Magdeburg l Noch ist die Einführung eines Rechts auf Homeoffice für Arbeitnehmer in Deutschland ungewiss. Das Bundeskanzleramt sieht einen entsprechenden Entwurf von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der ein Recht auf 24 Tage Homeoffice pro Jahr vorsieht, als nicht geeignet für die weitere Abstimmung zwischen den Bundesministerien an. Ohne eine solche Ressortabstimmung wäre die Gesetzesinitiative gescheitert. Der Deutsche Gewerkschaftsbund in Sachsen-Anhalt begrüßt die Gesetzesinitiative zum mobilen Arbeiten und fordert die Union auf, das Vorhaben nicht scheitern zu lassen.

„Der Bedarf und der Anspruch an mobiles Arbeiten haben durch die Corona-Pandemie einen richtigen Schub bekommen“, sagt DGB-Landeschefin Susanne Wiedemeyer. Deshalb brauche es gesetzliche Regelungen, um arbeitsschutzrechtliche und technische Anforderungen an einen mobilen Arbeitsplatz zu definieren. „Dort, wo es möglich ist, sollen Beschäftigte selbstbestimmt von zu Hause aus arbeiten können“, so Wiedemeyer.

Auch ohne Gesetz, gehört das Arbeiten von zu Hause für viele Arbeitnehmer im Land längst zum neuen Berufsalltag. „Homeoffice ist die neue Normalität“, sagt Irina Böckelmann, die den Bereich Arbeitsmedizin an der Otto-von-Guericke-Universität leitet.

Allein an der Uni Halle machen derzeit 800 von 1665 Beschäftigten aus dem nichtwissenschaftlichen Bereich von der Möglichkeit Gebrauch, daheim zu arbeiten. Für wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren ist es ohnehin immer schon üblich, dass diese von zu Hause arbeiten – und zwar völlig flexibel. „Laut ersten Umfragen nehmen viele Beschäftigte das Angebot des Homeoffice als positiv wahr, vor allem in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, sagt Sprecherin Manuela Bank-Zillmann.

Umdenken in den Kreisverwaltungen

Diese Erfahrung hat man auch bei den Magdeburger Vérkehrsbetrieben (MVB) gemacht. 90 vorrangig in der Verwaltung tätige Mitarbeiter können hier von der Regelung, mehrere Tage in der Woche nicht im Büro, sondern mobil zu arbeiten, Gebrauchmachen. „Wir gehen davon aus, dass dadurch die Mitarbeiterzufriedenheit steigt“, sagt Sprecher Tim Stein.

Auch in den Kreisveraltungen im Land findet ein Umdenken statt. So haben derzeit beispielsweise im Salzlandkreis 300 von 860 Beschäftigte die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Dafür stellt der Landkreis den Mitarbeitern Laptops, PCs und Telefone zur Verfügung. „Wir haben in den vergangenen Monaten gute Erfahrungen gesammelt und wollen unsere digitalen Möglichkeiten ausbauen“, sagt Landrat Markus Bauer. Geplant ist die Aufnahme von mobiler Arbeit ins Dienstrecht der Verwaltung. „Mitarbeiter, für die Telearbeit in Frage kommt, können mit individuellen Vereinbarungen Beruf und persönliche Lebenssituation besser aufeinander abstimmen“, beschreibt der Verwaltungschef die ergänzende Form der Arbeitsorganisation, die nicht auch als ein Beitrag zur Haushaltskonsolidierung zu verstehen ist.

Mit der Corona-Pandemie hat sich das Büro vieler Angestellter längst in die heimischen vier Wänden verlagert. Laut einer Studie der DAK Gesundheit, an der 7000 Erwerbstätige vor und während der Pandemie teilnahmen, gaben 59 Prozent der Befragten an, daheim produktiver zu arbeiten. „Auch ich habe bei meinem Mitarbeitern beobachtet, dass sie im Homeoffice eher noch mehr arbeiten. Wichtig ist, dass auch hier Pausen eingehalten werden“, sagt auch Irina Böckelmann.

Eine Beobachtung, die man auch in der Kreisverwaltung im Burgenlandkreis gemacht hat. „Leicht entsteht eine Vermischung von Beruf und Familie, so dass die Tätigkeiten ständig präsent sind“, sagt Sprecher Timo Jänig. Der Wunsch der Angestellten nach mehr Flexibilität durch mobiles Arbeiten ist auch hier gestiegen. In der Kreisverwaltung nutzten bis März 79 Bedienstete die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, zwischen Ende März und Ende Mai waren es bereits 320 Mitarbeiter. „Die Heimarbeit erfolgte vorrangig mit wechselnden Diensten, tageweise oder wochenweise zwischen Arbeit im Amt und zu Hause im festen Rhythmus“, so Jänig. „Viele Bedienstete möchten das Homeoffice weiter ausüben.“

Doch nicht immer ist es möglich, das Büro in die heimischen vier Wände zu verlagern. Bei der Deutschen Bahn, dem größten Arbeitgeber im Land, arbeiten allein 5000 von den 7300 Mitarbeitern in Berufsgruppen, „die im operativen Bereich für unsere Kunden unterwegs sind und deren Tätigkeiten sich nicht in Form von mobilem Arbeiten durchführen lassen“, so eine Sprecherin.

Und auch bei der Deutschen Post, die rund 5100 Mitarbeiter im Land beschäftigt, ist es eher schwierig, das mobile Arbeiten zu ermöglichen. „Die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter sind in den Bereichen Brief- und Paketlogistik tätig“, sagt Sprecherin Anke Blenn. „Homeoffice ist in diesen Arbeitsbereichen kein relevantes Thema, da das Händeln von Briefen und Paketen natürlich zwingend eine physische Präsenz der Kollegen vor Ort erfordert.“

Bei den Richtern und Staatsanwälten wäre Homeoffice durchaus realisierbar, jedoch verhindert hier die mangelhafte Digitalisierung ein mobiles Arbeiten. „Die Corona-Krise offenbart: Die Justiz des Landes steckt technisch im Mittelalter. Videokonferenzen in den Gerichten und bei den Staatsanwälten sind auch sechs Monate nach Beginn des ersten Lockdowns nicht möglich. „Ein Armutszeugnis im Jahr 2020“, hatte Christian Hoppe, Landesvorsitzender des Bundes der Richter und Staatsanwälte, kürzlich gesagt. Bis auf wenige Ausnahmen gebe es keine Dienstrechner für Richter und Staatsanwälte. Ferner bestehe keine technische Möglichkeit, von zu Hause aus auf die Computerfachprogramme in den Büros der Gerichte und Staatsanwaltschaften zuzugreifen. „Von einem echten Homeoffice kann nicht im Ansatz die Rede sein“, beklagt Hoppe.