Naumburg l Als die Nachricht kam, jemand hätte den Vater in Workuta gesehen, im Straflager hoch oben im kalten Norden Russlands, da war sie wieder: Hoffnung. „Sie hoffte sehr lange.“ Als er das über seine Mutter sagt, sitzt Helmut Sonnenschein auf einer Parkbank mitten in Berlin, unweit zieht die schmale Spree vorüber. Sonnenschein heißt wie sein Vater, doch kennengelernt hat er ihn nie. Die Mutter war mit ihm im sechsten Monat schwanger, als der Vater eines Tages aus dem Haus in Naumburg ging - und spurlos verschwand. Zeitlebens habe die Mutter gehofft, sagt der Sohn. In den Jahrzehnten quälender Ungewissheit auch auf Workuta, wo ihr Ehemann nicht war, nie gewesen ist; denn er war bereits tot. Erschossen, in Moskau.

Aus dem Wohnungsamt ins Butyrka-Gefängnis

Es fing harmlos an: An einem Novembertag im Jahr 1950 soll der Wissenschaftler Dr. Helmut Sonnenschein für eine angeblich zu klärende Angelegenheit zum Wohnungsamt mitkommen. Er wird abgeholt. Zeithistorische Recherchen legen nahe, dass ein MfS-Greifkommando schon bereitstand, um ihn mitzunehmen und dem sowjetischen Geheimdienst zu übergeben. Familie Sonnenschein bekam das nicht mit, wie sie auch nicht erfuhr, nicht erfahren sollte, dass er am 26. April 1951, abgeschottet von der Außenwelt und nach monatelangen Verhören, vorm Sowjetischen Militärtribunal Nr. 48240 zum Tod verurteilt wurde. Der Geheimdienst verschleppt ihn nach Moskau, wo er am 4. Juli 1951 im Butyrka-Gefängnis hingerichtet wird.

Was man ihm damals vorwarf, Spionage gegen die Sowjets und Aufruf zum bewaffneten Kampf, erwies sich nach Ende des Kalten Krieges im Rehabilitationsverfahren der 1990er Jahre als haltlos. Das zeigen die offiziellen Dokumente, die der Familie Sonnenschein seit 1990 Stück für Stück bekannt und ausgehändigt wurden. Der russische Generalstaatsanwalt rehabilitierte Helmut Sonnenschein im März 1994 vollumfänglich.

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Mit einer Gedenktafel erinnert das Moskauer Projekt „Die letzte Adresse“ und Memorial Deutschland jetzt an sein Schicksal. In Postkartengröße und stahlverzinkt, wurde sie in dieser Woche mit den eingravierten Lebensdaten an seiner „letzten Adresse“, dem früheren Wohnhaus in Naumburg angebracht. Zugleich holt die deutsch-russische Initiative damit ein frühes, dunkles Kapitel DDR-Geschichte ins öffentliche Bewusstsein zurück: Wie die sowjetische Besatzungsmacht bis Anfang der 1950er Jahre Menschen verfolgte, um den neu gegründeten SED-Staat zu etablieren.

140 Todesurteile allein gegen Sachsen-Anhalte

Die Schicksale vieler zu Unrecht Verurteilter konnten erst mit Öffnung der Archive nach Ende des Kalten Krieges genauer recherchiert werden. Allen voran russische Menschenrechtler haben dazu beigetragen: Für den Zeitraum von 1950 bis 1953 gab es demnach rund 140 Todesurteile allein gegen Frauen und Männer in den Grenzen des früheren Sachsen-Anhalts, die in Moskau vollstreckt wurden. Knapp 1000 bezogen auf ganz Deutschland; selbst einige Westdeutsche gerieten in die Mühlen sowjetischer Militärjustiz. Mindestens zwei Drittel dieser Menschen wurden bislang vollständig rehabilitiert.

Helmut Sonnenschein, der Sohn, heute 69 Jahre alt, versucht sich zu erinnern, wie das war, für ihn als Kind. „Ich bin da so reingewachsen.“ Für seine Geschwister, sagt er, müsse es viel schlimmer gewesen sein, für seine Schwester Ursula, die damals schon zwölf Jahre alt war. Für seinen Bruder Henk, den Sechsjährigen. Seine Mutter Hildegard Sonnenschein stand mit ihren Kindern auf einmal allein da, hielt sich mit einer Hypothek und viel erfarener Solidarität über Wasser, „bis sich die erstmögliche Gelegenheit ergab, um die Familie ernähren zu können“, sagt der Sohn. Sie wurde Lehrerin in Naumburg und unterrichtete mehr als 30 Jahre Chemie.

All die Zeit habe sie sich an viele Stellen gewandt, um etwas herauszufinden, sagt der Sohn. Sei sogar bis nach Leningrad gefahren – „das muss 1987 gewesen sein“ –, als Touristin übers Reisebüro, nur um einen Brief an Gorbatschow in der Post abzugeben. Zu Zeiten von Glasnost und Perestroika, als die stalinistischen Verbrechen im Ostblock langsam öffentlich wurden, begann ausgerechnet die Sowjetunion vertrauensseliger zu wirken als die DDR. Hildegard Sonnenschein starb im Alter von 89 Jahren, die Rehabilitierung ihres Mannes fünf Jahre zuvor erlebte sie noch.

