Zahlen aus dem Land

Die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt ist laut Statistischem Landesamt zwischen 1990 und 2018 von 2,9 Millionen auf 2,2 Millionen Einwohner gesunken. Gleichzeitig stieg das Durchschnittsalter von 39,2 Jahren (1992) auf 47,8 Jahre (2018) an. Nach 1990 zogen lange mehr Menschen weg als hinzukamen. Extrem war die Lage 1991. Damals zogen nur 29 746 Menschen ins Land, aber 61 635 fort (-31 889). Seit 2013 kommen wieder mehr Menschen ins Land als abwandern. Ein erhöhter Anteil der Männer unter den 18 bis 50-Jährigen lässt darauf schließen, dass vor allem Frauen abgewandert sind. 2018 standen 397 295 Männer der Altersgruppe 352 793 Frauen gegenüber, es gab also statistisch einen Überschuss von 44 502 Männern. (aw)

Magdeburg l 30 Jahre nach der Wende haben sie sich in gewisser Weise bewahrheitet: Die blühenden Landschaften, die Altkanzler Helmut Kohl den Ostdeutschen einst versprochen hatte. Städte und Dörfer sind hübsch saniert. Fassaden strahlen in frischen Farben. Im selben Atemzug ging vielen Orten allerdings auch das Leben verloren. Kinder wurden gar nicht erst geboren, Jugendliche wanderten ab. Vor allem die Älteren sind geblieben.

Der Osten lässt sich heute in weiten Teilen vor allem durch das charakterisieren, was ihm fehlt, sagt die Soziologin Katja Salomo aus Jena: Es sind die jungen Leute, vor allem die Frauen. Salomo glaubt, in einer aktuellen Studie für das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) genau darin auch einen ausschlaggebenden Grund für extreme Stimmungen gefunden zu haben. Im Gepräch mit der Wissenschaftlerin an der Uni Jena:

Frau Salomo, über die Seelenlage des Ostens ist – oft von außen – viel gesagt und geschrieben worden. Braucht es wirklich eine weitere Analyse?
Katja Salomo:
Ich glaube schon, denn bisher ging es in der Debatte meistens um Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder wirtschaftliche Benachteiligung. Die wirtschaftliche Lage spielt auch weiterhin eine Rolle, wie unsere Daten zeigen. Für sich allein ist sie jedoch keine ausreichende Erklärung.

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Warum nicht?
Armut und Arbeitslosigkeit sind nicht mehr das große Thema im Osten. Sachsen-Anhalt und den anderen ostdeutschen Ländern geht es wirtschaftlich seit der Jahrtausendwende immer besser. In ihrem Jahresbericht zur deutschen Einheit hat die Bundesregierung gerade festgestellt, dass die Wirtschaftskraft im Osten inzwischen bei 75 Prozent des Westens liegt. 1990 waren es noch 43 Prozent. Gleichzeitig ist die demografische Situation in weiten Teilen des Ostens aber viel prekärer geworden. Sie ist heute – und das wird bislang viel zu selten thematisiert – flächenhaft geradezu extrem.

Verglichen womit?
Verglichen mit der ganzen Welt. Konstellationen wie aktuell im Osten gibt es in dieser Bündelung nirgendwo. Zwar hat Japan mit hoher Überalterung zu kämpfen, der Kosovo, Lettland oder Rumänien leiden unter starker Abwanderung. In Saudi-Arabien zum Beispiel gibt es einen sehr hohen Männerüberhang. In der Kombination aus Überalterung, Abwanderung und Männerüberschuss ist die Lage in Ostdeutschland aber global einmalig – übrigens auch historisch. Vor allem Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern stehen ziemlich schlimm da. In Brandenburg ist das wegen des Berliner Umlands etwas anders.

