Burg l 30 Jahre sind vergangen, aber manche Dinge ändern sich eben nie. Katrin Elenberger bezeichnet sich selbst noch immer als „die Ruhige“, Enrico Stiller ist auch drei Jahrzehnte später noch der, der alle zum Lachen bringt und Heiko Neumann – ohne dass es irgendjemand aussprechen muss – der Redseligste der Gruppe.

Klassentreffen. Zehn ehemalige Schüler der Polytechnischen Oberschule „Clara Schwab“ sind gekommen. Abschlussklasse 1989. Ein besonderer Jahrgang. So wollen es die Geschichtsbücher. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde der Begriff „Freiheit“ von heute auf morgen für mehr als 16 Millionen DDR-Bürger neu definiert. An diesem Samstagabend sitzen in der Burger Gaststätte „Zum Goldbroiler“ also die Jugendlichen von damals, die über Nacht einen Bauchladen voller Möglichkeiten umgeschnallt bekamen. Den Abschluss gerade in der Tasche, die Grenze offen.

Doch was nach einem guten Einstieg für die Geschichte einer Gruppe abenteuerlustiger Jugendlicher klingt, sah in der Realität anders aus.

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Fast alle leben in und um Burg

Von den zehn Anwesenden lebt nur André Koschnitzke seit 2006 in Peine und damit in den alten Bundesländern. Alle anderen „Ehemaligen“ wohnen und arbeiten noch heute in und um Burg. Die Frage nach der vermeintlich großen Neugier vor 30 Jahren, nach der Lust, das zu entdecken, was hinter dem Todesstreifen lag – die quittiert Heiko Neumann mit einem Schulterzucken. „Naja, klar war man mal drüben, um zu schauen“, sagt er. „Aber wirklich anders war es im Westen ja auch nicht.“ Katrin Elenberger nickt. „Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen.“

Auch wenn der Begriff Grenz-öffnung etwas anderes andeutet, seien die Möglichkeiten eben doch „begrenzt“ gewesen, sagt Heiko Neumann. „Es gab ja, so war man es von der DDR gewohnt, einen klaren Plan für die eigene Zukunft“, so der 46-Jährige. Die geografische Freiheit, die war 1989 und in den Folgejahren noch längst nicht im privaten Leben des Einzelnen angekommen, da sind sich alle einig. Und ohnehin sei die Grenzöffnung so plötzlich gekommen, „hätte man ein halbes Jahr vorher gewusst, dass die Grenzen geöffnet werden, hätte man sich beruflich vielleicht anders orientiert“, sagt er. Doch der eigene Plan, der war im Spätsommer 1989 längst geschmiedet. Heiko Neumann machte seine Ausbildung zum Herrenschneider, Katrin Elenberger wurde Zahntechnikerin, arbeitet heute als Laborantin. Auch Carolin Enge erklärt maximal pragmatisch: „Wir waren mit der Klasse mal im Labor, haben uns das angeschaut, also hab ich kurze Zeit später dort meine Ausbildung angefangen. So lief das eben damals.“ Punkt. Kurzes Schulterzucken. Wieder. Eine Geste, die an diesem Abend häufig auftaucht und veranschaulicht: Das war halt damals so. „Wir kannten ja nichts anderes“, so Carolin Enge.

Und das scheint, so der Eindruck, nicht nur okay gewesen zu sein für alle Anwesenden. „Das Schulsystem war damals schlichtweg besser“, sagt Michaela Harzer. Sie selbst ist Lehrerin. Sie vermisst die Strenge von damals. Zensuren in der ersten Klasse. Die Pflicht, seine Hausaufgaben zu erledigen. „Heute geht es nur noch um die große Individualität der Schüler, alles wird dem untergeordnet“, kritisiert sie. „Aber eigentlich bedeutet das nur, dass Schüler machen können, was sie wollen.“ Dass sich die Gruppe, der „harte Kern“, wie Heiko Neumann sagt, noch immer alle fünf Jahre trifft, „das wäre doch heute kaum noch möglich“, ist er sich sicher. Wie damals üblich, durchliefen Heiko Neumann und seine Schulkameraden von der ersten bis zur 10. Klasse alle Stufen gemeinsam. „Wir hatten ein Gemeinschaftsgefühl, das es heute kaum mehr gibt.“