Anke Giesen von Memorial Deutschland ist es wichtig, dass Menschen wie Helmut Sonnenschein auch öffentlich gedacht wird, „dass noch einmal mehr Aufmerksamkeit entsteht für sie, die unschuldig mit völlig ausgedachten Vorwürfen verhaftet, verurteilt und erschossen wurden“. Deshalb engagiert sie sich für „Die letzte Adresse“. Nach Naumburg fährt ihre Vorstandskollegin Sabine Erdmann mit, die das Projekt auch unter dem Blickwinkel einer erfolgreichen russisch-deutschen Kooperation zur Erinnerungskultur sieht. Es sei wichtig, auch diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten, sagt Erdmann, aber ohne irgendetwas aufrechnen zu wollen. „Unser Anliegen ist, Geschichte differenziert zu betrachten. Und Herr Sonnenschein ist ja interessant - weil er diese beiden Seiten hat.“ Geschichte ist selten schwarz-weiß.

Gefragter Fachmann für Nazis und Sowjets

Wer war Dr. Helmut Sonnenschein? Sonnenschein, geboren 1906 in Leipzig, war Wissenschaftler, ein Mathematiker, der sich auf Ballistik spezialisierte. Kein Widerständler, sondern ein Fachmann, der für seine Familie ein Auskommen finden wollte. Mit 30 Jahren stellt ihn das Heereswaffenamt ein, wo er als Oberregierungsbaurat Licht-Schall-Messungen für Artilleriewaffen auf einem Versuchsschießplatz in der Börde kontrolliert. Zwei Jahre später wird er nominelles Mitglied der NSDAP. Im Krieg kommandierte er drei Jahre eine Batterie an der Front, bevor er ab 1944 am wichtigen V2-Projekt mitarbeitet, bei dem er auf dem Rückzug wohl auch kurzzeitig in US-Kriegsgefangenschaft geriet. In erster Zeit nach dem Krieg kam Sonnenschein als Ballistiker in einer Geheim-Einrichtung der Sowjets unter und pendelte dafür aus Sachsen-Anhalt nach Berlin, bis 1948. Dann fasste er in der Agfa-Filmfabrik Wolfen beruflich Fuß – 1950 dann die Verhaftung.

Der Archivar der Universität Leipzig würdigt Sonnenschein in einem Artikel anlässlich seines 100. Geburtstags und beschreibt, wie er sich in beiden Systemen seine eigenen Gedanken machte: 1935 dankt der frische Promovend noch ausdrücklich seinen akademischen Lehrern, den bekannten jüdischen Wissenschaftlern Lichtenstein und Levi. 1950 schreibt er einem Freund in Süddeutschland, die DDR übe immer mehr Druck aus, „es scheint auch eine neue Beschattungswelle durch das Land zu gehen“.

Willkür durch „Gummi-Paragraphen“

Das Urteil gegen Sonnenschein als Bürger der DDR erging hinter verschlossenen Türen; Basis war der berüchtigte Strafrechts-Artikel 58 der russischen Sowjetrepublik, der als „Gummi-Paragraph“ galt. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass die Militärtribunale der Sowjetunion Kriegs- und Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten verfolgen sollten. Ein berechtigtes Anliegen, denn im Krieg gegen Hitler waren rund 27 Millionen tote Sowjetbürger zu beklagen. Zahlreiche Schicksale verurteilter Deutscher aus den DDR-Nachkriegsjahren und die Rehabilitationsverfahren nach 1990 offenbarten: Die Praxis der Tribunale brachte unheimliche, vom Stalinismus produzierte Auswüchse mit sich. Schon die Geschichte des Gulags zeigt, wie Kategorien echter und vermeintlicher Verbrecher verwischten, so dass Millionen Sowjetbürger in den Lagern verschwanden, ob in Workuta, Perm oder an der Kolyma.

Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sagt, das Terrorregime und die Logik konstruierter Vorwürfe, wie sie die stalinistische Ära durchzogen, seien im Mai 1945 nach Ostdeutschland mitgebracht worden. „Es war das Mittel der Wahl, um hier auch für Ruhe zu sorgen.“ Die einen erfuhren willkürliche Todesurteile, die anderen jahrelange Verbannung ins Straflager, darunter Sozialdemokraten, unbequeme Kommunisten, viele Jugendliche, Menschen, die der Sowjetisierung der Gesellschaft kritisch oder vermeintlich kritisch gegenüberstanden. „Überall hat man Feinde des Kommunismus gesehen, den man hier implementieren wollte.“

Was hatte bei Sonnenschein zur Verhaftung geführt? War er zur falschen Zeit am falschen Ort? War es ein Wort zu viel? - Sohn Helmut Sonnenschein ist überzeugt: „Es war der Denunziationsbrief.“ Der Vater wurde darin unter anderem bezichtigt, Kontakte zu einer westdeutschen Bruderschaft zu pflegen und „eine gewisse Gefahr für den Aufbau der DDR“ darzustellen. Das Schreiben liegt ihm mittlerweile vor, der Eingangsstempel beim MfS zeigt Juli 1950 – fünf Monate vor der Verhaftung.