Magdeburg l „Alle Jahre wieder“ – mit diesen Textzeilen von Wilhelm Hey beginnt nicht umsonst eines der bekanntesten Weihnachtslieder überhaupt. Schließlich ist Weihnachten seit seinen Ursprüngen im vierten Jahrhundert auch ein Fest der liebgewonnenen Rituale und Gewohnheiten. Eine Feier ohne Plätzchenbacken, Christbaum und Geschenke? Undenkbar. Einfach unter den Gabentisch fallen werden diese Dinge also auch 2020 nicht.

Zugleich ist klar, dass Corona auch vor dem höchsten christlichen Fest keinen Halt macht. Erst die Verunsicherung bei weiten Teilen der Bevölkerung, was die privaten Feiern im Familienkreis angeht, dann die Frage: Können in diesem Jahr überhaupt Weihnachtsgottesdienste veranstaltet werden? Sachsen-Anhalts Kirchen versuchten, sich auf die Situation einzustellen und alternative Konzepte zu entwickeln, damit auch in diesem Jahr niemand auf Momente gemeinsamer Besinnung verzichten muss.

Die Beschlüsse zu einem erneuten Lockdown ab dem 16. Dezember bedeuteten für die Gemeinden einen weiteren Stresstest. Viele Pläne ließen sich vor dem Hintergrund der noch härteren Bestimmungen schlicht nicht realisieren. Krisenstäbe wurden innerhalb der Landeskirchen gebildet, den Gemeinden freigestellt, Gottesdienste in diesem Jahr abzusagen.

Während einige sich für ebendiese Lösung entschieden, disponierten andere in Windeseile noch einmal um. Kurz vor dem heiligen Abend sind die Vorbereitungen in den meisten Gemeinden abgeschlossen: Entstanden ist ein lokal sehr unterschiedliches Nebeneinander von Entwürfen, das in seiner Vielfalt so bunt schillert wie die Dekoration am Weihnachtsbaum.

Keine Einheitslösungen in den Gemeinden

„Am Ende musste jede Gemeinde selbst entscheiden, wie sie vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Standortvoraussetzungen mit dem Infektionsrisiko umgeht“, sagt Friedemann Kahl, Sprecher der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM). Grundsätzlich gelte, dass es für die Weihnachtsgottesdienste – wie für vieles in diesem Jahr – keine pauschalen Lösungen gebe. Die Palette der entwickelten Formate reiche von verkürzten Gottesdiensten über Freiluftveranstaltungen bis hin zu digitalen Feiern und anderen kreativen Lösungen.

„Natürlich ist es eine große Herausforderung, aber ich habe den Eindruck, dass die Gemeinden das gut hinbekommen haben“, meint auch Susanne Sperling, Sprecherin des Bistums Magdeburg. Da die Kirchen bereits seit Monaten unter Corona-Bedingungen arbeiten würden, gebe es inzwischen unterschiedliche Konzepte, wie mit der Situation umgegangen werden könne. Sperling empfiehlt den Besuchern deshalb, sich vorab zu informieren, was an ihrem Wohnort jeweils angeboten wird.

Gemeinden, die an einer traditionellen Christvesper in der Kirche festhalten wollen, würden zum Beispiel Gottesdiensten in abgespeckter Form anbieten, erklärt Friedemann Kahl. Konkret heißt das: Eine Messe sollte nicht länger als 30 Minuten dauern, dafür werden oft gleich mehrere Veranstaltungen hintereinander abgehalten. Für diese Gottesdienste im Schichtsystem wurden jeweils strenge Hygienekonzepte entwickelt, um das Risiko so gering wie möglich zu halten.

So gelten bei den Gottesdiensten überall die inzwischen bekannten Regeln: Mindesabstände müssen eingehalten werden, es herrscht durchgehend Maskenpflicht, Besucher müssen Kontaktbögen ausfüllen. Neu ist, dass die Gottesdienstbesucher in diesem Jahr vollständig auf das gemeinsame Singen verzichten müssen. Zudem wurde die Zahl der zugelassenen Besucher der jeweiligen Größe des Gotteshauses angepasst.

