Magdeburg l Hans-Jochen Heinze ist seit März dieses Jahres Ärztlicher Direktor der Magdeburger Uniklinik. Doch bereits 2018 legte er eine brisante Analyse vor, die auch dem Aufsichtsrat zur Kenntnis gelangte. Zur Situation der Uniklinik schrieb Heinze seinerzeit, bei weiter schlechten Bedingungen könne das jährliche Minus bis 2022 auf bis zu 25 Millionen Euro ansteigen. Die Marke aber wird voraussichtlich bereits in diesem Jahr überschritten. Laut Wirtschaftsplan rechnet die Geschäftsführung 2019 mit einem Defizit von 27 Millionen Euro.

Die Uniklinik macht auch wegen der Sparpolitik des Landes einen Investitionsstau von 800 Millionen Euro aus. Dazu kommt jetzt Heinzes Bestandsanalyse aus dem vorigen Jahr zu schweren Fehlern im eigenen Haus. Als Ursache für die prekäre Finanzlage der Uniklinik nennt er „Struktur- und Leitungsprobleme, die sich wechselseitig beeinflussen“. So gebe es „kein funktionierendes Kontrollsystem beziehungsweise Qualitäts- und Risikomanagement“.

Mit schwerwiegenden Folgen. „Gesetzliche Vorgaben im Bereich Brandschutz, Datenschutz, Medizinproduktegesetz und Katastrophenschutz werden nicht erfüllt“, schreibt Heinze in seiner Analyse. Beispielhaft nennt er die Situation in der Hautklinik. Wegen Brandschutz-Maßnahmen waren bis vor kurzem 22 Betten geschlossen. Konsequenz laut Heinze: „Es ist mit 30 Prozent weniger Patienten zu rechnen, was zu Umsatzeinbußen von zirka drei Millionen Euro führt.“

Heinze kommt in seiner Bestandsaufnahme zum Ergebnis, dass auch medizinische Prozesse nicht gemanagt würden. Die Fallzahlen sänken seit Jahren. Die OP-Steuerung sei unzulänglich. Heinze: „Bei durchschnittlicher OP-Zeit würden etwa 3,7 Millionen Euro eingespart.“ Unnötige Wartezeiten und die Verschiebung von OPs für schwerkranke Patienten könnten vermieden werden.“

Abrechnungspraxis in der Kritik

Scharf kritisierte Heinze, dass Abrechnungen gegenüber den Kassen nicht gemanagt würden. Es seien Klagen vermieden und nachteilige Vergleiche geschlossen worden. Die Dokumentation sei unzureichend, Rechnungen seien „unvollständig fakturiert“. Er beklagte, dass das von Ministerin Petra Grimm-Benne (SPD) geleitete Sozialministerium immer noch einfordere, sich mit den Kassen gütlich zu einigen, „obwohl die Forderungen der Kassen nicht nachvollziehbar und im Bundesvergleich unüblich sind“.

Ein medizinisches Profil, das den Standort Magdeburg als einen klinischen Leuchtturm in Deutschland ausweise, müsse umgehend entwickelt werden. Voraussetzung dafür seien genaue Kenntnisse der Strategien der anderen Klinika in Deutschland. Die aber seien „hier nicht vorhanden“. Heinze: „Einzelgespräche, wie sie zurzeit geführt werden, sind kontraproduktiv und verschwenden wertvolle Zeit, die wir nicht haben. Denn gegenwärtig rüsten alle Standorte in Deutschland massiv auf.“

Als Heinze die Analyse verfasste, war noch Jan Hülsemann Ärzte-Chef. Diesen Posten hatte letzterer von 2007 bis 2019 inne. Die Kritik zielt auch sehr auf seine Amtsführung. Hülsemann sagte gestern, er kenne das Papier nicht.

Willingmann will sich äußern

Minister Armin Willingmann, der auch Aufsichtsratschef der Uniklinik ist, will sich heute bei einer Pressekonferenz zum Thema äußern. Kolportiert wurde bereits gestern, dass der Minister die Entscheidung des Klinik-Vorstandes infrage stellen werde, die Krebsstation zu schließen.

Der Vorstand um Heinze hatte den Schritt vor einigen Tagen vor allem mit gravierenden hygienischen Mängeln im Gebäude begründet und sich dabei auf externe Gutachten berufen. Durch die mögliche Ausbreitung von Keimen von einer Infektionsstation – diese befindet sich zwei Etagen tiefer – auf die Krebsstation ging demnach ein erhebliches Risiko für die schwerkranken Patienten aus.

Nach Volksstimme-Informationen zeigt ein Gutachten auch Alternativen zur Schließung auf. Nach Angaben der Klinik-Leitung wäre eine Option der Umzug der Station in das moderne Bettenhaus 60 B gewesen. „Dafür hätten wir allerdings eine Ausweichstation für die Augenklinik finden müssen und im Gebäude eine spezielle Lüftungsanlage installieren müssen“, sagte die Kaufmännische Direktorin Kerstin Stachel. „Uns ging es aber um die schnellste und sicherste Lösung für die Patienten“, betonte sie.