Magdeburg l In Zerbst hat eine vierköpfige Spielertruppe um eine Lottostellen-Inhaberin 2017 und 2018 für mehr als drei Millionen Euro auf Oddset-Sportwetten gesetzt und dabei gut 300 000 Euro abgeräumt. Das Spiel erfolgte mit System und organisiert. Wegen des Verdachts auf Geldwäsche hat das darauf spezialisierte Unternehmen SIZ aus Bonn einen Prüfbericht erstellt. Der Prüfer sieht klare Hinweise, dass Spielerdaten missbraucht und Gewinnquoten zu Lasten anderer Spieler verwässert wurden. Die Lottostellen-Inhaberin steht im Verdacht, andere Mitspieler-Daten benutzt zu haben, um das eigene Tageslimit beim Wetten zu umgehen.

Der Prüfbericht liegt der Volksstimme vor. Nach der Berichterstattung am Freitag rufen erste Parteien nach Konsequenzen. SPD und Grüne fordern ein Ende von Oddset. SPD-Chef Andreas Schmidt: „Sachsen-Anhalt muss sich wie zuvor schon Niedersachsen, Sachsen und Thüringen aus dem Sportwettengeschäft zurückziehen.“ Grünen-Innenpolitiker Sebastian Striegel hält Sportwetten für „höchst missbrauchsanfällig“.

Die ans Tageslicht gekommenen Zockereien wirken auch auf die laufende Gesetzesdebatte über eine Öffnung des Sportwetten-Marktes. Derzeit sind in Sachsen-Anhalt private Sportwetten verboten - doch niemand schaut genau hin. In den Ländern wird gestritten, ob die Privaten legalisiert werde sollen. Die bundesweite Lizenz-Stelle soll nach Sachsen-Anhalt kommen. Die SPD lehnt das ab. Weder privat noch staatlich soll es Sportwetten geben. „Mehr Angebote bedeuten mehr Spielsucht“, sagt Innenpolitiker Rüdiger Erben. Auch die Grünen sind skeptisch. Die AfD ist auch gegen private Anbieter und sieht Oddset als staatliches aber besser kontrolliertes Monopol. Die CDU ist gegen Verbote. „Das Problem ist nicht das Spielsystem Oddset, sondern die mangelnde Kontrolle der Verantwortlichen“ sagte Finanzpolitiker Guido Heuer. Die sieht er bei der Lotto-Geschäftsführung.

Lotto eiert herum

Seit 2019 müht sich ein Landtags-Untersuchungsausschuss, Unregelmäßigkeiten bei Lotto aufzuklären. Der erhellende SIZ-Prüfbericht liegt seit Ende 2018 vor, Lotto aber hielt es bis gestern nicht für nötig, die Recherchen dem Ausschuss zu übermitteln. Eine Lotto-Sprecherin sagte: „Wir haben keinen SIZ-Bericht.“ Sie verwies stattdessen auf ein Memorandum. Nun: Dieses Memorandum gibt haarfein die SIZ-Recherchen wieder. Oddset-Chef Michael Hettlich aus München hatte das Memorandum dem Geldwäschebeauftragten von Lotto Sachsen-Anhalt, Lutz Ostermann, zugesendet – am 18. Oktober 2018. Ein schwer verärgerter Ausschuss-Chef Andreas Steppuhn (SPD) sagte, er hätte erwartet, dass die Lotto-Chefs den Bericht „von sich aus und früher zur Verfügung gestellt hätten“.

Der Ausschuss tagt wieder am 3. Juli. Geladen sind zwei Spielerinnen: Die Ex-Lottostellen-Inhaberin Marie Hebnarova sowie ihre einstige Mitarbeiterin Doreen Poege.