Magdeburg l Seit 1984 berät Diplom-Psychologe Dieter Rohmann Aussteiger aus Kulten, esoterischen Gruppierungen und Sekten. Im Interview sprach er über seine Arbeit und verriet, wie die Gründer von Gruppen mit wenig Aufwand viel Macht entwickeln können.

Herr Rohmann, wo liegen die größten Hürden in der Zusammenarbeit mit Aussteigern?
Die größte Hürde liegt immer vor dem Aussteiger selbst. Die Person muss den Mut entwickeln, sich selbst und den in der Zwischenzeit eventuell aufkommenden Zweifeln – den Kult, die Ideologie oder den Kultführer betreffend – Glauben zu schenken, zu vertrauen und schließlich den Kult zu verlassen. Die Fähigkeit „Nein“ sagen zu können, ist ungemein hilfreich dabei, das hohe Maß der Kontrolle im Kult zu durchbrechen. Physisch ist der Ausstieg dann erfolgt. Psychisch allerdings noch lange nicht. Und hier beginnt meine Arbeit. Der Aussteiger möchte verstehen, warum es gerade ihm passiert ist, auf so etwas hereinzufallen, welche Mechanismen und Dynamiken dafür verantwortlich sein können und wie es nun weitergehen soll mit dem eigenen Leben.

Sind vor allem kleinere esoterische Gruppierungen auf dem Vormarsch?
Gut erkannt. Die sogenannten großen Sekten gibt es so wie zwischen den 70er und 90er Jahren eigentlich kaum noch. All die großen sogenannten "Sektenführer“ sind in der Zwischenzeit gestorben. Parallel dazu entstand ein schier unüberschaubarer esoterischer Supermarkt mit den exotischsten Angeboten und Behauptungen. Die Gruppen wurden kleiner, bestehen oft nur aus einem Meister oder einer Meisterin und 15 bis 30 Anhängern.

Sie sind aber deshalb nicht weniger brisant. Zumal auch hier das Blaue vom Himmel versprochen wird und mit Begriffen wie „Energie“, „Wahrheit“, „Aufstieg ins Licht" gearbeitet wird. Die Ängste und Suche nach Sinn und Heil der Ratsuchenden wird von esoterischen Anbietern oft schamlos missbraucht. Nicht nur finanzielle Verluste, sondern auch psychischer und manchmal auch physischer Missbrauch stellen sich ein. Ein Weiteres tragen die skurrilsten Verschwörungstheorien dazu bei, dass die Kritikfähigkeit des Ratsuchenden immer weiter abnimmt.

Sie sprechen lieber von Kulten statt Sekten – warum?
Der Begriff „Sekten“ ist äußerst stigmatisierend und oft auch unzutreffend. Die meisten Gruppierungen mit denen wir es heute zu tun haben, sind komplette Neuschöpfungen. Im Sinne einer Art Patchworkreligiosität. Der Begriff „Kult“ ist etwas neutraler und nicht gleich negativ belegt.

Der US-Sozialpsychologe Philip G. Zimbardo hat das ganz treffend formuliert: ‚Niemand tritt einer Sekte bei. Menschen schließen sich Interessengruppen an, die versprechen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen‘.

Wie ist es möglich, dass einzelne Personen so viel Macht über andere Menschen haben?
Eine Person hat immer so viel Macht über mich, wie ich dieser Person Macht über mich einräume. Das setzt allerdings voraus, dass man über valide Informationen verfügt, abwägen kann und darf, Zweifel und Widerspruch erlaubt sind. Aber genau das findet in fremdbestimmenden, totalitären Gruppierungen eben nicht statt. Hier soll der Mensch permanent eine andere Person sein als die, die sie tatsächlich ist. Man wird in Unsicherheit und in Angst- und Schuldgefühlen gehalten. Dass das versprochene Ziel niemals erreicht werden kann, ist dem Suchenden natürlich (noch) nicht bewusst. Dazu trägt ein hohes Maß an Kontrolle bei. Kontrolle des Verhaltens, der Informationen, der Gedanken und Emotionen. Nichts wird dem Zufall überlassen. Alles, was uns Menschen ausmacht, wird kontrolliert und permanent neu definiert. Als Suchender ist man desorientiert und wird vom Meister der Ideologie neu geformt. Der Suchende lässt auch zu, dass all das mit ihm gemacht wird. Denn ihm wurde gesagt, dass all das nur dazu dient, um einen besseren, erfolgreicheren Menschen aus ihm zu machen.