Förderschulen für Lernbehinderte

In Sachsen-Anhalt gibt es Förderschulen mit verschiedenen Schwerpunkten. Eine ist die Förderschule für Lernbehinderungen (LB). Durch den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Lernbehinderung in der Grundschule haben die LB-Schulen seit 2009 viele Schüler verloren. Für einige LB-Schulen stellt sich die Existenzfrage. Derzeit gibt es landesweit noch 34 LB-Schulen. Gleichzeitig sind viele Grundschulen mit der Inklusion überfordert. Auf Beschluss des Landtags soll eine Arbeitsgruppe im Bildungsministerium bis Herbst aufzeigen, wie es für die LB-Schulen weitergeht. Geklärt werden soll unter anderem, ob man Standorte auch zusammenlegen kann. (aw)

Oschersleben l Am Ende wollte Marvin gar nicht mehr zur Schule. Während die anderen Kinder lesen und schreiben lernten, blieb er zurück. Die anderen brachten Stempel mit Smileys in den Heften nach Hause. Marvins Gesicht dagegen wurde von Tag zu Tag trauriger. „Das hat mir fast das Herz gebrochen“, erzählt Marvins Mutter Nadine Schinkel. Die Oschersleberin hätte ihrem Jungen diese Bürde gern erspart. Marvin wurde elf Wochen zu früh geboren. „Uns war klar, dass ihm das Lernen schwerfallen würde“, sagt die Mutter. Schon aus der Kita kam der Junge ein Jahr später als die Altersgenossen. Seine Eltern hätten ihn am liebsten von Anfang an in eine Förderschule für Lernbehinderte (LB) geschickt.

Bei der Einschulung stießen sie mit ihrem Wunsch allerdings auf Granit. Der Grund: Das Schulsystem in Sachsen-Anhalt sieht seit 2009 vor, dass auch Kinder mit Lernbehinderungen in den ersten beiden Jahren in der Grundschule lernen. Mit der Inklusion in der Schuleingangsphase will das Land verhindern, dass Kinder unnötig zurückfallen. Denn: LB-Förderschulen vermitteln Wissen nur auf einem niedrigeren Niveau, einen berufsqualifizierenden Abschluss erteilen sie nicht, sagt Stefan Thurmann, Sprecher im Bildungsministerium.

Die Hürden für einen Wechsel an die LB-Förderschule sind entsprechend hoch. Möglich ist er frühestens ab dem dritten Schuljahr. Damit ein Kind eine LB-Schule besuchen kann, ist zudem eine umfangreiche Diagnostik nötig. Anträge dafür können Eltern laut Bildungsministerium offiziell schon frühzeitig stellen. Marvins Mutter berichtet aber, auch hier sei sie hingehalten worden: „Der Junge holt den Rückstand auf, ziehen Sie den Antrag zurück“, habe es von der Schule geheißen.

Viele Kinder betroffen

Fälle wie der von Marvin sind in Sachsen-Anhalt keine Seltenheit. „Das Phänomen tritt flächendeckend auf“, sagt Frank Diesener, Vorsitzender des Schulleitungsverbandes. Der Ansatz sei gut gemeint: Mit der gemeinsamen Beschulung wollten die Behörden eine Entscheidung zugunsten der Kinder treffen. Tatsächlich aber sei der Effekt nicht selten ein Leidensweg für die Kinder. Betroffene reagierten mitunter heftig auf die ständig wachsende Schere zwischen Leistung und Anspruch. Zu beobachten sei die ganze Bandbreite psychosomatischer Beschwerden, angefangen bei Bauchschmerzen über Schulangst bis hin zum Einnässen.

Um Kindern wie Marvin gerecht zu werden, bleiben Grundschulen dabei keineswegs untätig. Im gemeinsamen Unterricht setzen sie auf Binnendifferenzierung. Heißt: Kinder mit unterschiedlichsten Voraussetzungen sollen von Lehrern und pädagogischen Mitarbeitern gezielt gefördert werden. Bei Marvin ging das Konzept trotz Teilnahme an einer Förderlerngruppe nicht auf. Nach fast zwei Jahren konnte er noch immer kein Wort lesen.

Mit Inklusion überfordert

Ein Grund für das Versagen: Die Grundschulen sind mit der Inklusion zunehmend überfordert, sagt Frank Diesener. Saßen anfangs nur wenige Schüler mit Förderbedarf in den Klassen, seien inzwischen zehn keine Seltenheit. Das Personal sei nicht entsprechend aufgestockt worden. So müssten Grundschullehrer heute teils mit drei, vier Vorbereitungen in eine Stunde gehen. Diesener, der selbst eine LB-Förderschule leitet, plädiert für flexiblere Lösungen. Dort, wo nach gründlicher Diagnostik ein echter Förderbedarf vorliegt, sollten Kinder auch ab der ersten Klasse in die Förderschule gehen dürfen. Diesener stellt die Inklusion dabei keineswegs infrage. „Es geht um die Abfederung von Spitzen", betont er.

Diskussionsbedarf sieht auch Bildungsminister Marco Tullner (CDU): „Inklusion ist kein Selbstzweck. Wir müssen sie vor allem vom Kind und vom Bildungserfolg her denken", sagt er. Wie es mit der Inklusion und den Förderschulen weitergeht, soll eine Arbeitsgruppe im Ministerium klären. Bis zum Herbst will sie erste Ergebnisse vorlegen.

Marvins Eltern hätten sich über flexible Lösungen schon zu einem früheren Zeitpunkt gefreut. Nach zwei Jahren in der Grundschule darf ihr Sohn nun endlich in die LB-Förderschule gehen. „Er kann inzwischen lesen und hat große Fortschritte gemacht", sagt seine Mutter. „Vor allem aber geht er jetzt gern zur Schule."