Magdeburg l Birgit Meixners Stimme hat diesen konsequent fröhlichen Unterton, den nur Optimisten ihr Eigen nennen. Auch in der Krise erwähnt sie also erst einmal das, was irgendwie gerade positiv erscheint. „Aktuell lernt man erstmal wieder die Vorzüge von so einem verschlafenen Örtchen kennen, wie wir es hier haben“, sagt die Unternehmerin. Meixner ist Chefin eines ambulanten Pflegediensts mit 25 Mitarbeitern in Zerbst im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. „Wir leben hier nicht in einem Ballungsgebiet, haben nicht so viele Corona-Infizierte, das ist momentan unser großes Glück.“

Die Perspektive einer Optimistin. Meixner könnte aktuell auch schlaflose Nächte haben, angesichts der Sorgen, die sie aus Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern umtreiben. Denn: „Die Lage ist dramatisch. Sollten sich unsere Patienten mit dem Coronavirus infizieren, haben wir keine Schutzmaterialien.“ Mehr als 12 000 Beschäftigte waren bei den rund 640 ambulanten Pflegediensten in Sachsen-Anhalt nach der Pflegestatistik des Statistischen Landesamts 2017 beschäftigt. Die Datenerhebung für 2019 ist noch nicht abgeschlossen. Mehrere tausend Pflegekräfte reisen auch in der Corona-Krise täglich zu Patienten, die zur Risikogruppe zählen. Sie tragen selbst ein großes Risiko, vor allem weil eben jene Schutzmaterialien fehlen. Das beklagt auch die Landesvertretung des Bundesverbands Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen (bad). „Schutzmaterialien können am Markt, wenn überhaupt, nur zu sehr hohen Preisen aufgerufen werden. Meist hilft nur „Vitamin B“, sagt Referent Lars Domzalski vom bad-Landesverband Sachsen-Anhalt. Er kritisiert: „Von offizieller Seite gibt es aktuell keine Unterstützung. Den angekündigten Maßnahmen des Bundesgesundheitsministeriums sind bislang keine Taten gefolgt.“

Aus einer Übersicht des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) geht hervor, dass zwischen dem 23. März und 5. April unter anderem mehr als 200 000 FFP2-Masken und knapp 9000 FFP3-Masken nach Sachsen-Anhalt geliefert wurden. Der Bund verteilt die Güter nach einem festen Schlüssel, der sich nach der Einwohnerzahl richtet. Die Verteilung der Schutzmaterialien ist dann Ländersache, lässt das BMG ausrichten. Nicht ganz. „Das Land liefert an die Landkreise und kreisfreien Städte, die entsprechend dem Bedarf vor Ort weiter verteilen und dabei insbesondere auch Pflegeeinrichtungen und die ambulante Pflege in den Blick nehmen“, erklärt Sprecherin Ute Albersmann vom Sozialministerium Sachsen-Anhalt. Darüber hinaus seien gesondert Materialien geliefert worden, wenn es konkrete Bedarfe vor Ort gab. „Ambulante Pflegedienste sollten sich insofern bei Engpässen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden“, so Albersmann.

Chefin Meixner muss auf die Frage, wie viele Schutzmaterialien sie erhalten habe, kurz lachen. „Naja, wir haben 60 FFP3-Masken bekommen, zwei Schutzkittel und 4,5 Liter Desinfektionsmittel. Wie viel das wert ist, kann man bei 25 Mitarbeitern selbst ausrechnen.“

Bei Engpässen ans Gesundheitsamt wenden

In der Corona-Krise richtete sich der Blick zuletzt vor allem auf Pflegeheime und -kliniken. Weil dort Risikopatienten zusammenleben und eine infizierte Person im schlimmsten Fall mehrere Todesfälle zur Folge hat. Die allermeisten Menschen aber werden daheim betreut. Von Pflegekräften und Angehörigen. Für 2020 sei von rund 4,3 Millionen Pflegebedürftigen auszugehen, schätzt der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP).

Mehr als drei Millionen – etwa drei Viertel – leben zu Hause, sehr oft versorgt von Angehörigen. Und zu etwa 1,2 Millionen Pflegebedürftigen kommen Fachkräfte der ambulanten Dienste nach Hause, wie VHBP-Geschäftsführer Frederic Seebohm erläutert.

In der Krise werde der ambulante Bereich stiefmütterlich wahrgenommen, findet Christoph Treiß vom NRW-Verband freie ambulante Krankenpflege. „Wir versorgen die alten, multimorbiden Menschen, die besonders anfällig sind für die Infektion. Aber wir haben fast keine Schutzkleidung.“

Ein Glücksfall

Die PflegeKunst GmbH, die in Magdeburg zwölf Mitarbeiter beschäftigt, behilft sich deshalb derzeit vor allem mit Reserven, die noch vorrätig sind. Ein Glücksfall. Denn auf Desinfektionsmittel, das vor vier Wochen bestellt wurde, wartet das Unternehmen noch heute.

„Über den Verband haben wir Atemschutzmasken erhalten, die von den Krankenkassen bezahlt werden“, sagten die Geschäftsführer Anika Templin und Angelo Schulze. Die Unterstützung sei jedoch auf ein absolutes Minimum reduziert. „Den Umfang, den wir eigentlich bräuchten, um adäquat arbeiten zu können, erhalten wir nicht. Weder vom Bundesgesundheitsministerium noch über eigene Bestellungen, da die Lieferzeiten viel zu lang sind.“ Das Einhalten von Sicherheitsabständen in der Versorgung der Patienten gestalte sich schwierig. Deshalb sei das Bewusstsein über Sicherheitsmaßnahmen sehr präsent. „Unsere Anstrengungen richten sich jetzt mehr denn je darauf, Patienten und Mitarbeiter zugleich zu schützen.“