Magdeburg l Der 15. Januar 1990 war ein schmuddlig-grauer Montag mit Nieselregen. Trotzdem sammelten sich auf dem Magdeburger Domplatz bereits am Nachmittag Tausende Menschen für die Willensbekundung am Abend. Was zu dieser Zeit noch niemand der 15 .000 Anwesenden wusste, war, dass einige Stunden später im Dom eine Abordnung von Volksstimme-Redakteuren auftauchen würde  ...

Ich war in der Wende-Zeit Redakteur in der Kreisredaktion Wanzleben. Anfang Januar 1990 rief mich ein Kollege aus Magdeburg an und teilte mir mit, dass für den 15. Januar, im Volksstimme-Haupthaus in Magdeburg eine Zusammenkunft geplant sei. Es ginge um die Frage, wie es mit der Zeitung weitergehen soll.

Immer häufiger waren bei Demonstrationen Plakate aufgetaucht, die nach einer „freien Presse“ riefen. Immer öfter zogen Demonstranten nach den Montagsdemos durch die Bahnhofstraße und drohten Richtung Hochhaus. Jedesmal wurde das Tor verbarrikadiert.

Mit gemischten Gefühlen fuhr ich zum Belegschaftstreffen nach Magdeburg. Schließlich waren wir Volksstimme-Redakteure nicht einfach nur Journalisten, vielmehr hatten wir uns die Bezeichnung „Parteijournalisten“ einbläuen lassen. Doch die Ereignisse seit dem Herbst 1989 ließen auch viele Journalisten nachdenklich werden.

Der Raum im Hofgebäude, in dem wir uns trafen, hatte etwas Konspiratives. Von der Chefredaktion waren lediglich zwei Stellvertreter, Günter Trosin und Karl-Heinz Schwarzkopf, gekommen. In der Diskussion ging es hoch her. Einige warnten davor, sich von der Partei zu lösen, doch die große Mehrheit sah darin eine Chance für die Zeitung – die einzige. Wir wollen nicht mehr die Zeitung einer Partei sein. Wir wollen überparteilich berichten, war vor allem die Meinung der Jüngeren. Journalisten, die Jahrzehnte als Genossen im guten Glauben an die hehren Ziele der SED deren Ideologie verbreitet hatten, sprachen dagegen. Die einen aus echter, zu respektierender Überzeugung, die anderen, weil sie sich in vergangenen Jahren exponiert hatten und somit befürchteten, in einer neuen Zeit ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Betroffene Gesichter

Verlagsdirektor Peter Scheibe wies auf den wirtschaftlichen Aspekt hin: „Die Partei subventioniert die Volksstimme jährlich mit rund 13 Millionen Mark. Nur so können wir die Zeitung für 15 Pfennig anbieten und die Anzeigenpreise so niedrig halten.“ Würde man sich von der Partei lossagen, fielen natürlich auch die Subventionen fort, gab er zu bedenken. Betroffene Gesichter im Rund.

Worte wie Eigenregie und Lohnverzicht machten die Runde. Das Treffen schien in eine Sackgasse geraten zu sein. Doch wieder war es der Verlagsdirektor, der sich zu Wort meldete. Es gebe da einige mögliche Konstrukte. Wenn ihn die Chefredaktion beauftrage, sich darum zu kümmern, werde er Möglichkeiten prüfen. Das Wort Chefredaktion heizte die Diskussion an. Wo die redaktionelle Leitung denn sei, wollten besonders die Kreisredakteure wissen, die etwas weiter ab vom Schuss Zeitung machten als ihre Kollegen in der Bahnhofstraße. Schweigen. Dann der hilflose Erklärungsversuch eines älteren Kollegen: „Die leitenden Genossen sind krank.“ Verhaltenes Gelächter und Bemerkungen wie: „Gerade zur richtigen Zeit.“

Wir brauchen eine arbeitsfähige Chefredaktion, war allgemeiner Konsens. Wir wählen eine neue. Diskussion. Die Erneuerungswilligen setzten sich durch. Einige der Kollegen, die sich gegen die Wahl ausgesprochen hatten, verließen den Raum.

Wer wird gewählt?

Wer ist in der Lage, die Volksstimme in das journalistische Fahrwasser zu bringen, das die grundlegenden Umwälzungen in der DDR auch ohne vorgefasste und vorgeschriebene Meinung begleitet? Da war Karl-Heinz Schwarzkopf, ehemals stellvertretender Leiter der Magdeburger Lokalredaktion, dann zur SED-Bezirksleitung delegiert und als Rückkehrer als Vize-Chefredakteur eingesetzt. Ein Mann mit großer journalistischer Erfahrung und vielen Verbindungen. Die Belegschaft wählte Schwarzkopf. Als Stellvertreter erhielten Ernst-Günter Wöhler (Abteilung Landwirtschaft) und Manfred Zander (Wochenend-Beilage) die meisten Stimmen .

Dann der Vorschlag: Heute ist Montagsdemo. Wir sollten hingehen und dort verkünden, was wir gerade beschlossen haben. Ein Kommuniqué wurde aufgesetzt – mit den Hauptinhalten: Wahl einer neuen Chefredaktion und Trennung von der Partei. Und wer geht in den Dom? Die meisten schauten auf den Boden. Letztlich scharte sich eine Handvoll jüngerer Redakteure, darunter auch ich, um den Redaktionsleiter. Im Dom drängten sich die Menschen.

Volksstimme löste sich

Ich sah krampfhaft auf den Boden: Hoffentlich erkennt mich keiner. Schwarzkopf ging auf Domprediger Giselher Quast zu und sprach mit ihm. Wenig später stellte Pfarrer Quast ihn vor. Doch schon als das Wort „Volksstimme“ fiel, hagelte es Pfiffe. Doch Quast erinnerte das Forum daran, dass unter dem Domdach jeder das Recht habe, zu sprechen. Als Schwarzkopf mit unsicherer Stimme die ersten Sätze gesprochen hatte, konnte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören.

Und als er sagte, dass die Volksstimme sich von der Partei löse und das dem SED-PDS-Vorstand mitgeteilt werde, brandete Beifall auf. Als sich der Redner danach den Weg durch die Menge bahnte, bekam er so manchen Schulterklopfer. Erst auf dem Weg nach Hause wurde mir an diesem Abend so richtig klar: Die neue Zeit ist auch bei der Volksstimme angekommen – und bei mir.