Im Magdeburger Dom wird es neben der Kinderchristvesper um 15 Uhr auch Christvespern um 16.30 Uhr und 18 Uhr sowie die Christnacht um 23 Uhr geben. Die Teilnahme an den Gottesdiensten ist hier jedoch auf 300 Personen begrenzt und nur mit einer entsprechenden Teilnehmerkarte möglich. Zum Vergleich: In der Vergangenheit wurden zu den Nachmittagsgottesdiensten jeweils um die 4000 Teilnehmer erwartet.

Ticketsysteme für die Vorab-Anmeldung

Solche Ticketsysteme – mal können die Karten abgeholt, mal telefonisch oder online bestellt werden – haben sich überall durchgesetzt, wo Präsenzgottesdienste veranstaltet werden. „Durch eine solche Voranmeldung sollen Enttäuschungen vermieden werden“, sagt Friedemann Kahl. Das liegt auch Susanne Sperling am Herzen: „Wir bitten alle Menschen dringend darum, sich vor den Gottesdiensten anzumelden.“

In einigen Städten waren im Vorfeld auch Freiluftveranstaltungen auf zentralen Plätzen als Alternative zu Gottesdiensten in der Kirche geplant worden. Doch gerade diese gestalteten sich mit dem erneuten Lockdown oft schwierig in der Umsetzung, so dass mit wenigen Ausnahmen die meisten Messen an der frischen Luft am Ende wieder abgesagt wurden.

So auch in Halberstadt (Landkreis Harz), wo die Kirchenverantwortlichen die für den 24. Dezember geplanten Christvespern auf dem Domplatz kurzfristig wieder zurückzogen. „Angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens wäre eine Christvesper mit bis zu 500 Menschen auf dem Domplatz ein falsches Signal“, begründete Torsten Göhler, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde, die Entscheidung.

Stattdessen setzen die Halberstädter nun auf das Konzept der offenen Kirchen, das es auch in vielen anderen Orten in Sachsen-Anhalt geben soll. Dafür werden die Kirchen der Stadt am Heiligen Abend zu bestimmten Zeiten für die stille Andacht geöffnet. Aus vielen Kirchen kann das Friedenslicht aus Bethlehem mitgenommen werden. Die Sakralbauten werden weihnachtlich geschmückt und von Kerzen beleuchtet, in manchen Gotteshäusern werden zudem Orgelmusik oder Lesungen der Weihnachtsgeschichte zu hören sein.

Auch in Haldensleben (Landkreis Börde) fiel die geplante Andacht auf dem Marktplatz ins Wasser. Damit gaben sich die Kirchenverantwortlichen indes nicht zufrieden und hatten für diesen Fall schon im Vorfeld eine kreative Ausweichmöglichkeit entwickelt. Wie Pfarrer Matthias Simon berichtet, plane man stattdessen einen mobilen Gottesdienst. Hierzu will der Pfarrer gemeinsam mit Kirchenmusikern auf der Ladefläche eines Lkws durch den Ort fahren, um an verschiedenen Anlaufpunkten Musik zu machen und die Weihnachtsbotschaft zu verkünden. „Ein bisschen wie der Nikolaus, der umhergeht und für Überraschungen sorgt“, sagt der Pfarrer.

Besinnung per Übertragung im Internet

Doch was ist eigentlich mit denjenigen, die keinen Platz in der Kirche mehr ergattern konnten, oder sich aus Sicherheitsgründen selbst beschränken wollen? Hier könnten digitale Angebote eine Alternative sein.

So produzierte das Bistum Magdeburg eine eigene Krippenspielverfilmung, die am 24. Dezember auf der Videoplattform Youtube zu sehen sein wird. Um 22 Uhr wird es dort zusätzlich eine Liveübertragung der Messe mit Bischof Gerhard Feige aus der Magdeburger Kathedrale St. Sebastian geben. Am 25. Dezember wird das Weihnachtspontifikalamt um 10 Uhr aus der Kathedrale St. Sebastian gesendet. Ein weiterer Vorteil der Online-Variante: „Das Ganze ist zu hundert Prozent barrierefrei“, sagt Bistums-Sprecherin Susanne Sperling.