Die sozialistische Einheitsschule, das war die Polytechnische Oberschule (POS), die alle DDR-Schüler bis zur 8. oder 10. Klasse besuchen mussten. Durch großen Praxisbezug sollten neue Arbeitskräfte für die Produktionsbetriebe ausgebildet werden. In der Bundesrepublik hingegen war es den Ländern nach dem Grundgesetz erlaubt, eigene Schulsysteme zu integrieren. Die meisten Länder jedoch setzten auf das dreigliedrige Schulsystem, bestehend aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Jene Schulform also, die nach der Wende auch für die neuen Länder übernommen wurde. Nach der Wende wurde die „Einheitsschule“ der DDR von vielen westdeutschen Experten verpönt. Die politische Einstellung, die allen Schülern im Unterricht verinnerlicht werden sollte, der Fahnenappell, Wehrkunde – der sozialistische Rahmen überschattete alles. „Lehrkräfte standen in der DDR unter dem Druck, neben den schulischen Inhalten auch die durch den Staat vorgegebenen Prinzipien zu vermitteln“, sagt Eva Gerth, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen-Anhalt. „Aus heutiger Sicht war das Schulsystem nicht inklusiv, ausgegrenzt wurden nicht nur die mit einer anderen politischen Meinung, sondern auch Kinder und Jugendliche mit Behinderungen.“

Anspruchsvollerer Unterricht

„Man hat schon gemerkt, dass wir politisch ein wenig orientiert werden sollten“, sagt auch Katrin Elenberger. Schulterzucken. „Aber wir wurden nie politisch eingeschüchtert“, ergänzt Heiko Neumann. Der Unterricht, der sei anspruchsvoller gewesen damals. Auch André Koschnitzke glaubt das. „Wenn ich meinen Sohn heute frage, wie es mit den Bodenschätzen in den USA aussieht, hat er keine Ahnung“, nennt er ein Beispiel. „Wir wurden damals viel umfassender unterrichtet.“ Und die Einheitsschule, sagt Heiko Neumann, „die war richtig gut, weil jeder den gleichen Wissensstand hatte“. Der praxisnahe Unterricht mit Fächern wie Produktive Arbeit (PA), in denen die Jugendlichen in Betrieben arbeiteten, sei wichtig gewesen. „Dadurch sind wir schnell selbstständig geworden“, sagt Michaela Harzer. „Ich kann heute allein einen Nagel in die Wand hauen, viele Jugendliche können das nicht mehr.“

Auf die Frage, ob es im DDR-Schulsystem auch negative Dinge gab, antworten alle Anwesenden mit einem Schweigen. An das Fach Wehrkunde, das von 1978 bis 1989 als verpflichtend an allen Oberschulen galt, will sich kaum jemand erinnern. Heiko Neumann lehnt sich zurück, viel sagen will er dazu nicht. Nur mühselig kramen seine alten Schulkameraden Erinnerungen zusammen. „Wir hatten eine Art vormilitärische Ausbildung, ja, das stimmt“, sagt André Koschnitzke. „Da haben wir auch gelernt, mit einer Kleinkaliber-Waffe zu schießen.“ Jeweils eine Woche seien „die Jungs“ dafür ins benachbarte Parchau und an die Ostsee gereist.

„Wir Frauen mussten hingegen in Uniformen durch die Stadt marschieren“, erinnert sich Katrin Elenberger. Schulterzucken. „Aber das war ja nur ein kleiner Teil. Wir hatten eine schöne Schulzeit.“ Lachen. Schnell wird das Gespräch wieder in eine andere Richtung gelenkt. Kritik am System? Die will oder kann heute Abend hier niemand äußern.