach das wieder aufleben lassen, was die Beziehung zu meinem Vater schon immer geprägt hat: politische Diskussionen.

Hat er Ihnen zur Wahl als AfD-Spitzenkandidat gratuliert?

Wir haben darüber gesprochen. Es freut einen Vater natürlich, wenn ein Sohn etwas erreicht. Dass er das Ganze politisch kritisch sieht, liegt in der Natur der Sache.

Warum sind Sie in die AfD eingetreten?

Ich habe mich lange mit Bevölkerungsentwicklung beschäftigt. Ich war schon immer der Meinung, dass wir in Deutschland auf eine Katastrophe zusteuern. Wir haben aktuell einen Sterbeüberhang von bis zu 200.000 Menschen pro Jahr – das können wir als Gesellschaft auf Dauer so nicht auffangen. Wir merken das ja schon jetzt in den Sozialsystemen, zum Beispiel bei der Rente. Das wird irgendwann zu Verwerfungen führen, diese Entwicklung gefährdet den sozialen Frieden. In dieser Zeit bin ich auf eine Aussage von Björn Höcke gestoßen, der ebenfalls von einer „Bevölkerungskatastrophe“ sprach. Das hat mich beeindruckt. Denn die Politik muss den Menschen die Wahrheit sagen.

Wäre es angesichts dieser Entwicklung nicht sinnvoll, Menschen nach Deutschland zu lassen, um das System wieder auszugleichen?

In Deutschland wird die Frage der Einwanderung auf tragische Weise mit der Asylproblematik vermischt. Über ein geordnetes Verfahren, das sich an den Interessen des aufnehmenden Landes orientiert, kann man sprechen. Asylmissbrauch aber lehnen wir ab. Ungeordnete Masseneinwanderung schafft neue Probleme, statt alte zu lösen.

Höcke ist selbst in Ihrer Partei sehr umstritten, es läuft ein Ausschlussverfahren. Er hat eine 180-Grad-Wende der deutschen Erinnerungskultur gefordert und sich doppeldeutig zum Holocaust-Mahnmal geäußert. Ist er noch tragbar?

Ich sehe die Rede kritisch, er hat einen Fehler gemacht. Er hat sich entschuldigt, deswegen finde ich das Ausschlussverfahren unangemessen. Die Partei benötigt ihn. Er spricht viele Dinge sehr pointiert und klar an.

Höcke gilt als Rechtsaußen, auch AfD-Landeschef André Poggenburg unterstützt ihn. Würden Sie sich ebenfalls diesem Flügel zuordnen?

Ich spreche nicht so gern über Flügel, sondern lieber über Politikfelder. Ich bin Sozial- und Familienpolitiker – insofern sehe ich mich in der Mitte. Für einen strammen Rechtskurs stehe ich nicht.

In Sachsen-Anhalt ist die Partei zerstritten. In einer Chatgruppe haben Mitglieder zum Sturz des Landesvorstands aufgerufen, dem auch Sie angehören. Wie wollen Sie es schaffen, bis zur Bundestagswahl wieder geschlossen aufzutreten?

Ich möchte Spitzenkandidat der gesamten Partei sein. Ich werde mich deshalb für eine moderate Linie bei der Aufarbeitung dieser Vorgänge einsetzen, wie auch Herr Poggenburg. Natürlich sind einige Mitglieder in dieser Sache schwer über das Ziel hinausgeschossen, über die Konsequenzen muss der Landesvorstand noch beraten, und es muss in den Fällen Sanktionen geben. Aber es ist auch unser Auftrag, dass wir die Mitglieder wieder zusammenbringen und geschlossen in den Wahlkampf gehen.

Der Parteitag hat Ihnen Landes- und Fraktionschef Poggenburg als „Spitzenwahlkämpfer“ vor die Nase gesetzt. Das gibt es bei keiner anderen Partei. Trauen Ihnen die Mitglieder nicht zu, ein gutes Wahlergebnis einzufahren?

Das glaube ich nicht. Wir haben das im Landesvorstand lange besprochen, und ich bin froh über seine Unterstützung. Es ist nun mal so, dass André Poggenburg das Gesicht der Partei in Sachsen-Anhalt ist. Er ist bekannt wie kein anderer und hat die AfD zu diesem fantastischen Wahlergebnis bei der Landtagswahl geführt. Deswegen ist das eine wichtige und richtige Entscheidung.

Welches Wahlergebnis geben Sie für Ihre Partei in Sachsen-Anhalt als Ziel aus?

20 Prozent plus X wären ein gutes Ergebnis.

In jüngsten Umfragen ist die AfD bundesweit auf 8 Prozent gefallen. Sind die Hochzeiten der AfD bereits vorbei?

Eine Erklärung dafür ist, dass die SPD einen Höhenflug erlebt, seit Martin Schulz Kanzlerkandidat ist. Zum Zweiten muss ich aber auch sagen, dass ich solche Umfragen mit Vorsicht genieße. In der empirischen Sozialforschung gibt es viele Unwägbarkeiten. Deswegen sollte man das nicht überbewerten. Wir sind am Anfang des Wahlkampfs. Unser Ziel ist, drittstärkste Kraft zu werden.

Ist die CDU mittelfristig ein möglicher Koalitionspartner für die AfD?

Vielleicht wird es diese Möglichkeit irgendwann mal geben. Im Moment sehe ich das nicht. Die CDU müsste sich dafür zuerst wieder auf ihre Wurzeln besinnen und eine patriotischere, dem eigenen Volk zugewandte Politik machen wollen. Mit Merkel an der Spitze ist das unmöglich.