Ähnliche Aktionen gibt es auch an anderen Orten. So zum Beispiel in Stendal, wo die Weihnachtsandacht aus dem Dom voraufgezeichnet und an Heiligabend auf dem Offenen Kanal Stendal übertragen wird. Der Evangelische Kirchenkreis Magdeburg bereitet ebenfalls eine Fernsehübertragung der Christvesper aus der Nicolaikirche vor, die Heiligabend um 16 und um 18 Uhr im Offenen Kanal ausgestrahlt und danach auch via Mediathek im Internet verfügbar gemacht werden soll. Mit dabei sind unter anderem der Posaunenchor Neustadt-Bläser, Kreiskantor KMD Michael Scholl, der Kammerchor der Biederitzer Kantorei, Kirchenmusikerin Sandra Schilling, Samuel Gille mit der Oboe, Lektorin Sabine Bühnemann, Superintendent Stephan Hoenen und Pfarrer Johannes Möcke.

Andere Gemeinden haben Hörgottesdienste mit Gesang und Predigten produziert, die auf CD erhältlich sind, oder ihre Mitglieder Videos einschicken lassen, die dann zu kleinen Weihnachtsfilmen zusammengeschnitten wurden. Weitere Ideen, die in den Gemeinden entwickelt wurden: Zum Beispiel ein „Weihnachten to go“, wie in Wernigerode, bei dem Konfirmanden und Gemeindeglieder unterwegs sind, um den Älteren Engel zu schenken, oder Verabredungen zum gemeinsamen Singen über die Distanz hinweg zu bestimmten Uhrzeiten. Weihnachten 2020, das zumindest lässt sich sagen, bestätigt einmal mehr das Sprichwort, nachdem Not erfinderisch macht.

Eine besondere Aktion – diesmal ganz analog – hat sich auch der Kirchenkreis Egeln im Salzlandkreis ausgedacht. „Vor sechs bis acht Wochen wussten wir noch nicht, was passieren wird. Wir dachten, dass Kirchgänge eventuell verboten werden“, sagt Annett Bohse-Sonntag vom Kirchenkreis. Außerdem habe man bei dem erwarteten Ansturm an Weihnachten auch niemanden ausladen wollen.

Kurzerhand befüllten die Mitglieder in den vergangenen Wochen rund 14 000 Briefumschläge mit illustrierten Geschichten, Auszügen aus dem Lukas- und Matthäus-Evangelium, Segenskärtchen und einem Türanhänger. Über einen ebenfalls enthaltenen QR-Code lässt sich zudem ein Video einer Lesung mit musikalischer Begleitung aufrufen. Mit diesem Starterpaket könnten die Menschen dann ihre eigene kleine Weihnachtsfeier selbst gestalten – ganz besinnlich daheim, im engsten Familienkreis.

Auch in vielen anderen Kirchen – so etwa in Genthin (Landkreis Jerichower Land) – liegen in den Kirchen und Gemeindebüros kleine Hefte oder Faltblätter mit Anleitungen für Familiengottesdienste zu Hause aus. Die darin enthaltenen Texte, Gebete, Lieder und Bibelgeschichten bieten genug Inspiration für die eigene Gestaltung des Heiligen Abends.

Die Vielfalt des Angebots und die Kreativität der Gemeinden zeigen, dass ein Weihnachten ohne Gottesdienst vielerorts schlicht undenkbar erscheint. Allzu still wird die Stille Nacht in diesem Jahr also nicht werden. Und doch – das zeigt sich im Krisenjahr 2020 ganz deutlich – ist die weihnachtliche Ruhe keineswegs selbstverständlich. 2021 wieder mit der Familie in die Kirche gehen zu können, ohne Angst, sich dabei einem Infektionsrisiko auszusetzen – ein Weihnachtswunsch, der in diesem Jahr wohl seinen Weg auf viele Wunschzettel finden wird.