Magdeburg l Jahr für Jahr verkündet der katholische Wohlfahrtsverband Caritas die gleiche Botschaft: In Sachen Schulabgänger ohne Abschluss gehört Sachsen-Anhalt in Deutschland zu den Schlusslichtern. Bei 9,9 Prozent lag die Quote im Jahr 2015 – deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 5,9 Prozent.

Regional sieht es sehr unterschiedlich aus: Während in Mansfeld-Südharz mehr als 15 Prozent keinen Hauptschulabschluss schaffen, sind es im Landkreis Harz (7,9) und in der Börde (7,8) deutlich weniger.

Dutzende Hilfsprogramme und Förderungen hat das Bildungsministerium in den vergangenen Jahren angeschoben: Elternveranstaltungen, den Ausbau der schulpsychologischen Beratung sowie von Schülerbetriebspraktika, Lehrer­fortbildungen, den Aufbau eines Schulsozialarbeiterprogramms – doch durchschlagenden Erfolg brachte das bisher nicht. Die Schulabbrecherquote konnte im Vergleich zum Jahr 2009 nur minimal gesenkt werden (damals 12 Prozent).

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Mecklenburg-Vorpommern hat Quote halbiert

Das Land Mecklenburg-Vorpommern, welches mit ähnlichen strukturellen Voraussetzungen zu kämpfen hat, konnte sich dagegen im gleichen Zeitraum von 15,8 Prozent auf acht Prozent verbessern. Was also läuft schief in Sachsen-Anhalt?

Eine stichhaltige Erklärung kann das Haus von Bildungsminister Marco Tullner (CDU) nicht liefern. „Die ergriffenen Maßnahmen entfalten natürlich keine kurzfristige Wirkung“, sagt ein Sprecher auf Anfrage der Volksstimme. Die Ursachen für die hohe Quote seien „multikausal“. „Sie werden nicht gesondert erfasst.“ Man vermute das Zusammenwirken von „lokalen Situationen, schulspezifischen Bedingungen und bildungsbiografischen Zusammenhängen“.

Die Opposition im Landtag wird da deutlicher. Birke Bull-Bischoff (Die Linke) sagt: „Wir stecken zu wenig Ressourcen in Bildung!“ Es gebe noch nicht überall Schulsozialarbeiter, außerdem würden allerorten Lehrer fehlen. „Solange die Landesregierung hier nicht investiert, haben wir das Problem immer an der Backe“, sagt Bull-Bischoff. Die AfD hingegen fordert, dass die Politik auf „mehr Leistungswillen und mehr Disziplin“ in der Gesellschaft hinwirken soll.

CDU und SPD, die seit mehr als zehn Jahren Teil der Landesregierung sind, weisen diese Vorwürfe zurück. Man habe zuletzt besonders in die Schulsozialarbeit (Programm „Schulerfolg sichern“) investiert, argumentieren sie.

SPD stellt Förderschulen infrage

400 Sozialpädagogen sind an 350 Schulen im Land unterwegs. Sie sollen diejenigen motivieren, die keine Perspektive sehen, und Kontakte zu Eltern, Behörden und Beratungseinrichtungen pflegen, damit die Jugendlichen aus ihrem Umfeld die größtmögliche Unterstützung erhalten. Angela Gorr (CDU) ist überzeugt: „Unsere Anstrengungen tragen Früchte.“ Der letzte Platz sei nicht zufriedenstellend, „aber es sind Fortschritte zu erkennen“, sagt sie mit Blick auf die leicht verbesserte Quote. Trotz der Hilfsprogramme werde es aber immer Kinder geben, die keinen Schulabschluss schaffen werden, so Gorr.

Während die CDU deshalb eine „Inklusion mit Augenmaß“ fordert, stellt die SPD die hohe Anzahl an Förderschulen infrage. Denn auch die Schüler, die Förderschulen mit einem Abgangszeugnis verlassen, werden nach den Vorgaben der Kultusministerkonferenz statistisch als Schulabbrecher geführt. Mecklenburg-Vorpommern hat deshalb an vielen Standorten ein freiwilliges zehntes Schuljahr eingerichtet, damit die Förderschüler nahezu flächendeckend die Chance haben, die Berufsreife zu erlangen. Das hat dazu geführt, dass die Schulabbrecherquote deutlich gesenkt werden konnte.

In Sachsen-Anhalt besuchen aktuell mehr als fünf Prozent der Schüler eine Förderschule – bundesweit sind es nur 3,8 Prozent. Angela Kolb-Janssen (SPD) fordert: „Die Kinder, die einen Hauptschulabschluss schaffen können, sollten die Schule wechseln.“

Die Grünen sehen das ähnlich, wollen aber einen anderen Weg. Sebastian Striegel sagt: „Wir brauchen mehr inklusive Gemeinschaftsschulen und auch das Personal dafür. Wenn wir nichts tun, zementieren wir hier die sozialen Probleme der nächsten Jahre.“ Ohne Schulabschluss sei es ganz schwer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Das Thema dürfte in der schwarz-rot-grünen Koalition noch für reichlich Gesprächsstoff sorgen. Striegel attackiert den Bildungsminister: „Es ist die Aufgabe von Herrn Tullner, das Problem zu lösen. Er ist nicht so machtlos, wie er es manchmal darstellt.“