Das behaupten Sie so ...
Ja, und wir können das belegen, etwa für Thüringen. Wäre Thüringen ein Nationalstaat, hätte es nach Japan den zweithöchsten Altersquotienten (Anteil der über 65-Jährigen, die auf 100 15- bis 65-Jährige kommen) und gleichzeitig den sechstgeringsten Jugendquotienten (Anteil der unter 15-Jährigen, die auf 100 15- bis 65-Jährige kommen). Hinzu kommt der neunthöchste Männerüberschuss weltweit. Alle Faktoren für sich gibt es woanders noch extremer. Aber in dieser Bündelung sind sie einmalig. Innerhalb Thüringens ist die Lage wie in anderen Ostländern dabei nicht überall gleich. Betroffen ist vor allem das Land, während die Städte sich positiver entwickeln.

Was sind die Folgen?
In Gebieten mit einer solchen Demografie gibt es das diffuse Gefühl, benachteiligt zu sein. Das zeigen unsere Daten. Man nimmt wahr, dass andere in Deutschland besser leben und hat Angst, auf die Verliererseite des Lebens zu geraten.

Was hat das mit der Demografie zu tun?
Ziemlich viel: Abwanderung und Überalterung sorgen für eine Abnahme der Kaufkraft. Der Einzelne kann sich heute zwar mehr leisten als früher. Zusammengenommen reicht es trotzdem nicht mehr, um das Leben im Ort zu halten. Wenn Verkehrsanbindungen eingestellt werden und Bäcker, Post oder Kneipen schließen, geht vieles verloren, was Orte interessant macht. Man weiß heute, dass gerade leere Häuser einen Einfluss auf das Wohlbefinden haben. Greift Leerstand um sich, schafft das Unzufriedenheit. Das gilt auch für Kinder. Fehlen sie, fallen Fußballspiele weg, füllt sich das Schwimmbad nicht mehr, schwindet das Vereinsleben. Ich kenne Gemeinden, in denen Kinder mit dem Krippenspiel von Ort zu Ort tingeln müssen, um den Anschein lebendiger Traditionen zu wahren. Wenn so etwas Fundamentales verschwindet, dann fehlt den Menschen etwas.

Und das führt zu rechten Stimmungen?
Diese Faktoren führen zu gefühlter Benachteiligung, das Selbstwertgefühl leidet. Das lässt es Menschen schwerer fallen, Zuwanderung zu akzeptieren: Schaut man unsicher in die eigene Zukunft, verunsichert Immigration von außerhalb Deutschlands und der EU noch mehr. Fühlt man sich benachteiligt, ist man weniger bereit, den eh schon zu kleinen Kuchen mit neuen, die von außerhalb kommen, zu teilen. Ein weiterer Faktor könnte der Männerüberschuss – das heißt eigentlich die Abwanderung junger Frauen – sein. Im Ilmkreis in Thüringen etwa kamen vor zwei Jahren 129 Männer im familienfähigen Alter auf 100 Frauen.

Warum ziehen denn gerade die Frauen weg?
Frauen sind zunächst generell mobiler als Männer. Warum, ist nicht ganz klar. Zudem verlassen Mädchen die Schule häufiger mit besseren Abschlüssen und sind häufiger in Dienstleistungsberufen zu finden. Die sitzen meist im Westen. Einmal dort angekommen, haben Frauen zudem auch mehr Erfolg auf dem Heiratsmarkt als Männer. Sie kommen daher auch seltener wieder. Männer hingegen kehren häufiger mal zurück. Und: Sie brauchen den Osten oft gar nicht erst verlassen. Jobs beim Automobilzulieferer oder in der Industrie gibt es ja.

Und das lässt die verbliebenen Männer radikal werden ...
Naja, man weiß, dass Frauen mehr in nachbarschaftliche Beziehungen investieren und mehr vor Ort organisieren. Dieses ausgleichende Element geht mit ihnen verloren. Wenn sich Männer bereits auf dem Heiratsmarkt benachteiligt fühlen und dann, wie in der Flüchtlingskrise geschehen, von außen auch noch viele als fremd wahrgenommene Männer kommen, die einem die „knappe Ressource“ Frau wegnehmen könnten, kann es auch mal brenzlig werden. Vielleicht lassen sich vor diesem Hintergrund rechte Stimmungen und auch punktuell rechte Gewalttaten erklären, aber mit Blick auf den Stand der Forschung ist das spekulativ und eine flächendeckende Erklärung ist es sicher nicht.

Was würde die Rückkehr von Frauen ändern?
Man weiß zumindest, dass ein ausschlaggebender Grund für den Ausstieg aus der rechten Szene oft die Gründung einer Familie ist. Männern ist dann wichtig, Vorbild für ihr Kind zu sein. Männer mit Kindern haben auch einen geringeren Testosteronspiegel. Natürlich spielen aber auch Prägungen eine Rolle. Wenn das Umfeld im Dorf rechts ist, wachsen viele junge Männer da einfach so rein, die politische Einstellung kann also auch Zufallsprodukt sein. Eine Rolle spielt dabei, dass die extreme Rechte aus dem Westen nach der Wende gerade auf dem Land eine hohe Präsenz gezeigt hat. Das wirkt nach.

Die demografische Lage ist also einmalig, aber sind rechte Einstellungen den Ostdeutschen auch eigen, wie mitunter nahegelegt wird?
Nein, Unzufriedenheit und Radikalisierung aufgrund der demografischen Lage haben nichts mit ostdeutscher Mentalität zu tun. Viele machen es sich da zu leicht. Fremdenfeindliche Reflexe lassen sich unter ähnlichen Bedingungen überall auf der Welt beobachten – in den USA oder Großbritannien und, so ist zu vermuten, regional auch in Westdeutschland.

Mancher empfiehlt Zuwanderung, um Ressentiments abzubauen und Infrastruktur zu erhalten. Könnte das helfen?
Der Kontakt von Mensch zu Mensch vor Ort kann Vorurteile tatsächlich abbauen. Auch das zeigen Untersuchungen. Zuwanderung, wie wir sie 2015 und 2016 hatten, würde dem flachen Land trotzdem nicht dauerhaft helfen, denn: Zum einen kamen viel mehr Männer als Frauen, was nicht gegen das Fehlen von Frauen hilft. Zum anderen wollen die Flüchtlinge – aus dem selben Grund wie alle anderen – nicht in den Dörfern und Kleinstädten bleiben. Sie ziehen früher oder später in die Großstädte oder in den Westen.

Was würde helfen?
Die demografischen Probleme sind – wie angedeutet – nicht überall gleich. „Den“ Osten gibt es nicht. Wir müssen boomende Städte wie Leipzig, Dresden oder auch Jena von Uckermark und Altmark unterscheiden. Helfen würde in jedem Fall, das Land besser an die Zentren anzuschließen. Auch kleinere Städte mit Supermärkten oder Freibad können so Strahlkraft entfalten. Sinnvoll wären etwa regelmäßigere Bus- und Bahnverbindungen. Mittlere Jahrgänge haben ein Auto. Für Jugendliche und Rentner aber wäre eine bessere Anbindung unglaublich wichtig. Auch andere Infrastruktur wie schnelles Internet kann helfen. Wo Gemeinschaften noch funktionieren, können Bürger auch selbst aktiv werden, etwa mit Genossenschaftsläden.

Werden wir in absehbarer Zukunft entleerte Räume auf dem Land haben?
Ja, davon muss man wohl ausgehen, Demografie ist unerbittlich. Maßnahmen, die Menschen an die Zentren anbinden, können die Wucht des Wandels aber dämpfen. Der Staat muss deshalb mehr Geld in die Hand nehmen, um Dörfer und Kleinstädte zu fördern. Die ländlichen Räume sich selbst zu überlassen – wie mancher Ökonom es vorschlägt – wäre hingegen kurzsichtig und mit Blick auf politische Stimmungen möglicherweise sogar fahrlässig.